Brenner-Maut: Bürgermeister will Verkehr per Preis-Schock reduzieren

Karl Mühlsteiger ist Bürgermeister der etwa 1340 Einwohner zählenden Tiroler Gemeinde Gries am Brenner (Innsbruck-Land) im Wipptal. Als Privatperson hat Mühlsteiger dort für den 30. Mai 2026 eine Protestversammlung angemeldet, die zu einer Totalsperre der Brennerautobahn (A13) sowie der Bundes- und Landstraßen führen wird.
Auch in Deutschland und Italien wird sein Vorhaben bereits virulent diskutiert. Folgt man Mühlsteigers Ausführungen im AZ-Interview könnten noch weitere Aktionen folgen.
Bürgermeister von Gries am Brenner: "Es sind einige emotionale E-Mails dabei"
AZ: Herr Bürgermeister Mühlsteiger, wie fühlt man sich als jemand, der den Verkehr zwischen drei Ländern zum Erliegen bringen wird?
MÜHLSTEIGER: Wie auch schon in den Jahren zuvor. Es hat sich eigentlich nichts geändert.

In Bayern und Südtirol gibt es zumindest aus Politik und Wirtschaft wütende Reaktionen auf ihre Autobahnblockade. Werden Sie beschimpft oder gar bedroht?
Aus Bayern und Südtirol kommt direkt zu uns überwiegend äußerst Positives. Die Damen und Herren haben sehr großes Verständnis für unser Verhalten und unsere Forderungen. Es gibt ein paar wenige, die mit unserem Vorhaben nicht einverstanden sind. Auch diese Zuschriften beantworten wir, bitten um Verständnis und versuchen, die Sache im Detail zu erklären. Aus Bayern kommen einige Kollegen, die uns bei der Demo unterstützen, ebenso aus Südtirol. Auf die freuen wir uns natürlich sehr.
Keine Drohungen von Autofahrern, die an den Pfingstferien verreisen wollen und ihre Wut zum Ausdruck bringen?
Es sind einige emotionale E-Mails dabei, aber richtig bedroht wurde ich bis jetzt nicht. Ein Jurist prüft bei uns jede negative Nachricht, ob sie zu weit geht oder nicht.
"Das ist der heimischen Bevölkerung nicht mehr zumutbar"
Was wollen Sie am 30. Mai acht Stunden lang auf der Brenner-Autobahn machen?
Das eigentliche Programm ist bedeutend kürzer. Wir starten erst um 13 Uhr mit dem offiziellen Teil und müssen um 17.30 Uhr das Ganze beenden. Es ist ein Hilferuf der Bevölkerung im Wipptal, aber auch auf der Südtiroler Seite, dass es so mit dem ständig steigenden Verkehr nicht mehr weiter gehen kann und darf.
Haben Sie Zahlen zur Verkehrsbelastung Ihrer Gemeinde?
Wir sind jetzt bei über 14,4 Millionen Fahrten pro Jahr über die Brennerstrecke. Zusätzlich werden wir Ende dieses Jahres vermutlich die Drei-Millionen-Grenze bei den Lkw überschreiten. Das ist einfach viel zu viel, und das kann’s nicht sein. Dazu kommt noch die Generalsanierung der A 13 Brennerautobahn, die zusätzlichen Lärm und mehr Staus bringen wird. Das ist der heimischen Bevölkerung nicht mehr zumutbar.
Bayerns Verkehrsminister hat Sie gerügt und gesagt, so gehe man nicht mit Nachbarn um. Was entgegnen Sie ihm?
Das ist richtig – so geht man mit Nachbarn nicht um. Italien und Österreich bauen seit 15 Jahren am Brenner-Basistunnel, und Bayern hat es noch nicht einmal für wert gefunden, die Zulaufstrecke Nord zu bauen, die wir zur Reduzierung des Schwerverkehrs brauchen. Ich kann dem bayerischen Verkehrsminister nur den gut gemeinten Ratschlag ans Herz legen, er soll die heimische Bevölkerung dringend in das Projekt Nordzulauf mit einbeziehen, sonst wird der niemals realisiert.
"Es wäre löblich, die Maut-Tarife anzuheben"
Der Brenner-Basistunnel für die Eisenbahn wird trotz Verzögerungen fertig werden. Erwarten Sie dadurch eine spürbare Entlastung beim Straßenverkehr?
Nur wenn der Nordzulauf fertig ist. Anderenfalls kann der Basistunnel nur zum Teil oder fast gar nicht funktionieren. Es wäre sinnvoll, wenn dieser Nordzulauf schon in Ingolstadt beginnen würde. Sämtliche Experten sagen, dass dies mehr Sinn machen würde. Deshalb unsere Bitte an Bayern und an die EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen, mehr Druck auf ihre Landsleute zu machen. Es handelt sich um das größte Infrastrukturprojekt Europas.
Was schlagen Sie für den wahrscheinlich noch geraumen Zeitraum bis zur Fertigstellung des Tunnels und des Zulaufs als Sofortmaßnahmen vor?
Es wäre löblich, wenn wir von Deutschland und Italien die Zustimmung bekämen, anstelle der dummen Euro-Vignette ab der Mautstelle Schönberg die Maut-Tarife auf das Schweizer Niveau anzuheben. Damit würde sich der Schwerverkehr bei uns halbieren. Gleichzeitig müsste in Österreich das Diesel-Privileg abgeschafft werden. Dann würde auch der Tanktourismus, den wir beobachten, ein Ende haben und somit hätten wir schon wieder mehr Luft zum Atmen.
"Dann wäre dies der Super-Gau"
Wird die Brennerautobahn-Demo die einzige ihrer Art bleiben oder folgen weitere?
Wir Bürgermeister aus dem Wipptal haben einen Forderungskatalog erstellt, den wir bei der Demonstration den Politikern überreichen werden. Der Katalog beinhaltet ein zeitliches Ultimatum. Die Forderungen wären leicht erfüllbar und beinhalten nichts Übertriebenes oder Extremes. Sollte die Politik den Forderungskatalog so schnell wie möglich umsetzen, wird es keine weiteren Maßnahmen dieser Art brauchen. Sollte sich nichts bewegen, werden weitere Blockaden auf der Brenner-Autobahn die Folge sein, aber dann in einem anderen Ausmaß und zu anderen Zeiten.
Was sind die wichtigsten Forderungen in diesem Katalog?
Das Nacht-, Feiertags- und Wochenendfahrverbot darf nicht angegriffen werden. Italien hat eine Klage dagegen eingebracht. Wenn diese Fahrverbote auch nur ansatzweise aufgehoben würden, wäre dies der Super-GAU für das Wipptal. Da müssten wir noch massiver auftreten und weitere, häufigere und extremere Blockaden machen. Extremer insofern, als sie noch länger dauern und zu Zeiten von maximalem Reiseverkehr stattfinden müssten. Zweitens müssten endlich entlang der Autobahn A 13 Lärmschutzwände und Einhausungen nach dem neuesten Stand der Technik errichtet werden. Nur so könnte für die Anwohner Lebensqualität zurückgewonnen werden.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Mühlsteiger.