Beliebtes Ausflugsziel bei München platzt wegen Influencer-Posts aus allen Nähten

Influencerinnen preisen den Reitsberger Hof in Vaterstetten bei München als kostenlosen Geheimtipp für Familien an – mit unerwarteten Folgen: Der landwirtschaftliche Betrieb wird überrannt. Nun bittet der Hof um Rücksprache. Wie die Content Creator reagieren und wie sich eine Münchner Influencerin den "Run" auf solche Orte erklärt.
von  Lisa Marie Albrecht
Ein Ponyhof ja, ein Freizeitpark nein: Der Reitsberger Hof bei Vaterstetten ist zuletzt an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen.
Ein Ponyhof ja, ein Freizeitpark nein: Der Reitsberger Hof bei Vaterstetten ist zuletzt an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen. © privat

"Kostenloser Familienausflug bei München" heißt es etwa in einem Reel, das sich an Mütter beziehungsweise Menschen mit Kindern richtet. Oder: "Diese Ausflugsziele bei München musst du kennen." Die Influencerinnen – meist sind es selbst Mütter, die solche Ausflugstipps auf Instagram teilen – wollen anderen Familien eigentlich nur zeigen, was man denn am Wochenende oder in der Ferienzeit so alles machen kann.

Doch das kann manchmal auch nach hinten losgehen, wie ein vor Kurzem veröffentlichter Post des Reitsberger Hofs in Vaterstetten zeigt. Der Erlebnisbauernhof, der mit Hofführungen, Kindergeburtstagen oder Ponyreiten wirbt, ist zuletzt infolge von Influencer-Empfehlungen offenbar regelrecht überrannt worden. Man freue sich sehr, wenn viele Menschen gerne auf dem Reitsberger Hof seien und ihre schönen Erlebnisse dann auch im Netz teilen, heißt von dort.

"Solche Beiträge erreichen unglaublich viele Menschen"

Aber: "Wenn ein reichweitenstarker Account den Reitsberger Hof als ,tolles kostenloses Ausflugsziel' oder ,Geheimtipp für Familien' vorstellt, erreichen solche Beiträge innerhalb kürzester Zeit unglaublich viele Menschen – und viele davon machen sich tatsächlich auf den Weg zu uns", heißt es in einem Post.

Auch wenn das ein riesiges Kompliment sei, bringt es, so schildern die Landwirte weiter, durchaus Probleme mit sich. "Der Reitsberger Hof ist kein Freizeitpark oder klassisches Ausflugsziel, sondern ein landwirtschaftlich genutzter Hof." Die Betreiber verweisen unter anderem auf die begrenzten Kapazitäten des zugehörigen Restaurants Landlust, Küche und Theke könnten nur eine bestimmte Menge bewältigen. Und: "Unsere Parkplätze sind irgendwann voll." Auch der Hof selbst komme irgendwann an seine Grenzen.

So leer ist es auf dem Reitsberger Hof selten. Der Bauernhof ist ein beliebtes Ausflugsziel für Familien.
So leer ist es auf dem Reitsberger Hof selten. Der Bauernhof ist ein beliebtes Ausflugsziel für Familien. © privat

Das Fazit: "Mehr Reichweite bedeutet für uns deshalb nicht automatisch, dass alles noch besser wird. Manchmal bedeutet sie vor allem: sehr viele Menschen zur gleichen Zeit."

Bauernhof äußert dringende Bitte

In dem Post wird deutlich, dass es nicht darum geht, die sogenannten Content Creator und Creatorinnen vor den Kopf zu stoßen. Dennoch äußern die Bauern eine klare Bitte: "Sprecht euch doch vorher kurz mit uns ab." Man wolle niemandem vorschreiben, was gepostet werden darf. Aber man könne sich zumindest darauf einstellen, wenn man wisse, dass ein Beitrag mit großer Reichweite geplant sei, sprich: "das Team informieren und vielleicht gemeinsam überlegen, welcher Zeitpunkt dafür gut geeignet ist".

Anzeige für den Anbieter Instagram über den Consent-Anbieter verweigert

Auf AZ-Anfrage wollten sich die Landwirte nicht über den geteilten Post hinaus äußern, auch, weil man trotz aller Freude über das grundsätzliche Interesse an ihrem Angebot nicht damit gerechnet habe, dass das Thema solch hohe Wellen schlage. Ursprünglich sei es vor allem darum gegangen, ein wenig Bewusstsein dafür zu schaffen, was große Reichweite für einen Betrieb wie den Reitsberger Hof auslösen könne.

Viel Zustimmung in den Kommentaren

In den Kommentaren zu dem Post erhält der Reitsberger Hof viel Zustimmung und Verständnis – auch von Influencerinnen, die genau solchen Ausflugscontent regelmäßig posten. So schreibt etwa Carina Pietzuch, die den Kanal @mama.ist.unterwegs mit 70.000 Followern betreibt, unter dem Post: "Ich kann euch so gut verstehen – ich spreche mit jedem Ort bevor ich ein Reel auf meinem Profil als meine persönliche Empfehlung poste." Viele seien dafür dankbar. Aus ihrer Sicht ist ein solches Vorgehen Teil der Arbeit eines seriösen Creators.

Auch die Münchnerin Milena Heißerer hat auf ihrem Kanal @milenaheisserer ein Reel geteilt, in dem sie den Reitsberger Hof empfiehlt. Im Gespräch mit der AZ sagt sie, sie habe sich in diesem konkreten Fall vorher nicht mit den Betreibern abgesprochen: "Das war überhaupt nicht böswillig, ich habe einfach nicht dran gedacht." Sie sei privat mit ihrer Familie dort gewesen, wollte das aber nicht an die große Glocke hängen oder gar einen "Influencer-Bonus" mit kostenlosem Essen oder Ähnlichem.

Die Münchner Influencerin Milena Heißerer.
Die Münchner Influencerin Milena Heißerer. © privat

Die Kritik vom Reitsberger Hof kann sie natürlich trotzdem nachvollziehen. Es hätte nach dem Post ein Gespräch gegeben, das sehr freundlich verlaufen sei. Sie spricht sich bisher nur teilweise mit den Verantwortlichen ab, wenn sie Ausflugstipps teilt, will das aber ab sofort jedes Mal tun.

"Gerade in München haben Familien wenig Platz"

Ob es nicht besser wäre, Orte, auf die ein "Run" entsteht, gar nicht mehr zu posten? Schließlich kommt es immer wieder vor, dass vermeintliche Geheimtipps infolge von Influencer-Empfehlungen regelrecht überrannt werden.

Heißerer ist zwiegespalten. "Einerseits macht man solche Orte dadurch natürlich ein Stück weit kaputt", sagt sie ehrlich. Andererseits ist es der zweifachen Mutter auch ein Bedürfnis, anderen Eltern zu zeigen, wohin man – wie auf den Reitsberger Hof – mit kleinen Kindern gehen kann, ohne ein Vermögen zu zahlen. "Gerade in München haben viele Familien sehr wenig Platz und kleine Wohnungen, oftmals auch keinen Garten. Mir hat es sehr geholfen, zu wissen, wo ich mit meinen Kindern Natur erleben kann, ohne gleich 25 Euro Eintritt zu zahlen. Das möchte ich auch anderen Eltern weitergeben."

Sie sieht in dem Phänomen, dass gerade Orte für Familien schnell überlaufen seien, eher ein Zeichen, dass es "einfach einen riesigen Bedarf" für Raum gebe, in dem sich Kinder aufhalten dürfen. Was aber völlig klar sei: Rücksichtsloses Verhalten von Eltern, etwa Müll hinterlassen oder die Aufsichtspflicht verletzen, gehe gar nicht.

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