B 12: An dieser Straße dröhnt die Trauer

Sie gilt als Bayerns gefährlichste Straße, hunderte Menschen sind verunglückt. Hinterbliebene haben Kreuze aufgestellt. Die AZ erzählt die Geschichten der vielen Marterl.
| Julia Lenders
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Die Straßenkreuze an der B12 sind keine stillen Orte der Trauer. Lastwagen und Autos rauschen vorbei.
Sigi Müller 9 Die Straßenkreuze an der B12 sind keine stillen Orte der Trauer. Lastwagen und Autos rauschen vorbei.
„Still und einfach war Dein Leben, treu und fleißig Deine Hand.“ Diese Worte sind „Herbi“ gewidmet, der voriges Jahr verunglückte.
Sigi Müller 9 „Still und einfach war Dein Leben, treu und fleißig Deine Hand.“ Diese Worte sind „Herbi“ gewidmet, der voriges Jahr verunglückte.
Am Unfallort erinnert ein Kreuz an Herbert Vollmeier
Sigi Müller 9 Am Unfallort erinnert ein Kreuz an Herbert Vollmeier
Hier starb ein Polizist während einer Einsatzfahrt.
Sigi Müller 9 Hier starb ein Polizist während einer Einsatzfahrt.
Kein Marterl ist wie das andere: Einige sind anonym, an anderen sind sogar Fotos der Toten angebracht.
Sigi Müller 9 Kein Marterl ist wie das andere: Einige sind anonym, an anderen sind sogar Fotos der Toten angebracht.
Florian Ludwig wurde bloß 21. Ein halbes Jahr vor seinem Tod hatte er geheiratet. Das Kreuz an der B 12 stand vorher auf seinem Grab.
Sigi Müller 9 Florian Ludwig wurde bloß 21. Ein halbes Jahr vor seinem Tod hatte er geheiratet. Das Kreuz an der B 12 stand vorher auf seinem Grab.
Die Jesusfigur an Franjos Marterl hat einen Arm verloren.
Sigi Müller 9 Die Jesusfigur an Franjos Marterl hat einen Arm verloren.
Der Name auf diesem Sterbebild ist nicht mehr zu entziffern.
Sigi Müller 9 Der Name auf diesem Sterbebild ist nicht mehr zu entziffern.
„Vergiss mich nicht, es klingt so zart, vergessen sein ist furchtbar hart“, steht auf dem Sterbebildchen von Stefan Englmaier.
Sigi Müller 9 „Vergiss mich nicht, es klingt so zart, vergessen sein ist furchtbar hart“, steht auf dem Sterbebildchen von Stefan Englmaier.

Sie gilt als Bayerns gefährlichste Straße, hunderte Menschen sind hier tödlich verunglückt. Hinterbliebene haben Kreuze für sie aufgestellt. Die AZ erzählt die Geschichten der vielen Marterl.

Nur fünf Minuten noch, dann wäre er daheim gewesen. Ein schlichtes Holzkreuz erinnert an Florian Ludwig – genau da, wo der junge Mann gestorben ist. Anfangs stand es auf seinem Grab. Jetzt hat es seinen Platz an der B12. Sein Vater hat es dort für ihn aufgestellt.

„Die Liebe ist stärker als der Tod“, steht auf dem Sterbebildchen, das an dem Kreuz angebracht ist. Das Foto zeigt einen attraktiven jungen Burschen. Zufrieden sieht er aus. Ein Blumenkasten mit pinken Kunst-Gerbera schmückt den Gedenk-Ort. Ein bunter Farb-Klecks, der inmitten der Straßen-Tristesse irgendwie verloren wirkt.

Der Unfall geschah bei Haag, am 19. Januar 2008. Nur ein halbes Jahr zuvor hatte der 21-Jährige geheiratet. Florian arbeitete in einer Diskothek im Service, er kam gerade von der Arbeit. „Er war übermüdet und ist eingeschlafen“, erzählt sein Vater Andreas. Sein Sohn sei auf die Gegenfahrbahn geraten – genau in dem Moment kam ein Auto entgegen.

Florians Kreuz ist nur eines von vielen an der Sraße, die oft als „Todesstrecke“ bezeichnet wird. Sie zählt zu den gefährlichsten Bundesstraßen Deutschlands. Besonders viele Unfälle geschehen auf dem stark befahrene östlichen Abschnitt: Allein in den Bereichen Ebersberg, Mühldorf und Altötting sollen in den vergangenen 20 Jahren rund 350 Menschen tödlich verunglückt sein. Schmerz, Trauer und Sehnsucht – das Meer an Verzweiflung, das sie hinterließen, ist lange nicht verebbt.

Die Marterl säumen den Fahrbahnrand. Wer von München kommt und zum Beispiel bis Ampfing fährt, kann auch beim flüchtigen Blick aus dem Autofenster ein gutes Dutzend von ihnen entdecken. Andere haben im Lauf der Zeit eine solche Patina aus Moos und Lkw-Ruß erhalten, dass sie schon gar nicht mehr auffallen. An allen Keuzen anzuhalten ist schlicht unmöglich – zu groß ist der Druck des nachfolgenden Verkehrs.

Florians Familie und Freunde treffen sich zur Mahnwache

Es sind ohnehin keine Orte zum Verweilen, die den Toten hier gewidmet sind. Keine Orte der stillen Trauer. Autos und Laster dröhnen vorbei, das Gras um die Marterl duckt sich im Fahrtwind. Joghurtbecher, Chipstüten, Zigarettenstummel – all das, was Menschen aus ihren Fahrzeugen werfen, landet neben Grablichtern, kleinen Gips-Engeln und Blumen. Kein würdevoller Schmuck.
„Das Risiko, auf der B 12 im Abschnitt zwischen Forstinning und Ampfing getötet oder zumindest schwer verletzt zu werden, ist um bis zu viermal höher als auf allen bayerischen Autobahnen“, ist im Internetauftritt des Landratsamts Mühldorfs zu lesen. Am Straßenrand bekommt die Statistik Namen – und zum Teil auch ein Gesicht.

Franjo starb vor elf Jahren, sein Kreuz steht hinter einer langgezogenen Kurve. Die Jesusfigur unter seinem Namen hat einen Arm verloren. 30 Jahre wurde Franjo alt.

Eingraviert in Marmor ist der Name „Basic Sedin“, unter der Steinplatte blüht eine intensiv rote Rose. Der junge Mann kam 2004 ums Leben. Er wurde keine 30 Jahre alt.

Ein bunter Kunstblumenstrauß schmückt das große Marterl für Stefan Englmaier. „Vergiss mich nicht, es klingt so zart, vergessen sein ist furchtbar hart“, steht auf seinem Sterbebildchen. Daneben ein Foto, auf dem er zurückhaltend lächelt. Stefan verunglückte mit 22.

Was hat die Familien oder Freunde dieser jungen Männer bewegt, ihnen ein Denkmal zu setzen?

Der Trauer-Experte und freie Theologe Gerhard Mühlbauer sagt: „Trauernde suchen nach Orten, an denen sie sich dem Verstorbenen nahe fühlen können.“ Ein Kreuz an der Straße könne ein wichtiger Teil der Trauerarbeit sein. Damit stellten sich die Hinterbliebenen der Realität, was für sie oft sehr schwierig sei. Doch da ist noch etwas, das Mühlbauer so formuliert: „Vielen geht es sicher auch um eine Mahnung an die vorbeifahrenden Autofahrer: Mein Kind ist hier gestorben. Also passt ihr wenigstens auf!“

Jedes Jahr, wenn es auf den Todestag seines Sohnes zugeht, startet Andreas Ludwig einen Rundruf. Er trommelt Freunde und Familie zusammen, damit sie sich zur Mahnwache treffen. Da, wo Florians Leben endete. „Damit sollen die Autofahrer aufmerksam gemacht werden, dass sie vorsichtiger und langsamer fahren müssen“, sagt der Vater mit fester Stimme.

Der Vater sagt: „Leichter ist es nicht geworden“

Am Anfang kamen 40 Leute. Zuletzt waren es vielleicht noch 20. Auch Florians Frau, die so jung zur Witwe wurde, ist immer mit dabei. Sie lebt auch drei Jahre nach dem Unfall noch bei den Schwiegereltern. Findet Andreas Ludwig seinen Buben an der B 12? Fühlt er sich ihm da nahe, wo es passierte? „Ich bin ihm überall nahe. Ich denke den ganzen Tag an ihn.“ Es gibt Wunden, die vermag auch die Zeit nicht zu heilen.

Wer bei Google die Suchbegriffe „B 12“ und Unfall eingibt, erhält derzeit rund 300 000 Treffer. Was die Straße so gefährlich macht: die starke Verkehrsbelastung, der hohe Anteil an Schwerlastverkehr, dazu landwirtschaftliche Fahrzeuge und viele Kreuzungen und Einmündungen. Immer wieder bilden sich Kolonnen. Immer wieder misslingen Überholmanöver.

Für besonderes Aufsehen hatte im September der Tod eines Polizisten gesorgt. Der 35-Jährige saß auf dem Beifahrersitz. Er und sein Kollege waren zu einem Einsatz ausgerückt – einem Unfall.
Bei Niederheldenstein wollte der Fahrer des Streifenwagens einen Lastwagen überholen. Die beiden Polizisten hatten die Sirene eingeschaltet, das Blaulicht rotierte. Andere Autofahrer machten für sie Platz. Genau in dem Moment aber, als das Polizeiauto auf die Gegenspur ausscherte, bog plötzlich ein Betonmischer auf die Bundesstraße.

„Torsten wir vermissen dich!“, steht an dem Kreuz für den toten Polizisten. Das Ausrufezeichen am Ende des Satzes hat die Form eines Herzens. Sieben Kerzen stehen davor. Jemand hat ein abgetrenntes Polizeiabzeichen neben das Marterl gelegt. Es wird wohl zu seiner Uniform gehört haben. „Er war super“, sagt ein Kollege in der Polizeiinspektion Mühldorf.

Gegenüber türmen sich Schuttberge auf. Der Lkw, der dem Polizisten zum Verhängnis wurde, kam aus dem Baustellenbereich der neuen A 94 zwischen Ampfing und Heldenstein.

Was fast ein wenig makaber anmutet, wie Ironie des Schicksals. Denn schließlich soll die neue Autobahn den Unfallschwerpunkt künftig entschärfen. „Wegen der erheblichen Reduzierung des überregionalen Verkehrs und vor allem des Schwerverkehrs gegenüber dem derzeitigen Zustand wird sich die Verkehrssicherheit auf der B12 deutlich verbessern“, heißt es bei der Autobahndirektion Südbayern. Bis 2018 soll die A<TH>94 von München bis Marktl vollständig fertig sein.

Auch die Stelle, an der Florian Ludwig ums Leben kam, ist entschärft worden. Dort gilt jetzt ein Tempolimit. Ein schwacher Trost. Erst Stunden nach dem Unfall hatte der Vater des jungen Mannes erfahren, was passiert war. Der Sohn lebte zwar daheim, war dort aber nicht gemeldet.

Sein Papa hörte im Radio von dem Zusammenstoß auf der B 12. Als er in böser Vorahnung bei der Polizei anrief, bestätigte sich die schlimmste Befürchtung. Andreas Ludwig weiß noch wie gestern, was der Polizist ihm am Telefon sagte: „Ihr Sohn kommt nicht mehr.“

Ihm und seiner Frau hilft es, zu dem schlichten Holzkreuz zu gehen, das vorher auf Florians Grab stand. Sie leben mit dem Schmerz. Mit der Wunde, die nicht heilt. Der Vater sagt: „Leichter ist es nicht geworden. Aber man lernt, damit umzugehen.“ Dann mag er nicht mehr weiterreden.

 

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