Der Brenner-Basistunnel ist das beste Beispiel: So versagt Europa bei Mega-Verkehrsprojekten

Europa baut zu teuer und zu langwierig. Der Rechnungshof stellt erschreckende Zahlen fest. Betroffen ist auch der Brenner-Basistunnel.
von  Ralf Müller
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit seinem österreichischen Amtskollegen Alexander Van der Bellen im Oktober an der Baustelle des Brenner-Basistunnels.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit seinem österreichischen Amtskollegen Alexander Van der Bellen im Oktober an der Baustelle des Brenner-Basistunnels. © IMAGO/Frank Ossenbrink

Keineswegs nur in Deutschland laufen Kosten und Zeitpläne für Megaprojekte aus dem Ruder. Die Mehrheit der milliardenschweren Verkehrsprojekte des Transeuropäischen Kernverkehrsnetzes (TEN-V) liegen nach den Feststellungen des Europäischen Rechnungshofs (ECA) gewaltig neben der Spur.

Von der Fertigstellung des TEN, die schon einmal auf das Jahr 2030 verschoben wurde, sei man weit entfernt, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Sonderbericht. Das Ziel sei definitiv "nicht zu erreichen", sagte Annemarie Turtelboom, Mitglied des Europäischen Rechnungshofs.

Acht Megaprojekte in 13 EU-Ländern

Die europäischen Rechnungsprüfer haben acht Megaprojekte zur Vollendung der grenzüberschreitenden "Kernnetzkorridore" zum zweiten Mal nach 2020 unter die Lupe genommen. Sie betreffen 13 EU-Länder. Darunter ist auch der Brenner-Basistunnel. Dessen Inbetriebnahme war zu Projektbeginn auf 2016 prognostiziert worden. Inzwischen gelte 2032 als wahrscheinlich, heißt es in dem Bericht.

Vorstände von Bürgerinitiativen des Landkreises Rosenheim stehen 2023 bei einem Infotreffen gegen den umstrittenen Neubau der zweigleisigen Bahnstrecke durchs bayerische Inntal zusammen.  Die Neubaustrecke soll Zubringer zum Brenner-Basistunnel sein.
Vorstände von Bürgerinitiativen des Landkreises Rosenheim stehen 2023 bei einem Infotreffen gegen den umstrittenen Neubau der zweigleisigen Bahnstrecke durchs bayerische Inntal zusammen. Die Neubaustrecke soll Zubringer zum Brenner-Basistunnel sein. © Uwe Lein/dpa

Der Eisenbahntunnel zwischen Österreich und Norditalien ist eines der wichtigsten Projekte des gesamteuropäischen Eisenbahnnetzes. Das Ziel, dieses Netz bis 2030 fertigzustellen, werde "zweifellos verfehlt“, so die Rechnungsprüfer. Bei der Bewertung des Tunnel-Baufortschritts sei die Zulaufstrecke in Oberbayern außer Betracht geblieben, berichtete ECA-Abteilungsleiter Guido Fara. Über die Trassenführung in Deutschland wird noch heftig gestritten. Ausgang offen.

Übersicht der Hauptröhre während eines Pressetermins der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) im Brenner Basistunnel BBT SE.
Übersicht der Hauptröhre während eines Pressetermins der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) im Brenner Basistunnel BBT SE. © Expa/Johann Groder


Doch die Verzögerungen beim Brenner-Tunnel um inzwischen 16 Jahre sind nicht die gravierendsten. So wird die Eisenbahnverbindung Lyon-Turin wahrscheinlich erst 2033 eröffnet werden, 18 Jahre später als geplant. Die Fertigstellung der Eisenbahntrasse "Baskisches Dreieck“, die ursprünglich bis 2010 betriebsbereit sein sollte, könnte sich bis 2035 hinziehen.

"Weit davon entfernt, sie in Betrieb zu nehmen"

Der ECA-Bericht stellt für fünf Megaprojekte, "für die es Daten gibt“, eine Verzögerung von durchschnittlich 17 Jahren gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan fest. "Drei Jahrzehnte, nachdem die meisten dieser Infrastrukturen entworfen wurden, sind wir noch weit davon entfernt, sie in Betrieb zu nehmen“, bedauerte Turtelboom.
Bei einigen Projekten sind noch dazu die Kosten explodiert. In dem jüngsten Bericht zu TEN-V stellen die Prüfer einen Kostenanstieg um 82 Prozent gegenüber den Schätzungen zum Start fest. In Zahlen: Derzeit liegt man um 30 Milliarden Euro oder 82 Prozent über den ursprünglichen Kostenansätzen.

Auch bei diesem verzögerten Megaprojekt war er schon zu Besuch: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M.) und Egils Levits (l.), damaliger Präsident von Lettland, besuchen 2022 zusammen mit Burhan Erkan (vorne rechts), Geschäftsführer der DB Engineering & Consulting GmbH, eine Baustelle der Rail Baltica am Hauptbahnhof von Riga. Die Eisenbahnstrecke soll von Warschau (Polen) über die baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland bis nach Helsinki (Finnland) führen.
Auch bei diesem verzögerten Megaprojekt war er schon zu Besuch: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M.) und Egils Levits (l.), damaliger Präsident von Lettland, besuchen 2022 zusammen mit Burhan Erkan (vorne rechts), Geschäftsführer der DB Engineering & Consulting GmbH, eine Baustelle der Rail Baltica am Hauptbahnhof von Riga. Die Eisenbahnstrecke soll von Warschau (Polen) über die baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland bis nach Helsinki (Finnland) führen. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Als Fässer ohne Boden haben sich besonders das "Rail Baltica“-Projekt (plus 160 Prozent) und die Eisenbahnverbindung Lyon-Turin (Verdoppelung der Kosten) erwiesen. Mit einer Kostenmehrung um 40 Prozent gegenüber ursprünglichen Annahmen erwies sich der Brenner-Basistunnel geradezu als preisstabil. Nach dem letzten Stand des Europäischen Rechnungshofs soll der 55 Kilometer lange Tunnel 8,6 Milliarden Euro kosten. Begonnen hatte man mit einem Kostenvoranschlag von sechs Milliarden Euro. 

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