Bayerns Renten-Skandal: Riesen-Razzia bei der Versorgungskammer

Im Altersvorsorge-Skandal um die Bayerische Versorgungskammer (BVK) sind die Ermittler am Donnerstag bei der Renten-Behörde selbst vor der Tür gestanden – zwei Tage nach der Razzia bei ihrem Ex-Partner, der Deutsche-Finance-Gruppe an der Hansastraße.
Deutschlands größte öffentlich-rechtliche Pensionsgruppe steht unter Rechtsaufsicht des Innenministeriums und verwaltet die Altersvorsorge von fast drei Millionen Menschen bundesweit, die meisten davon in Bayern, darunter Schornsteinfeger, Apotheker und Rechtsanwälte.
Auf AZ-Anfrage spricht die Staatsanwaltschaft München I nun erstmals ausführlich über das Verfahren. Demnach waren an beiden Tagen rund 100 Beamte des Bundeskriminalamts, der Bundespolizei, des Polizeipräsidiums München und der Kriminalpolizeiinspektion Erding im Einsatz, begleitet von sechs Staatsanwältinnen und Staatsanwälten.
Neben den Büros der beiden Häuser durchsuchten sie drei Privatwohnungen in München und Umgebung. Sichergestellt wurden umfangreiche Unterlagen und digitale Speichermedien.
Es geht um Investitionen von 1,6 Milliarden Euro in den USA
Über ein Fondskonstrukt in München, Luxemburg und den USA, an dem die Deutsche Finance maßgeblich beteiligt war, flossen 1,6 Milliarden Euro in amerikanische Prestigeimmobilien. Partner vor Ort war der in New York verurteilte Steuerbetrüger Michael Shvo. Mehrere Projekte scheiterten, die Pensionsgruppe rechnet mit Verlusten von bis zu 853 Millionen Euro.

Das Verfahren richte sich unter anderem gegen einen aktuellen und einen ehemaligen Mitarbeiter der Immobilienabteilung der Versorgungskammer sowie gegen ein Mitglied der Führungsebene der Deutsche Finance. Ermittelt wird wegen des Verdachts von Korruptionsstraftaten. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung. Einer sieht sich "nicht in der Lage, sich zu Anfragen der Presse" zu äußern, teilt sein Anwalt der AZ mit.
Das ist der Verdacht der Staatsanwaltschaft
Konkret bestehe der Verdacht, dass einer der beiden Beschuldigten aus der Versorgungskammer "sachwidrigen Einfluss" auf die Investitionen in sieben Projekte in New York, Miami Beach, Beverly Hills, Chicago und San Francisco genommen habe. Das gelte auch für die Kapitalnachschüsse, also zusätzliches Geld, mit dem die verlustreichen Projekte am Leben gehalten wurden.
Im Gegenzug soll er von dem Manager des Finanzhauses Vorteile für sich und Dritte angenommen haben. Die Ermittler nennen unter anderem "zahlreiche Einladungen in hochpreisige Restaurants in München, London, Los Angeles und New York" sowie Übernachtungen in der Suite eines New Yorker Luxushotels.
Das sagt die Versorgungskammer
Die BVK bestätigt der AZ, dass Vertreter der Staatsanwaltschaft am Donnerstag ihre Geschäftsräume "aufgesucht" haben. Nach ihren Erkenntnissen richteten sich die Ermittlungen gegen zwei Ehemalige: Einer sei bereits ausgeschieden, dem anderen sei "bereits seit längerem gekündigt" worden. Die Staatsanwaltschaft spricht dagegen von einem aktuellen und einem früheren Beschäftigten.

Es handle sich "lediglich um eine Untersuchung bei einer Dritten", so BVK-Sprecherin Ursula Schwarz. Dieselbe Formulierung hatte nach der Razzia am Dienstag die Deutsche Finance gewählt. In Deutschland richten sich Strafverfahren nicht gegen Unternehmen oder Behörden, sondern gegen einzelne Personen. Beschuldigt sind in diesem Fall aktuelle oder frühere Beschäftigte beider Häuser.
Die Versorgungskammer unterstütze die Arbeit der Staatsanwaltschaft "weiterhin vollumfänglich", dazu gehöre auch, Dokumente bereitzustellen. Auch die Deutsche Finance gibt an, mit den Ermittlern zu kooperieren.
Schon Thema vor dem Arbeitsgericht
Um eine Suite in New York ging es bereits vor dem Arbeitsgericht München. Die BVK hatte sich von zwei hochrangigen Managern aus dem Immobilienbereich getrennt, einer von ihnen klagte gegen seine fristlose Kündigung. Die Behörde warf ihm dort unter anderem vor, mehrere Nächte in einer Suite mit Blick auf den Hudson River nicht abgerechnet zu haben. Ob es sich um denselben Aufenthalt handelt, lässt die Stellungnahme der Ermittler offen.

Der Anwalt der Pensionsgruppe sagte damals, die Vorfälle hätten "andere Relevanz als eine arbeitsrechtliche". Die Richterin nannte die Compliance-Verstöße "kein Pipifax". Trotzdem kippte das Gericht die Kündigung, weil die Behörde eine Frist versäumt hatte, wie die AZ berichtete. Die Berufung verhandelt das Landesarbeitsgericht am 30. November, hieß es auf AZ-Anfrage. Über eine zweite Kündigung wird erst 2027 verhandelt.
Lange hatte die Staatsanwaltschaft laut Innenministerium geprüft, ob ein Anfangsverdacht bestehe, "insbesondere Untreue", also eine pflichtwidrige Schädigung anvertrauten Vermögens. Nun heißt es: "Untreuevorwürfe im Zusammenhang mit den verlustreichen Immobilieninvestitionen sind bislang nicht Gegenstand des Ermittlungsverfahrens." Es geht also um Korruption: um den Verdacht, dass Einfluss auf Investitionsentscheidungen mit Vorteilen erkauft wurde.
Die Behörde schaltete selbst die Ermittler ein
Die AZ deckt den Skandal seit mehr als zwei Jahren auf. Sie berichtete früh von mindestens sieben US-Projekten, während auf eine Landtagsanfrage hin zunächst nur vier genannt worden waren. Die Behörde ging namens der Versorgungswerke gerichtlich gegen die AZ vor, verzichtete aber schließlich auf alle Ansprüche.

Monate nach den ersten AZ-Berichten wandte sich die BVK selbst an die Strafverfolger. Nach eigenen Angaben schaltete sie die Staatsanwaltschaft bereits im Sommer 2025 "proaktiv" ein. Die Ermittler nennen eine Mitteilung im Herbst 2025, mit der die BVK "Anhaltspunkte auf compliance-relevante Nähebeziehungen zwischen den Beschuldigten" zur Kenntnis gebracht habe.
Öffentlich räumte die Versorgungskammer Compliance-Verstöße und ein "nicht angemessenes Näheverhältnis" ein. Der Landtag befasste sich mehrfach in Geheimsitzungen mit den Verlusten.
Druck auf das Münchner Finanzhaus
Die Deutsche Finance verwaltet nach eigenen Angaben rund zehn Milliarden Euro. Rund 50.000 Privatanleger haben etwa 1,5 Milliarden Euro in ihre Fonds gesteckt, teils in dieselben Gebäude wie die BVK. Für einen Fonds ist Insolvenz beantragt. Im Juni setzte die Finanzaufsicht Bafin bei der Fondsgesellschaft der Gruppe einen Sonderbeauftragten ein.
Die einstigen Partner sind längst zerstritten. Ende August verklagte die Deutsche Finance die BVK im US-Bundesstaat Delaware. Die Versorgungskammer habe "die für ihre Aufsicht zuständigen deutschen Behörden belogen", heißt es in der Klageschrift. Die Renten-Behörde weist das als Ablenkungsmanöver zurück.
Die Ereignisse in München dürften auch in New York aufmerksam verfolgt werden. Dort klagen Käufer und Mieter aus Shvos Luxusgebäuden, die nach eigener Darstellung nicht bekamen, was ihnen versprochen worden war. Die Kanzlei ihres Anwalts Marc Kasowitz, lange persönlicher Anwalt von Donald Trump, hatte der AZ bereits 2025 gesagt: "Wir beobachten die Ermittlungen genau."
Wie es weitergeht
In München wollen die Fachanwälte Stephan Greger und Peter Mattil mit einer Interessengemeinschaft Schadenersatzansprüche von Versicherten berechnen und geltend machen. Die Strafverfolger stellen sich derweil auf eine lange Aufarbeitung ein.
"Die Ermittlungen erweisen sich als äußerst umfangreich", so Juliane Grotz, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Der Sachverhalt erstrecke sich über mehrere Jahre und spiele teils im außereuropäischen Ausland, zudem müssten Strukturen und Verantwortlichkeiten der beteiligten Gesellschaften aufgeklärt werden.
Geführt wird das Verfahren von einer auf Wirtschaftsstrafsachen spezialisierten Abteilung, mit den Ermittlungen ist das Bundeskriminalamt betraut. Das sichergestellte Material soll in den kommenden Wochen und Monaten ausgewertet werden.