"Auch wenn es schmerzhaft ist“: Iranerin in München kämpft für die Freiheit

Drei Monate saß Sahar Berlouie im Iran im Gefängnis. Vergangenes Jahr floh die Aktivistin nach München. Von hier schaut sie besorgt auf den Krieg in ihrem Land.
Heinrich Ueberall |
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Sahar Berlouie bei der Großdemo auf der Theresienwiese während der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar. Sie beteiligte sich als Ordnerin bei der Veranstaltung.
Sahar Berlouie bei der Großdemo auf der Theresienwiese während der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar. Sie beteiligte sich als Ordnerin bei der Veranstaltung. © privat

"Das erste Mal in meinem Leben spüre ich so etwas wie Freiheit", sagt Sahar Berlouie über ihr neues Leben in München. Hier müsse sie keine Angst haben, wenn sie die Polizei sieht, sagt die 41-jährige iranische Aktivistin, die in ihrer Heimat wegen ihrer Teilnahme an Protesten schon drei Monate im Gefängnis verbringen musste. Seit knapp einem Jahr lebt Berlouie in Deutschland. Der neue Krieg in ihrem Land belastet sie, bringt ihr aber auch Hoffnung auf den Sturz der Islamischen Republik.

Mit 30 wird sie zur Aktivistin

Bereits mit 17 Jahren beobachtet Berlouie im Iran die Proteste auf den Straßen. Sie studiert Software-Engineering im Westen der Hauptstadt Teheran. Mit 30 Jahren schließt sie sich dann den Protesten an. "Wenn du gegen die Unterdrückung kämpfst, wirst du automatisch zur Aktivistin. Ich habe mir das nicht ausgesucht, aber ich konnte nicht mehr still sein und die Unterdrückung hinnehmen." Mit anderen aktiv zu sein, habe ihr ein Gefühl von Macht gegeben, erklärt Berlouie. "Das bedeutet, dass man zusammen stark ist und gegen die Diktatur kämpfen kann, auch wenn es schmerzhaft ist."

Berlouie ohne Hijab vor dem Azadi-Turm in Teheran.
Berlouie ohne Hijab vor dem Azadi-Turm in Teheran. © privat

Verhör und Schläge im Gefängnis 

Das hat die 41-Jährige selbst erfahren müssen. Während der "Frau, Leben, Freiheit”-Proteste im Jahr 2022 nach dem Tod von Jina Mahsa Amini holte sie der iranische Geheimdienst von zu Hause ab. "Sieben große Männer haben mich dann ins Evin-Gefängnis gebracht", sagt Berlouie. Es ist eines der berüchtigsten Gefängnisse des ganzen Landes. Vorgeworfen worden sei ihr unter anderem Aufruhr und Verbreitung von Propaganda gegen das System.

Zwei Monate verbrachte Berlouie in einer kleinen Einzelzelle im Trakt 209, der dem Geheimdienst untersteht. Nach ihren Angaben wurde sie täglich verhört und sollte Informationen über andere Aktivistinnen geben.

Weil sie das nicht machte, sei sie mit Stöcken an Armen und Beinen geschlagen worden. "Sie haben mich mit verbunden Augen von meinem Stuhl gegen die Wand geschubst", sagt Berlouie. Zwei Finger habe sie sich dabei gebrochen. Medizinische Hilfe erhielt sie keine, stattdessen habe sich eine ebenfalls inhaftierte Aktivistin um sie gekümmert.

Berlouie muss ihre Heimat verlassen

Weil es die ersten Vorwürfe gegen sie sind, kommt Berlouie unter Auflagen nach drei Monaten frei. Aber auch danach trägt sie öffentlich weiter keinen Hijab – was zu harten Strafen führen kann. Auf der Straße wird sie verfolgt und bedroht. Sie solle das Land verlassen, sonst drohe ihr wieder das Gefängnis. Sie flieht in die Türkei, arbeitet dort als Software-Entwicklerin, bis sie von einer Hilfsorganisation in München kontaktiert wird, die ihr eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen in Deutschland vermittelt.

Sahar Berlouie am Tag nach der Entlassung aus dem Gefängnis im Iran.
Sahar Berlouie am Tag nach der Entlassung aus dem Gefängnis im Iran. © privat

Als Aktivistin ist Berlouie in Kontakt mit anderen Exil-Iranern in ganz Europa. Sie versuchen, sich gegenseitig zu informieren. Als Software-Ingenieurin baut sie momentan eine Internetseite auf, durch die Iraner beispielsweise professionelle psychologische Hilfe bei anderen Iranern finden können.

Irankrieg führt zu Freude und Trauer

Zu Beginn der Angriffe der USA und Israels auf den Iran seien Berlouie und ihr Umfeld sehr glücklich gewesen. Sie wünschen sich ein schnelles Ende der Islamischen Republik, das ohne Hilfe von außen nicht möglich sei. Vor allem die Nachricht vom Tod des obersten Führers, Ali Chamenei, der fast 37 Jahre über das Land herrschte, habe Hoffnung erweckt.

Neben der Freude herrscht bei Berlouie aber auch große Traurigkeit. "Ich fühle mich sehr schlecht für die Menschen in meinem Land, die jetzt unter der Bombardierung leben müssen. Ich weine viel. Manchmal fühle ich mich sogar so schlecht, dass ich gar nicht mehr weinen kann." Sie schlafe derzeit sehr schlecht und schaue durchgängig die Nachrichten. Besonders belastet sie, dass sie keine Informationen und keinen Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden im Iran hat.

Das Internet ist dort größtenteils abgestellt, auch das Mobilfunknetz funktioniert nicht. Vor allem bei Angriffen auf den Westen Teherans, wo ihre Familie wohnt, macht sich Berlouie Sorgen.

"Trump ist unberechenbar"

Zu welchem Ergebnis der Krieg führt, kann Berlouie nicht einschätzen. "US-Präsident Donald Trump ist unberechenbar. Wir müssen sehen, was passiert, und hoffen, dass die Menschen möglichst wenig durch den Krieg leiden müssen." Berlouie ist sich aber sicher, dass wenn die USA das iranische Regime wirklich wechseln wollen, sie dazu auch in der Lage wären. Sie seien dafür schon einen großen Teil des Weges gegangen.

Aber auch andere Szenarien sind für Berlouie denkbar. Vor allem hofft sie, dass die amerikanischen Angriffe in ihrem Land nicht zu ähnlichen Entwicklungen führen wie in Afghanistan, Irak oder Syrien.

Berlouie will im Iran System wie in Deutschland

Am liebsten wäre der 41-Jährigen für ihr Land ein demokratisches und föderales System wie in Deutschland, das den regionalen Unterschieden und den verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Iran gerecht wird. Bis es dazu kommt, möchte Berlouie in München das B1-Niveau in Deutsch erreichen. Wenn sich dann im befreiten Iran deutsche Unternehmen ansiedeln würden, könnte sie für diese mit ihren Sprachkenntnissen arbeiten.

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