Berchtesgaden: Warum dieses Wittelsbacher-Schloss etwas Besonderes ist
Die Geschichte des Schlosses Berchtesgaden beginnt mit einem Jagdunfall. Gräfin Irmgard von Sulzbach, so will es die Gründungslegende, gelobte um 1100, ein Kloster zu bauen, falls ihr verunglückter Mann nicht sterbe. Er überlebte. 1102 entstand im abgelegenen Talkessel ein Augustiner-Chorherrenstift, der Keim jener Anlage, die heute Königliches Schloss heißt.
Die Chorherren bauten über Jahrhunderte weiter, und weil nie jemand alles abriss, steht in Berchtesgaden heute ein steinernes Inhaltsverzeichnis der Architekturgeschichte: ein romanischer Kreuzgang von etwa 1180, eine zweischiffige gotische Halle, erbaut um 1400, zwei Renaissancesäle aus der Zeit um 1500, ein barocker Südflügel von 1725.
Ab 1818 zogen die Wittelsbacher ein
Aus dem Stift wurde im 14. Jahrhundert ein reichsunmittelbares Territorium, 1559 eine Fürstpropstei, die über acht Gnotschaften (eine historische bayerische Verwaltungseinheit, d. Red.) und zwei Märkte herrschte – also über das Gebiet der heutigen fünf Talkesselgemeinden Berchtesgaden, Ramsau, Schönau, Bischofswiesen und Marktschellenberg.

Die Säkularisation beendete 1803 die geistliche Herrschaft, 1810 fiel das Land an das Königreich Bayern. Ab 1818 richteten sich die Wittelsbacher im ehemaligen Stift ein, erst Maximilian I. Joseph, dann Ludwig I., Maximilian II., Prinzregent Luitpold und Ludwig III. Berchtesgaden war Jagdquartier und Sommerfrische, kein Repräsentationsbau, und genau das erklärt, warum das Haus bis heute wirkt wie bewohnt und nicht wie ausgestellt.

Den Bruch brachte der November 1918. Die Monarchie endete, der Streit um das Vermögen des Königshauses begann. Er wurde nicht revolutionär gelöst, sondern zivilrechtlich: Am 24. Januar 1923 unterzeichneten Freistaat und vormaliges Königshaus einen Vertrag, am 9. März 1923 schuf ein Gesetz den Wittelsbacher Ausgleichsfonds, eine Stiftung des öffentlichen Rechts.
Kronprinz Rupprecht: Erste Führungen im Jahr 1926
Am 25. September 1923 ging das Schloss Berchtesgaden auf den Fonds über. Die Residenz, Nymphenburg, Schleißheim und die Schlösser Ludwigs II. gingen an den Staat, Berchtesgaden und Hohenschwangau an die Familienstiftung – mit einer Auflage, die bis heute gilt: Die Kunstsammlungen sollen der Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

Kronprinz Rupprecht machte das Schloss ab 1922 zum Wohnsitz seiner Familie. Vier seiner Kinder kamen hier zur Welt. Er ließ Möbel, Tapisserien und Gemälde aus dem Wittelsbacher-Besitz herbringen und richtete die Räume epochengetreu ein. Dann tat er etwas, das für einen entthronten Thronfolger nicht selbstverständlich war: Im Jahr 1926 öffnete er die Tore und ließ erstmals regelmäßige Besucherführungen durch seine Schauräume zu.
Wohnhaus und Museum in einem
Es war kein Museumsgründungsakt mit Konzept und Kuratorium, eher eine erweiterte Hausordnung: Die Familie blieb wohnen, die Besucher kamen dazu. Dass die Wittelsbacher in Berchtesgaden ohnehin großzügig ausgestattet waren, half.

Weil Ludwig I. sich nach seiner Abdankung 1848 das Schloss als Jagdresidenz vorbehalten hatte und sein Sohn Maximilian II. nicht unter demselben Dach wohnen wollte, war zwischen 1849 und 1852 die Königliche Villa entstanden, entworfen von Ludwig Lange. Das Stiftsgebäude konnte also Sammlung werden, ohne dass die Familie ihr Quartier verlor.
Woher man weiß, ob Herzog Franz da ist
Was die Gäste seither sehen, ist eine Sammlung ohne Museumslogik, gewachsen aus dem Geschmack einer Familie. Zwei Altarbilder von Tilman Riemenschneider, Skulpturen des süddeutschen 15. und 16. Jahrhunderts, Gemälde der Münchner Schule, Nymphenburger Porzellan, dazu drei Waffenkammern mit barocken Jagdgewehren.

Kuriositäten stehen neben Meisterwerken: ein Liedertisch von 1591 aus Solnhofener Stein, in den eine Motette des Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina eingraviert ist, ein Schreibschrank von 1750 mit 72 Schubladen, das schwerste bayerische Hirschgeweih mit einem Gewicht von mehr als 18 Kilogramm.
1939 musste Rupprecht ins italienische Exil, seine Frau und die Kinder wurden von den Nationalsozialisten verschleppt – erst nach Sachsenhausen, dann nach Flossenbürg und Dachau.
Heute führt der Wittelsbacher Ausgleichsfonds das Museum, 30 der 214 Räume sind zu sehen, nur mit Führung. Franz Herzog von Bayern nutzt das Schloss bis heute als Nebenwohnsitz. Wenn er da ist, bleiben die privaten Trakte verschlossen.
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