Corona in Flüchtlingsunterkünften: Helfer schlagen Alarm

"Ist unser Leben weniger wert?" Das fragen sich manche Geflüchtete in diesen Tagen, in denen immer weitere Infektionen in Sammelunterkünften bekannt werden. Was Helfer anprangern, was das Ministerium dazu sagt.
| Ruth Schormann
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Das Ankerzentrum an der Regensburger Zeißstraße. Dort sind diese Woche 56 neue Corona-Infektionen aufgetreten.
Lino Mirgeler/dpa Das Ankerzentrum an der Regensburger Zeißstraße. Dort sind diese Woche 56 neue Corona-Infektionen aufgetreten.

München - Mal sind es neun Menschen, die sich bei einem Besucher anstecken, wie in der Flüchtlingsunterkunft im Starnberger Ortsteil Percha, mal gleich 56 wie in der Regensburger Pionierkaserne, einer Anker-Dependance. Die Entwicklung ließ Regensburg zum bundesweiten Hotspot ansteigen mit 74 Fällen auf 100.000 Einwohner. Das Coronavirus ist längst in Ankerzentren und Gemeinschaftsunterkünften in Bayern angekommen – und verbreitet sich schnell.

Denn wie sollen Menschen, die auf engstem Raum untergebracht sind, soziale Distanz wahren? Wie können sie sich überhaupt vor dem Coronavirus schützen, wenn sie gemeinsam Küchen, Duschen und Toiletten benutzen müssen?

Offener Brief zu Corona-Toten in Unterkünften

Drei Bewohner sind bereits an einer Covid-19-Infektion gestorben, zwei in München, einer in Geldersheim in Unterfranken. "Todesfälle, die vielleicht hätten verhindert werden können", formuliert Bellevue di Monaco. Laut Innenministerium sind (Stand Mittwoch) 91 Corona-Fälle in den sieben Ankerzentren und den 24 Dependencen bekannt und 507 in Unterkünften außerhalb des Ankersystems. 998 Infizierte gelten als genesen.

Mit einem offenen Brief will das Aktionsbündnis zusammen mit anderen Vereinen wie dem Bayerischen Flüchtlingsrat die Regierung dazu bewegen, "wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um alle Menschen gleichermaßen vor der Infektion mit Covid-19 zu schützen". Er soll am Donnerstagvormittag übergeben werden.

Die Situation vor Ort und auch die Kommunikation momentan könnte besser sein, lassen Eindrücke rückschließen, die Bewohner den Mitarbeitern vom Flüchtlingsrat schildern. Franziska Sauer vom Bayerischen Flüchtlingsrat erzählt der AZ: "Ich habe aus Regensburg gehört, dass in der Unterkunft in der Dieselstraße – dort wohnen um die 300 Personen, von denen 42 vorgestern ein positives Testergebnis hatten – nur Zettel auf Deutsch verteilt wurden. Und die nicht mal an alle Bewohner. Die Leute hatten teilweise nicht mal einen Deutschkurs, wie sollen die dann so einen Informationsschrieb verstehen? Meiner Meinung nach ist ein amtlicher Aushang nicht genug", findet Sauer.

Ankerzentren: Wie funktioniert das mit der Hygiene?

Man müsse mit den Menschen soweit möglich persönlich sprechen, "in den richtigen Sprachen, auf die richtige Art und Weise". Viele sorgen sich, dass sie sich infizieren. In Fürstenfeldbruck, sagt Katharina Grote vom Bayerischen Flüchtlingsrat der AZ, habe es zu Anfang der Pandemie in den Bädern nicht einmal warmes Wasser gegeben. Ein Sanitärcontainer wurde aufgestellt.

Wie viele der gebotenen Hygienemaßnahmen in den Einrichtungen umgesetzt werden, wie viel Seife, Desinfektionsmittel oder Trockenhandtücher bereitgestellt werden, hänge stark von den jeweiligen Verantwortlichen und dem Regierungsbezirk ab, sagen die beiden. Und dennoch: "Auch da, wo sich bemüht wird, sieht man, dass der Fall trotzdem eintritt, wie man am Beispiel der Oberpfalz jetzt sieht. Das zeigt ja einmal mehr, dass das Problem die Unterbringungsart ist", sagt Sauer.

Dazu kommt die psychische Belastung der Bewohner: "Sie fragen sich: Sind unsere Leben nicht gleich viel wert? Wird unsere Gesundheit nicht so geschützt wie die anderer? Das ist eine diskriminierende Erfahrung", schildert Grote.

Corona in Bayern: 18 Unterkünfte unter Quarantäne

Angst hätten viele auch wegen der Konsequenzen, die auf ein positives Testergebnis folgen würden. Vor Verlegungen, vor der Trennung von der Familie, sagt Grote. Dazu kommt die Verantwortung für alle Mitbewohner: Infiziert sich einer, wird nicht selten die ganze Einrichtung unter Quarantäne gestellt.

Selbstisolation, wie sie viele während der Corona-Wochen freiwillig in ihren eigenen vier Wänden praktiziert haben, unterscheidet sich erheblich von so einer angeordneten Quarantäne, wie sie etwa in der Anker-Einrichtung Geldersheim von Mitte März bis 26. Mai galt. Acht Wochen lang. In Bayern stehen momentan 18 Unterkünfte unter Quarantäne, teilt Oliver Platzer vom Innenministerium der AZ mit. Er sagt: "Die Infektionsgefahr hat mit der Größe der Einrichtung nichts zu tun."

Als Beispiel verweist er auf die größte Anker-Einrichtung Bayerns in Bamberg, in der es bislang nur zwei Covid-19-Fälle gebe. "Das ist Glück, da haben wohl Kontakte zu Infizierten gefehlt", findet Sauer.

Flüchtlingsrat für dezentrale Unterbringung und anderes Wohnen 

Dass das Abstandhalten in den Einrichtungen nicht so einfach möglich ist, räumt Platzer ein. "Aber das Problem gibt es genauso in Alten- und Pflegeheimen oder Bundeswehrkasernen." Seiner Ansicht nach "passen die Zahlen nicht dazu, das jetzt als problematisch darzustellen".

Die Zustände in den Einrichtungen und mangelnder Schutz der Bewohner werden von vielen Bündnissen und auch den Grünen im Landtag angeprangert. Grote sagt: "Das, was jetzt passiert, ist die Konsequenz einer jahrelangen Politik, die jeglicher Expertise zum Trotz auf Sammelunterkünfte gesetzt hat. Und es war auch davor schon klar, dass die Infektions- und Ansteckungsgefahr in Ankerzentren viel höher ist, dass Kinder beispielsweise ständig erkranken. Das kommt nicht vom Himmel gefallen gerade."

Daher müsse endlich für dezentrale Unterbringungsmöglichkeiten gesorgt und anderes Wohnen erlaubt werden. Teilweise haben Menschen sogar eine Wohnung in Aussicht, doch ihnen wird nicht erlaubt, die Unterkünfte zu verlassen.

"Anträge auf private Wohnsitznahme", die Personen stellen müssen, wenn sie noch im Asylverfahren sind, um in eigenen Wohnraum umziehen zu können, würden "in Bayern einfach sehr strikt gehandhabt. Die Entscheidung fällt ganz selten so aus, dass die Leute diese private Wohnsitznahme erhalten", sagt Katharina Grote.

Corona-Studie: Risiko wie auf einem Kreuzfahrtschiff

Der Vergleich mutet zynisch an: Eine Studie kommt zu dem Schluss, dass die Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, in Flüchtlingsheimen so hoch ist wie auf einem Kreuzfahrtdampfer. Das hat eine Untersuchung unter Leitung des Forschers Kayvan Bozorgmehr von der Uni Bielefeld ergeben.

Das Virus könne sich rasch ausbreiten, wenn es einmal in die Unterkunft gelangt sei, sagt er. Forscher des Kompetenznetzwerks Public Health Covid-19 hatten unter Bozorgmehrs Leitung 23 Unterkünfte in NRW, Bayern, Brandenburg, Bremen, Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt untersucht.

Könnten Infizierte und Nichtinfizierte nicht wirksam getrennt werden oder die Gesamteinrichtung werde unter Quarantäne gestellt, "erreichen wir das Risiko von Kreuzfahrtschiffen oder einen höheren Wert", so die Ergebnisse.

Lesen Sie hier: Virtuelle Ansprache - Söders Anti-Corona-Obergrenze

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