Corona-Lockdown: Leihhäuser nur in Bayern geschlossen

Seit Verschärfung der Corona-Maßnahmen kann man in Bayern Wertgegenstände nicht mehr zu Geld machen – wie die Menschen in ihrer Not reagieren.
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Besitzer Thomas Käfer vor dem zwangsweise geschlossenen Käfer's Leihhaus in der Bayerstraße 27.
Besitzer Thomas Käfer vor dem zwangsweise geschlossenen Käfer's Leihhaus in der Bayerstraße 27. © privat

München - "Es ist schade, dass der Herr Söder kein Verständnis hat für die Sorgen und Nöte derjenigen, die am härtesten von den Folgen der Corona-Pandemie betroffen sind." Das sagt der Münchner Thomas Käfer (60), Cousin des Feinkost-Königs Michael und bekannt aus der RTL-Serie "Die Superhändler".

Damit meint Käfer keineswegs sich selbst, sondern seine Kunden, denn er betreibt hauptberuflich gegenüber des Hauptbahnhofs ein Pfandleihhaus, eines von 14 in München. Und die sind seit der Verschärfung der Corona-Maßnahmen am 16. Dezember zwangsweise geschlossen.

Leihhäuser als letzte Instanz für viele die dringend Geld brauchen

Wenn er über die Schließung seines Geschäfts spricht, gerät Käfer in Rage. "Es geht mir hier wirklich nicht ums Geld, aber wir sind doch die letzte Instanz für alle die Menschen, die von der Bank nichts mehr bekommen und die verzweifelt auf die Novemberhilfen warten, die der Staat immer noch nicht ausbezahlt hat. Das sind kleine Selbstständige, kleine Gewerbetreibende, Freiberufler. Alles Menschen, die vor Corona vielleicht gut verdient haben, die aber seit 300 Tagen keine Einnahmen mehr haben."

Was Käfer zusätzlich als Ungerechtigkeit empfindet, ist die Tatsache, dass von allen 16 Bundesländern nur Bayern die Leihhäuser geschlossen hat. "Was ist denn die Folge?", fragt er. "Die Leute fahren mit der Bahn nach Stuttgart, um den geerbten Schmuck von der Oma zu versetzen oder ihre Rolex, die sie sich vor Jahren vielleicht einmal als Geldanlage zugelegt haben. Ein solcher Leihhaus-Tourismus kann doch nicht im Sinne des Infektionsschutzes sein", sagt Käfer weiter.

Auch Sondergenehmigung für Leihhaus wurde abgelehnt

Auf AZ-Anfrage heißt es dazu aus dem zuständigen Bayerischen Wirtschaftsministerium: "Pfandleihhäuser sind für den täglichen Lebensbedarf nicht unverzichtbar. Deshalb sind sie vom Lockdown betroffen. Die Entscheidungen fallen in Absprache mit Staatskanzlei und Gesundheitsministerium", so ein Ministeriumssprecher. Wie Käfer berichtet, habe, dieser Linie folgend, auch das Münchner Kreisverwaltungsreferat eine Sondergenehmigung für sein Leihhaus abgelehnt.

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Die rigide Regelung ärgert Käfer: "Es ist doch geradezu widersinnig, dass in diesen Notzeiten - Corona darf man ja wohl als eine solche bezeichnen - auch der Handel mit Edelmetallen verboten ist. Wenn jemand in finanzielle Schieflage gerät, kann er weder Goldmünzen noch Goldbarren oder Goldschmuck verkaufen." Dabei seien Leihhäuser bereits seit dem 16. Jahrhundert gerade in solche Krisen wichtig.

"Politiker wissen nicht, wie die Realität da unten aussieht"

Wie ernst die Situation für Zehntausende von Leihhauskunden in Bayern ist, verdeutlicht folgende Episode, von der Käfer berichtet: "Als ich am Montag ins Leihhaus kam, um die Geschäftspost zu holen, stand eine ältere Dame, eine Stammkundin, bei mir vor dem Eingang. Als sie mir sagte, dass sie jetzt zum Einkaufen müsse, aber kein Geld habe, begann sie zu weinen. Ich sagte, ich sei untröstlich, könne aber nichts tun. Ich habe ihr dann schließlich 20 Euro für die nötigsten Besorgungen geschenkt."

Das sei kein Einzelfall, viele Menschen seien wirklich am Ende. Käfer: "Schlimm ist, dass die Politiker da oben gar nicht mehr zu wissen scheinen, wie die Realität da unten aussieht. Scheinbar sprengt das ihre Vorstellungskraft, sonst würden sie nicht so entscheiden, wie sie das tun."

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