Der "Papst für gutes Altern" verrät: Anti-Aging gibt es nicht
Volker Steinkraus (72) ist Hautarzt, Universitätsprofessor für Dermatologie, Gründer des Dermatologikums, einer der weltweit größten Einrichtungen für ambulante Dermatologie, darüber hinaus Denker, Beobachter – und ein Mann, der das Altern nicht bekämpft, sondern versteht.
Seit über 40 Jahren sieht er täglich, wie Lebensstil, Ausstrahlung, Haltung und Hautzustand zusammenwirken. Seine zentrale Botschaft: Das viel gepriesene Anti‑Aging gibt es gar nicht!
Ein kluges, bewusstes, lebensfrohes, gelassenes Annehmen der Jahreszahlen indessen schon.

"Anti-Aging ist ein Oxymoron – wie eine lebende Leiche", resümiert der Professor im AZ-Gespräch. Ein "Well-Aging" hingegen gebe es schon. Seine Erfahrungen und Tipps hat der Hamburger "Papst für gutes Altern" jetzt in seinem Buch "How to look better. 10 Maximen für eine schöne Haut – und ein besseres Leben" (Murmann-Verlag, 29 Euro) festgehalten.
"Ein Naturgesetz und kein Fehler"
AZ: Herr Steinkraus, lassen Sie uns gleich beim Begriff "Anti-Aging" innehalten, einem jahrzehntelangen Marketing-Hype.
VOLKER STEINKRAUS: Ein Widerspruch in sich! Denn das Altern ist ein biologischer Prozess, der mit der Geburt beginnt und nicht aufhaltbar ist. Ein Naturgesetz also und kein Fehler, den man beheben kann durch überteuerte Wundercremes oder Rotlichtmasken, für die der wissenschaftliche Beleg fehlt, oder durch übertriebene Eingriffe!

Aber die "guten Gene", über die man häufig auch im Zusammenhang mit gewissen Schauspielerinnen liest, die gibt es schon?
Nur ein Drittel ist Genetik! Zwei Drittel sind Lebensstil, resultierend aus einem bewussten Zusammenspiel von Körper, Geist und sozialem Umfeld. Wir sind das, was wir wiederholt tun. Und vor allem: Wir sind so alt, wie wir uns denken! Für mich ist Alter kein biologisches Schicksal, sondern ein Ergebnis aus schlechten Gewohnheiten, negativer Denkweise und ungesunder Lebensweise. Alle Leute im hohen Alter, die gesund sind, sind am Ende messerscharf im Kopf. Sie sind sehr klug, lesen viel, sind neugierig, tolerant, gebildet, beweglich, sozial verbunden, mutig und bereit, Neues zu lernen und trauen sich viel zu. Also ist im Umkehrschluss Jungbleiben ein mentaler Zustand, der sich auch körperlich ausdrückt. Wichtig dabei: positiv denken, positiv leben – und sich vor Augen halten, dass es nie zu spät ist, neu anzufangen gesunde Lebensweisen zu erlernen, zu verinnerlichen und zu manifestieren.
Je bequemer man es sich macht, desto früher wird man gebrechlich
Bitte ein paar Tipps zum Nachmachen!
Morgens zehn Minuten ohne Sonnenschutz nach draußen, um Vitamin D zu tanken. Dann aber ab in den Schatten mit hohem Lichtschutz und Hut! Beim Zähneputzen auf einem Bein stehen, dabei die Augen schließen. Wenn man 30 Sekunden mit geschlossenen Augen schafft, ist man schon ganz weit vorne. Zum 60. Geburtstag einen Schuhlöffel geschenkt zu bekommen, ist ein Warnsignal! Die vermeintliche Erleichterung bewirkt das Gegenteil. Je bequemer man es sich macht, desto früher wird man gebrechlich. Also: die Schuhanziehhilfe wegwerfen, sich hinunterbücken und somit die Beweglichkeit erhalten.

Neustart mit heutigem Wissen – was würden Sie anders machen? Und wie halten Sie sich fit?
Meine ganzheitliche Philosophie beruht auf vier Stellschrauben, wie ich sie nenne: Bewegung, gute, bewusste Ernährung ohne Verzicht, regelmäßiger Nachtschlaf und ein Freundeskreis aus Menschen aller Interessen- und Altersgruppen. Wichtig ist, dass man möglichst zeitig damit beginnt und eine regelmäßige Routine entwickelt! Ich würde heute schon früh mit den gesunden Verhaltensweisen beginnen und in mein Leben einbauen: Waldspaziergänge, Wirbelsäulen-Gymnastik täglich im Bett schon vor dem Aufstehen, zudem Übungen zum Muskelaufbau, Fahrradtouren, Schwimmen. Beständiges Training sorgt für eine aufrechte Körperhaltung, diese wiederum für ein jugendliches Erscheinungsbild. Der Körper verzeiht ja kurzfristig viel, langfristig rächt sich leider vieles. Ich selbst möchte 100 Jahre alt werden – und bis zum Schluss meine Schuhe selbst anziehen können. Ohne Schuhlöffel.

Die "zehn Gebote" fürs Altern von Volker Steinkraus:
1. Das Altern als unvermeidbar akzeptieren – eine Rückentwicklung gibt es nicht.
2. Regelmäßiger, ausreichender Nachtschlaf ist Pflicht. Und ein kostenloses Jungbrunnenelixier.
3. Essen, trinken und trainieren Sie weise und lassen Sie dabei Ihren gesunden Menschenverstand walten.
4. Nicht rauchen! Tabakkonsum bewirkt unter anderem einen Kollagenabbau, erhöht den Blutdruck und belastet das Herz.
5. Die Sonne mit Vorsicht genießen, in Übertreibung ist sie der Hautalterungsfeind Nummer eins.
6. Konsequente Gesichtspflege; je nach Teint gelegentliche Feuchtigkeits- und Frischekicks mit den Inhaltsstoffen Vitamin A (Retinoide), Vitamin C, Niacinamid, milden Fruchtsäuren, Hyaluron. Unsere Haut ist die Bühne des Inneren.
7. Ein bunter Freundeskreis aus jüngeren, gleichaltrigen und älteren Menschen hält mental in Schuss.
8. Nähe und Zärtlichkeiten zelebrieren; angenehme Berührungen sind ein vegetativer Stabilisator.
9. Unterschiedliche Anschauungen annehmen und offenbleiben für die Meinungen anderer. Engstirnigkeit und Vorurteile verbittern. Tolerante Menschen schauen besser aus!
10. Gelassenheit: Bewahren Sie die Ruhe und lächeln Sie so oft wie möglich. Und bitte dabei nie den Spaß verlieren und daran denken: Schönheit ist alterslos!
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