Die Demenz-Welle rollt: Das große Gefälle zwischen Stadt und Land

Die Zahl der Erkrankten im Freistaat könnte bis 2060 um 70 Prozent auf 340.000 steigen. Welche Regionen besonders betroffen sind.
von  Ralf Müller
Eine Pflegerin hält die Hand einer Bewohnerin in einem Seniorenzentrum.
Eine Pflegerin hält die Hand einer Bewohnerin in einem Seniorenzentrum. © Christophe Gateau/dpa

Die Zahl der Menschen mit Demenz wird in Bayern in den kommenden Jahrzehnten erheblich ansteigen. Wie stark, hängt nach einer Hochrechnung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) davon ab, wie gut sich die Prävention entwickelt.

Im schlimmsten Fall wird die Zahl der Demenzkranken von derzeit knapp 200.000 bis auf mehr als 340.000 und damit um 70 Prozent bis zum Jahr 2060 steigen.

Es kommt auf die Prävention an

Mit mehr Prävention könnten jedoch bis zu 50 Prozent der Demenz-Neuerkrankungen verhindert werden, teilte die AOK Bayern am Montag in München mit. Entscheidend seien eine bessere Vorbeugung und Behandlung von Bluthochdruck und Diabetes sowie höhere Bildungs- und Gesundheitschancen. In diesem Fall könnten sich die Zahlen bis zum Jahr 2060 auf 200.000 bis 250.000 einpendeln.

Die Berechnungen des AOK-Instituts ergeben, dass sich die regionalen Unterschiede weiter verschärfen: Während in München im Jahr 2060 ein Anteil von 1,7 Prozent der Bevölkerung mit Demenz erwartet wird, liegt dieser im oberfränkischen Landkreis Kronach bei 4,1 Prozent. Der Grund: Städte weisen meist eine jüngere Bevölkerung aus, während ländliche Regionen stärker vom demografischen Wandel betroffen sind.

Warum die Lage in München anders ist

Schon im Jahr 2020 reichte die Spanne der Demenz-Prävalenz in Bayern von 1,1 Prozent in München bis 2,3 Prozent im Landkreis Kronach. Überdurchschnittlich hohe Demenzraten drohen vor allem in ländlichen Regionen im Nordosten und Norden Bayerns.

"Demenz ist längst keine Randerscheinung mehr, sondern eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit", sagte Alexandra Krist, Geschäftsbereichsleiterin Pflege bei der AOK Bayern. Wenn nicht frühzeitig gegengesteuert werde, drohe sich die Versorgungslücke insbesondere im Nordosten des Freistaates weiter zu verschärfen.

 

Im bayerischen Durchschnitt könnten nach einem neu entwickelten Prognoseverfahren 2060 etwa 2,5 Prozent der Einwohner von Demenzerkrankungen betroffen sein. Dieser Wert liegt im Bundesland-Vergleich im oberen Mittelfeld hinter den Stadtstaaten Hamburg (2,0), Berlin (2,0) sowie Bremen (2,2) und auf dem gleichen Niveau wie die Flächenländer Baden-Württemberg (2,5) und Hessen (2,5).

Studie von Krankenkasse prognostiziert noch höheren Anstieg

Den Berechnungen liege eine bewusst eng gefasste Demenz-Falldefinition zugrunde, hieß es von der AOK. Die Ergebnisse seien daher als konservative Schätzungen zu verstehen und bildeten eher die untere Grenze der künftig zu erwartenden Fallzahlen ab.

Die Barmer-Krankenkasse hatte in einer Anfang des Jahres vorgestellten Studie noch höhere Zahlen genannt. Der "Barmer-Krankenhausreport" gibt die Zahl der dementen Menschen in Bayern mit 255.300 an und prognostiziert einen Anstieg auf 335.300 bereits im Jahr 2040.

Das werde den Anteil der demenzkranken Personen, die in bayerischen Krankenhäusern behandelt werden, von 161.700 (Stand: 2023) auf etwa 177.000 in 14 Jahren anwachsen lassen.

Elf Prozent versterben nach oder während Behandlung

Laut Barmer-Report leiden schon heute mehr als sieben Prozent aller Patienten in bayerischen Krankenhäusern an Demenz, mit steigender Tendenz. Elf Prozent aller Patienten mit Demenz verstarben während oder kurz nach der stationären Behandlung.

Besonders häufig werden in den Kliniken Demenzkranke wegen Herzinsuffizienz, Oberschenkelhalsbruch oder Dehydration behandelt.

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