Ausgezeichnet: Das sind die "Dorfläden des Jahres"

Zwei Initiativen aus Oberbayern haben den Titel gewonnen – weil sie mit ihrem Geschäft für Bürger von Bürgern die Lebensqualität auf dem Land verbessern.
| Rosemarie Vielreicher
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Zum Wohlfühlen und fürs Gemeinwohl: So schaut der Sachranger Dorfladen von außen aus.
Dorfladen Sachrang Zum Wohlfühlen und fürs Gemeinwohl: So schaut der Sachranger Dorfladen von außen aus.

Garmisch-Partenkirchen/Rosenheim - Früher gab’s in fast jedem Dorf ein Wirtshaus (oder zwei). Da hat man sich getroffen, auf einen Ratsch und a Hoibe (oder zwei). Das Fleisch fürs Schnitzel und die Wienerl hat man beim Dorf-Metzger gekauft, die Lieblings-Semmeln beim Bäcker nebenan. Und im Tante-Emma-Laden den Rest – vom Apfel bis zur Zahnpasta. Weit rumkutschieren für den Einkauf? Unnötig.

Vielerorts schaut das mittlerweile anders aus. Die Wirtshäuser verwaisen, die kleinen Läden auf dem Land können sich nicht mehr halten. Die großen Discounter-Ketten haben mitunter das Geschäft kaputt gemacht.

Erfolgreiche Dorfläden in Farchant und Sachrang

Dieses Ausbluten der Dorfkerne kann man traurig hinnehmen. Oder man packt das Problem an. Dazu haben sich die Orte Farchant (Kreis Garmisch-Partenkirchen) und Sachrang (Kreis Rosenheim) entschieden. Sie haben beide vor Jahren einen Dorfladen gegründet, beide erfolgreich.

Dafür wurden sie am Wochenende auf der Grünen Woche in Berlin ausgezeichnet: Farchant mit seinen 3.600 Einwohnern hat den "Dorfladen des Jahres 2019" in der Kategorie "Große Dörfer".

Engagement für die Lebensqualität

Und Sachrang (rund 520 Einwohner, Gemeinde Aschau im Chiemgau) hat den Preis für die kleinen Dörfer bekommen. Den Titel teilen sich die Chiemgauer mit dem Ort Schienen in Baden-Württemberg. Die Auszeichnung gibt es seit 2013. Damit soll das Engagement der Bürger für die Nahversorgung, für die Lebensqualität und letztlich auch für die Zukunft eines Ortes geehrt werden.


Jubel! Hier bekommt der Farchanter Dorfladen mit Peter Böhmer an der Spitze den Titel überreicht. Foto: Dorfladen-Bundesvereinigung

Für den Vorsitzenden der Bundesvereinigung multifunktionaler Dorfläden, Günter Lühning, sind die Farchanter "besondere Gallier" – denn sie behaupten sich mit ihrem kleinen Laden, obwohl es im Umkreis von fünf Kilometern insgesamt 15 Supermärkte und Discounter gibt. Im Ortskern selbst gab es dagegen lange kein Geschäft. Der Dorfladen liegt nun zentral im Ort, "damit alle Einwohner – jung und alt – zu Fuß, per Fahrrad und im Alter mit dem Rollator" einkaufen können, so Lühning in seiner Laudatio.

Persönlicher Kundenkontakt ist im Dorfladen wichtig

Der "Asterix" von Farchant sei Peter Böhmer – der Initatior des Projekts. Er war früher Sparkassenbetriebswirt, jetzt steht er als Geschäftsführer hinterm Tresen, an der Kasse und zwischen den Regalen. Auf der Internetseite schreibt Böhmer: "Unser Dorfladen zeigt, dass auch kleine Läden für die Dorfgemeinschaft wertvoll sind und ihre Daseinsberechtigung haben – gerade in einer Zeit, in der durch immer größere Lebensmittelkonzerne die Herkunft beziehungsweise Zusammensetzung der angebotenen Lebensmittel vom Verbraucher oft nicht mehr nachvollzogen werden kann." Besonders wichtig ist den Betreibern auch der persönliche Kontakt mit den Kunden, das Zusammenkommen im Dorf.

Der weitere Sieger aus Oberbayern ist der Sachranger Dorfladen. Zum Markenkern gehören laut Lühning "die regionalen Lebensmittel von kleinen Erzeugern und Bergbauern". Der Laden hat zudem das Zertifikat der Gemeinwohl-Ökonomie und gehört zum grenzüberschreitenden Netzwerk "Region in Aktion."

Urlaubsgäste sagen oft: "Boah, die haben ja wirklich alles!"

Ursula Havel vom Sachranger Dorfladen war bei der Verleihung in Berlin dabei. Sie sagte gestern zur AZ: "Der Dorfladen ist ein Gemeinschaftsprojekt. Ohne die Unterstützung und Treue aller Beteiligten – der Mitarbeiter, der stillen Gesellschafter, Vermieter und Lieferanten – wären wir jetzt nicht, was wir sind." Das Projekt wurde 2010 gegründet. Im Umkreis von zwölf Kilometern gab es damals keine Einkaufsmöglichkeit. Havel erklärt: "Wir sind eine Mini-GmbH, die sich durch die Einlagen stiller Gesellschafter trägt." Mittlerweile sind es schon über 190, angefangen habe man mit 100. Mit den Geldeinlagen konnte der Laden gegründet und bestückt werden. Die Kunden, besonders Urlaubsgäste, seien immer wieder vom Sortiment überrascht, sagt Ursula Havel der AZ: "Oft kommen welche rein und sagen: ‚Boah, die haben ja wirklich alles’!"

Über 50 Prozent der Angebote seien regional, vom Joghurt bis zu Getränken gibt es alles. "Wer in Sachrang lebt, muss wirklich nicht verhungern", sagt Havel. "Und was wir nicht haben, braucht man nicht." Sie lacht. Man bestelle auch gerne auf Nachfrage, und Ältere können sich beliefern lassen. "Wir arbeiten kontinuierlich daran, dass sich dieser Dorfladen hält und er immer besser wird."

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