"Da haben sich bei mir alle Haare aufgestellt": Weilheim kämpft gegen AfD-Zentrum

Entsteht in dem oberbayerischen Ort ein Treffpunkt für Rechte aus ganz Bayern? Haben Politiker weggeschaut? Ein Besuch.
Patrick Guyton |
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Mahnwache in Weilheim. Montags treffen sich Gegner der AfD auf dem Marienplatz, später kommt die Gruppe „Wir in Weilheim“ zusammen, um Ideen gegen die Partei zu sammeln. Die „stille Mehrheit“ soll nicht mehr still sein, ist die Hoffnung.
Mahnwache in Weilheim. Montags treffen sich Gegner der AfD auf dem Marienplatz, später kommt die Gruppe „Wir in Weilheim“ zusammen, um Ideen gegen die Partei zu sammeln. Die „stille Mehrheit“ soll nicht mehr still sein, ist die Hoffnung. © Patrick Guyton

Im Starlight habe ich als Jugendlicher die James-Bond-Filme gesehen, das war in den 80ern“, erinnert sich Markus Loth, Bürgermeister von Weilheim. Doch im August 2024 musste das Starlight dicht machen, der Eigentümer der Immobilie verlängerte den Mietvertrag nicht.

Die Stadt hätte dort gern ein Kulturzentrum eingerichtet. Doch stattdessen hat der Besitzer die Räume der AfD vor Ort angeboten. Und die hat eingeschlagen. Ein "patriotisches Zentrum“ soll dort entstehen, so die Partei. Spekulationen von Veranstaltungen der teils rechtsextremen Partei mit bis zu 200 Besuchern machen die Runde, in Weilheim mit seinen rund 23.000 Einwohnern würde das größte AfD-Zentrum Bayerns entstehen. Die Befürchtung liegt auf der Hand, dass Auftritte von in der Szene bekannten Personen Rechte und Nazis aus dem ganzen Freistaat und darüber hinaus in das 50 Kilometer südwestlich von München gelegene Weilheim ziehen.

"Er hätte entschiedener sein sollen“

"Was die planen, ist brandgefährlich“, sagt Bürgermeister Loth von der unabhängigen Gruppe "Bürger für Weilheim“ (BfW) jetzt. Doch bis zum 19. September dieses Jahres klangen viele Stimmen in etwa so: Man sollte das Thema nicht aufbauschen, man verschaffe der AfD damit nur noch mehr Aufmerksamkeit. Jetzt, im Rückblick, sind in Weilheim viele der Ansicht, dass man sich zu wenig mit dem AfD-Fall befasst hat. Auch der Bürgermeister. Die Grünen-Stadträtin Brigitte Gronau etwa sagt: "Er hätte entschiedener sein sollen, wenn hier Braunhemden rumrennen.“

Christian Walch recherchiert mit anderen über rechte Umtriebe in der Gegend, die Gruppe nennt sich "Bündnis Zivilgesellschaft“. Der Sozialarbeiter meint: "Die Aussage der Stadt war immer: Da können wir nichts machen. Doch neben dieser Verwaltungslogik gibt es auch die gesellschaftliche Ebene.“ Seine Mitstreiterin Gesa Steding, eine Psychologin, sagt nun anerkennend: "Der Bürgermeister hat seine Haltung geändert.“

Gesa Steding und Christian Walch vom „Bündnis Zivilgesellschaft" engagieren sich gegen ein AfD-Zentrum in Weilheim.
Gesa Steding und Christian Walch vom „Bündnis Zivilgesellschaft" engagieren sich gegen ein AfD-Zentrum in Weilheim. © Patrick Guyton

Und dieser selbst meint: "Wir wollen diese AfD-Stätte nicht. Wir sind eine offene und multikulturelle Stadt.“ Neben seiner BfW positionieren sich auch Grüne, SPD und die CSU klar gegen die AfD. Wie auch immer das war in der Stadt, in der jeder jeden irgendwie kennt - am Morgen des 19. September fanden so ziemlich alle ein Flugblatt im Briefkasten. Ein vermeintliches "Amtsblatt der Stadt Weilheim in Oberbayern“. In der "Bekanntmachung“ wird die AfD-Kinoproblematik erklärt und geschrieben, dass sich "eine solche Nutzung dieser Immobilie nicht mit dem von der Stadt Weilheim vertretenen Leitbild“ vereinbaren lasse.

Die "Bekanntmachung“  ist eine Fälschung

Jetzt könne man mitteilen, dass sich die Stadt mit dem Vermieter über eine "gemeinnützige Kulturstätte“ einigen konnte. Alle seien nun eingeladen, "kreative Vorschläge zu der räumlichen Ausgestaltung und zukünftigen Nutzungsmöglichkeiten“ einzureichen. Dann ging es los in Weilheim. Viele Bürgerinnen und Bürger hatten offenbar noch überhaupt nichts gewusst von den AfD-Plänen. Die Telefonleitungen glühten, viele Mails gingen ein. Die "Bekanntmachung“ klang schön, sie stimmte aber nicht. Sie ist eine Fälschung. Das Papier hat aber seinen Zweck erfüllt: Weilheim soll endlich aufwachen.

Wer hat das Flugblatt verfasst und in der gesamten Stadt verteilt? Niemand meint, es zu wissen. Zweiter Einschlag: Die "Süddeutsche Zeitung“ reiste nach Weilheim und veröffentlichte überregional einen langen Artikel. Fazit: "Der Ort unternimmt wenig“ gegen die AfD. Weilheim sei "ein Lehrstück über politische Passivität“.

Von oben schaut‘s idyllisch aus, doch unter den Wolken gärt es: Weilheim.
Von oben schaut‘s idyllisch aus, doch unter den Wolken gärt es: Weilheim. © Alexander Rochau/imago

Das wollen sich nun ganz viele nicht nachsagen lassen. Grünen-Stadtrat Manuel Neulinger etwa meint: "Wir müssen fragen, welche Hebel es dagegen gibt.“ Er denkt dabei vor allem an das Baurecht. Das zuständige Landratsamt müsse prüfen, wie es mit dem Brandschutz steht, mit fehlenden Parkplätzen und dem möglichen Lärm, wenn AfD-Fans, Gegner und Polizei bei Veranstaltungen da sind.

Flugblattverfasser stellten sich "alle Haare auf"

Eine Frau und ein Mann sitzen in einem Café in München nahe dem Hauptbahnhof. Sie gehören zum Kreis der Flugblatt-Verfasser. Der Mann sagt: "Als ich davon gehört hatte, haben sich bei mir alle Haare aufgestellt.“ Sein Gedanke: "Da müsste man irgendwas machen, alle Leute sollten das mitbekommen.“

Sie meint: "Ich habe Erfahrungen mit verschiedenen Formen des Protests.“ Seit dem Frühsommer hat sich die Gruppe damit beschäftigt, schließlich hat man das Fake-Flugblatt als "am geeignetsten“ angesehen. Die Menschen müssten wissen, was gerade geschieht, das Thema müsste zum Gespräch werden.

Das Weilheimer Geschehen sieht sie als "Bilderbuchentwicklung von Faschismus“. Bürgermeister Markus Loth hat im Namen der Stadtverwaltung Anzeige gegen Unbekannt erstattet - "das musste ich tun“. Schließlich ist eine solche Fälschung verboten. Er trägt links einen ganz kleinen, silbern aufblitzenden Ohrstecker. Man meint, dass ein Lächeln über sein Gesicht huscht, wenn er sagt: "Das war schon eine gerissene Idee.“

Markus Loth, der Weilheimer Bürgermeister.
Markus Loth, der Weilheimer Bürgermeister. © Lindenthaler/imago

Der Besitzer der Kino-Immobilie, die Christoph Schätzl Immobilien GmbH im nahe gelegenen Dießen am Ammersee wird von der AZ angeschrieben. Warum wird an die AfD vermietet? Im Haus befindet sich nebenan schon ein kleineres "Bürgerbüro“ der Partei, ebenfalls von der Firma vermietet. Schätzl antwortet nicht.

Der Weilheimer AfD-Landtagsabgeordnete Benjamin Nolte schreibt auf eine AZ-Anfrage, dass er mit diesem Journalisten nicht spricht. Als Huglfing im Landkreis jüngst zum "schönsten Dorf Europas“ gekürt wurde, ließ er sich dort filmen und sagte, Huglfing stehe gegen "Überfremdung“: "Wer eine gesunde, deutsche Familie aufbauen möchte, der zieht aufs Land.“ Darunter sein Motto: "Bereit für die Schlacht.“

Die Weilheimer kennen sich aus mit AfDlern

Die Leute in Weilheim kennen sich mittlerweile bestens aus mit ihren AfDlern. Der Kreisrat Rüdiger Imgart etwa, ein Rechtsanwalt, hatte in sein Pkw-Wunschkennzeichen "88“ stanzen lassen - ein Nazi-Code, der für "Heil Hitler“ steht. Zwei Jahre lang kam die AfD am Volkstrauertag zur Trauerveranstaltung, brachte einen eigenen Kranz und sprach von "Heldengedenken“ - ein NS-Begriff.

"Die extremen Linken schrecken vor nichts zurück“

Das einstige Starlight-Kino ist mit Plastikplanen zugehängt. Im AfD-"Bürgerbüro“ brennt am frühen Abend Licht. Eigentlich sollte der regelmäßige "Bürgerdialog“ stattfinden, doch drin sind nur der einzige AfD-Stadtrat Reno Schmidt und ein weiterer Mann. Schmidt sagt freundlich und sehr bestimmt, dass er mit dem Journalisten nicht spricht.

Doch in diesem "Bürgerbüro“ spricht der 49-Jährige vor allem viel mit Gleichgesinnten. So sprach er etwa im Mai dieses Jahres bei einer Veranstaltung über Schulen, Lehrer und die AfD. Auf einer Tonaufnahme hört man das. Ein Lehrer habe den Schülern gesagt: "Die AfD, die dürft ihr nicht wählen, da sind zu viele Nazis drin. Ich kam nach Hause, meine Frau hat gesagt: Bitte erzählt’s dem Papa nicht, der sprengt die Schule.“ Gelächter.

Bundeswehrsoldat droht Linken

Im September sprach Schmidt über die "extremen Linken“: "Die schrecken vor nichts mehr zurück... Deswegen sind sie zu vernichten.“ Würden diese auf Dächer steigen und die Polizei mit Steinen und Platten bewerfen, rät er, einen Scharfschützen zu postieren. Dieser solle die Randalierer mehrfach in verschiedenen Sprachen anrufen. "Der Erste, der wieder eine Platte wirft, der wird erschossen“. Und: "Wenn sie weiter vorgehen, dann nehme ich die nächsten drei aus dem Weg.“ Schmidt ist Berufssoldat bei der Bundeswehr.

Montags versammelt sich die Mahnwache auf dem Marienplatz. 50 Leute sind diesmal gekommen, die AfD ist Dauerthema. Danach trifft sich "Wir in Weilheim“, 60 Leute kommen, um Ideen gegen die AfD zu sammeln. Leiter Felix Henkel, Sozialdemokrat, sagt: "Das reicht von rechtlichen Hürden über ,Demokratie-Buttons’ bis zur Einbindung der Unternehmen.“ Der Gruppe ist es wichtig, über Parteigrenzen hinweg alle zu erreichen. "Die stille Mehrheit“, wie Henkel es bezeichnet. Die soll nicht mehr still sein.

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