Der rollende Paul: Bayerischer Senior schafft sich eigene E-Gehhilfe

Wer im Alter nicht mehr gut zu Fuß ist, braucht einen Rollator oder gar einen Rollstuhl. Karl Paul (80) aus Waldkraiburg will sich damit nicht zufriedengeben und hat sich kurzerhand selbst ein Gefährt überlegt. Für Freiheit und Unabhängigkeit im Alltag. Ein Besuch im Landkreis Mühldorf am Inn.
von  Rosemarie Vielreicher
Karl Paul aus Waldkraiburg präsentiert seine elektrisch betriebene Gehhilfe, mit der er durch die Stadt fährt.
Karl Paul aus Waldkraiburg präsentiert seine elektrisch betriebene Gehhilfe, mit der er durch die Stadt fährt. © Rosemarie Vielreicher

Über Stock, über Stein, auf Teer, auf feuchtem Waldboden, vorwärts und auch rückwärts: Karl Paul (80) rollt durch seine Heimat Waldkraiburg. Nicht mit einem Rollator oder E-Scooter oder gar einem Rollstuhl. Nein, mit seiner eigens erdachten und erbauten elektrischen Gehhilfe. Mit fünf Rädern und dem Antrieb eines E-Rollstuhls.

Der Tüftler holt die AZ damit am Bahnhof in Waldkraiburg ab und präsentiert stolz seinen Wegbegleiter Marke Eigenbau. Schon steigt der 80-Jährige wieder auf die Steh-Plattform. Ganz aufrecht und nicht mit den Füßen hintereinander wie bei E-Scootern, sondern bequem nebeneinander. Der Lenker erinnert an ein Fahrrad, mit einer sanften Drehung am Griff setzt er die Gehhilfe in Bewegung. Eine Handbremse gibt es auch.

Anzeige für den Anbieter Glomex über den Consent-Anbieter verweigert

Der frühere Steinmetz will seine Erfindung demonstrieren, aber nicht nur auf der schnurgeraden Straße. Er fährt los, ruft über die Schulter: "Auf geht's!" Das Ziel: sein "Versuchsgelände" in einem kleinen Waldstück, wo er im Praxistest schon zig Fehler ausgemerzt hat.

Tüftler, Einzelgänger, Original

Der 80-Jährige ist ein Tüftler, zugleich ein Einzelgänger. Ein Original, würde man in Bayern sagen. Einsamkeit hat für ihn nichts mit zu wenig Freunden zu tun, sondern wenn einem Ideen fehlten. Und er habe eine Million Ideen.

Zig Jahre hat er mit Technik-Wissen, Ehrgeiz und Fantasie an seiner individuellen elektrischen Gehhilfe gewerkelt, immer wieder neue entwickelt, sie verbessert, zum Beispiel in Sachen Stabilität. Deswegen hat die aktuelle Version fünf Reifen, damit er beim Fahren sicher ist und nicht wackelt. Er sagt: "Ich habe die Ideen, mein Konstrukteur macht’s." Er hat auch ein Patent dafür angemeldet.

So schaut das Gefährt aus.
So schaut das Gefährt aus. © Rosemarie Vielreicher

Nicht das einzige Patent in seinem Leben, etwa auch für eine E-angetriebene Sackkarre hat er eines. Pauls Name findet sich auch auf der Liste der Preisträger des Bayerischen Staatspreises auf der Internationalen Handwerksmesse München 2011, für einen elektrisch angetriebenen Transportwagen.

Frei und unabhängig im Alter

Paul geht es bei seiner entwickelten Gehhilfe nicht um Profit. Sondern um Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstständigkeit. Der Senior will jeden Tag in die Stadt fahren können, ins Café, zum Einkaufen – ohne auf Hilfe angewiesen zu sein. "Dieses Gerät gibt mir Freiheit." Er habe damit keine Weltreise vor, aber die alltäglichen Wege werden damit bedeutend leichter.

Er ist nach eigenen Angaben seit Jahren schlecht zu Fuß, er deutet auf die Hüfte. Vor einer Operation hat er Respekt. "Das ist wie mit dem Heiraten, trauen muss man sich." Als er eine Blindschleiche am Weg entdeckt, die sich schlängelt, wo auch Radlfahrer und E-Scooter unterwegs sind, bückt er sich trotzdem langsam nach unten und befördert sie an den Wegesrand. Das Tierchen soll schließlich nicht überrollt werden.

Ein normaler Rollator? Bringt ihm nichts

Als ihm der Arzt vor vielen Jahren einen herkömmlichen Rollator empfahl, war für Karl Paul schnell klar, dass das für ihn nicht die richtige Lösung ist. Denn dafür müsse man trotzdem einigermaßen gut zu Fuß sein. Und sperrig ist er auch, zum Beispiel, wenn man Busfahren will.

Ein Rollstuhl? Er winkt ab. Dafür fühlt er sich noch zu jung. Zudem sei man mit einem Rollstuhl oft auf Hilfe angewiesen. Da war der Entschluss des Tüftlers klar: "Ich baue mir mein Gerät selbst!" Zehn Modelle hat er schon entwickelt, auf dem jeweiligen Stand der Technik. Sie stehen bei ihm daheim.

Ein Vorteil der Konstruktion: "Durch das Stehen muss ich meine Balance in Gang halten, ich muss meine Muskeln anstrengen. Das Gerät verleitet mich nicht zur Faulheit, ich muss mitdenken."

Karl Paul als Waldkraiburg überwindet jedes Hinternis, als ihn die AZ besucht.
Karl Paul als Waldkraiburg überwindet jedes Hinternis, als ihn die AZ besucht. © Rosemarie Vielreicher

Während er erzählt, überwindet er mit seiner elektrischen Gehhilfe Kopfsteinpflaster, rollt über einen kleinen Bahnübergang und genauso über schiache Wege im Wald rauf und runter. Mit der rechten Hand reguliert er sanft das Tempo, links ist die Handbremse. Auch die AZ lässt er fahren. "Auf geht’s, komm, auf geht’s!"

Er hatte sich bei der AZ gemeldet, weil er darin einen Bericht über den über 90 Jahre alten Erfinder Gerhart Wissel aus Überlingen am Bodensee gelesen hatte. Dieser hat einen Offroad-E-Rollator für die Berge entwickelt und sogar ein Start-up gegründet.

Der Waldkraiburger will keine Firma gründen

Das will der Waldkraiburger nicht. Der 80-Jährige möchte mit der Entwicklung seinen Alltag bestreiten. Mehr nicht. Auch wenn er häufig gefragt werde, ob und wo man das Gefährt kaufen könne. "Nirgends", sagt Paul dann. "Das ist einfach meine Konstruktion. Ich könnte mit 80 keine Firma mehr haben, ich will keinen Stress mehr. Ich will meinen Tag genießen."

Auf einem E-Scooter stehen die Füße hintereinander, bei Karl Paul stehen sie bequem nebeneinander.
Auf einem E-Scooter stehen die Füße hintereinander, bei Karl Paul stehen sie bequem nebeneinander. © Rosemarie Vielreicher

Und zwar im Tempo von maximal sechs Kilometern pro Stunde. So schnell fährt er damit, weil er sich mit dieser Geschwindigkeit erstens sicher fühlt und zweitens, weil er damit bürokratische Vorgaben umgeht. So brauche er "keine Zulassung, keine Versicherung, keinen Führerschein, gar nichts". Die Polizei habe ihn in der Vergangenheit schon Dutzende Mal kontrolliert. Mittlerweile nicht mehr, sagt er. "Das ist doch kein Rennwagen, das ist eine elektrische Gehhilfe", so lautet sein Kommentar.

So umgeht er die Versicherungspflicht

Der ADAC schreibt im Zusammenhang mit E-Mobilen für Senioren: "Bei allen motorisierten E-Mobilen, die bauartbedingt schneller als sechs km/h fahren können, ist eine Kfz-Haftpflichtversicherung nötig." Auf der Seite des Bußgeldkatalogs heißt es dazu passend: "Schafft Ihr Seniorenmobil bauartbedingt allerdings nur eine Höchstgeschwindigkeit von maximal 6 km/h, sind Sie von der Versicherungspflicht befreit."

Grundsätzlich gilt demnach auch: "Gilt ein E-Mobil für Senioren rechtlich als Krankenfahrstuhl, ist es ein führerscheinfreies Fahrzeug, für das weder Fahrerlaubnis noch Prüfbescheinigung erforderlich sind."

30 Kilometer Reichweite

Wie weit reicht ihm der Akku? 30 Kilometer könne er damit fahren. Früher fuhr auch sein geliebter Hund Moritz mit. Doch sein Begleiter, sein Familienmitglied starb 2024. Er zieht einen Zeitungsausschnitt aus einer Tasche, sein Hund habe in der lokalen Zeitung sogar eine Art Nachruf bekommen. Dieser Abschied geht dem 80-Jährigen immer noch nah, das spürt man. Er zeigt auch ein Foto, auf dem der treue Hund in einem früheren Modell der Paulschen Gehhilfe sitzt. "Wenn wir in die Stadt gefahren sind, hat uns jeder begrüßt."

Der Griff der elektrisch betriebenen Gehhilfe.
Der Griff der elektrisch betriebenen Gehhilfe. © Rosemarie Vielreicher

Nun ist er allein damit unterwegs, hat bereits diverse weitere Ideen zur Verbesserung. Er wolle damit zeigen, dass die Mobilitätsindustrie zu untätig bleibe und sich auf klassische Rollatoren fokussiere. Obwohl aus seiner Sicht mehr möglich ist.

Wie viel Geld er schon in die Entwicklung gesteckt hat? Das hat er nicht mitgeschrieben, ist für ihn aber nicht entscheidend. "Ich baue das nur für mich, das ist Reichtum."

Zurück am Bahnhof schaut eine wartende Frau neugierig auf die Gehhilfe von Karl Paul. "Verrückt, oder?", kommentiert er in ihre Richtung. Ihre Antwort, die ihn freuen dürfte: "Das ist nicht verrückt, das ist praktisch!"

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.