Brandsätze, Verletzte, Randale: Schämt euch, ihr Club-Chaoten!

„Die sind einfach nur hohl“, tobt Nürnbergs Manager Bader. Die DFL droht dem Verein mit drastischen Strafen. Die AZ beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Skandal
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Auf der Anzeigetafel steht der deutliche Hinweis, den Club-Chaoten war das - wieder einmal - völlig egal. Resultat des Wahnsinns: neun Verletzte.
zink Auf der Anzeigetafel steht der deutliche Hinweis, den Club-Chaoten war das - wieder einmal - völlig egal. Resultat des Wahnsinns: neun Verletzte.

„Die sind einfach nur hohl“, tobt Nürnbergs Manager Bader. Die DFL droht dem Verein mit drastischen Strafen. Die AZ beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Skandal

„Das Licht der Fackeln hat etwas Magisches, fast Unbeschreibliches an sich. Kein anderes Hilfsmittel schafft es, eine Begeisterung auf derart einfache Weise zu steigern und durch nichts anderes lässt sich eine Freude stärker zum Ausdruck bringen.“

Leitsatz auf der österreichischen Internetseite pyrotechnik-ist-kein-verbrechen

BOCHUM/NÜRNBERG So faszinierend die Bilder von bengalischen Fackeln auch sein mögen. Die Dummheit einiger Club-Chaoten beim 0:0 in Bochum am Samstag gipfelte in einer erschreckenden Bilanz. Durch das Abbrennen von mit Magnesium (bis zu 3000 Grad heiß, nahezu unlöschbar) versetztem Rauchpulver und Signalfackeln wurden neun Personen im Nürnberger Fanblock, darunter ein 13-jähriger Bub, teilweise schwer verletzt. Von sechs Personen (fünf Männer, eine Frau), die im Krankenhaus behandelt werden mussten, traten vier die Heimreise wieder an. Ein Nürnberger (26) und die Frau (trug einen Schalke-Schal) liegen noch auf der Intensiv-Station der Uniklinik Bergmannsheil in Bochum, mussten wegen Brandverletzungen dritten Grades operiert werden. Lebensgefahr besteht zum Glück nicht.

Wüste Schlägerei im Schnellrestaurant

Damit nicht genug. Am Abend stürmten rund 30 Nürnberger gegen 20.10 Uhr ein Schnellrestaurant an einem Rasthof bei Siegen. Dabei lieferten sie sich eine wüste Schlägerei mit Anhängern von Werder Bremen, die auf der Rückreise vom Spiel in Mainz waren. Neben dem Mobiliar gingen neun Fensterscheiben zu Bruch. Der Sachschaden wird auf 100000 Euro beziffert. Auch hier laufen die Ermittlungen auf Hochtouren.

Die AZ versucht, die wichtigsten Fragen rund um das Wochenende der Schande zu beantworten.

Wer wird verdächtigt?

Von beiden Vorfällen gibt es Videoaufnahmen. Club-Manager Martin Bader hofft auf „aussagekräftige Bilder“. Die Auswertung erfolgt im Laufe dieser Woche. Vordergründig stehen die Ultras im Visier der Ermittler. FCN-Sicherheitschef Daniel Kirchner: „Alle, die in dieser Gruppe oder deren Umfeld tätig sind, wussten, was passieren kann. Es geht nicht um eine pauschale Verurteilung eines Fan-Lagers.“ Der Gästeblock wurde nach dem Spiel abgeriegelt, Beweise gesichert.

Wie kam das brisante Material ins VfL-Stadion?

Bengalfackeln, Magnesium- und Rauchpulver wurden wohl auf mehrere Täter und möglichst unauffällig gekleidete Unterstützer in kleinen Portionen verteilt. Peter „Fiddl“ Maul, ehrenamtlicher FCN-Fanbeauftragter: „Die Leute sind kreativ, Frauen und Minderjährige werden oft schlecht oder gar nicht kontrolliert. Versteckt werden die Sache im Genitalbereich, in Schuhen, ausgehöhlten Brötchen oder Baguettes. Dass dennoch so viel ins Stadion gelangte, verwundert. Selbst ich mit meinem offiziellen DFL-Ausweis werde regelmäßig kontrolliert.“

Welchen Anlass gab es für die Pyro-Aktion?

Kirchner vermutet, nachdem es seit dem Zweitliga-Spiel in Oberhausen am 9. April letzten Jahres wohltuend ruhig um die FCN-Pyromanen geworden war: „Vielleicht wollte man ein Zeichen setzen. Nach dem Motto: Uns Nürnberger gibt es auch noch. Wir haben schließlich einen Ruf zu wahren.“ Allerdings einen höchst zweifelhaften.

Welche Konsequenzen drohen dem Club?

Weil die „Dummen leider immer noch ins Stadion dürfen“ (Trainer Dieter Hecking) und aus einer erst unter der letzten Woche ausgesprochenen Geldstrafe der DFL über 6000 Euro für einen Feuerzeug-Wurf im Heimspiel gegen Stuttgart nichts lernen wollen, droht dem Club eine drakonische Strafe! Schon im April 2008 musste der Verein satte 50000 Euro blechen: für das Abbrennen von drei Böllern in Frankfurt und einer auf das Spielfeld geworfene Bengalfackel. Die Täter konnten nicht identifiziert werden. Schiri damals wie jetzt am Samstag: Peter Gagelmann, der einen Zusatzbericht anfertigte. „Wir setzen uns für hohe Strafen ein“, stellt DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus klar. Mögliche Sanktionen, die zudem koppelbar sind: Geldstrafe bis 250000 Euro, ein Reiseverbot auf Zeit für alle Nürnberger Fans, Platzsperre, Geisterspiel und Punktabzug. Letzteres käme einem Super-Gau gleich.

Welche Konsequenzen drohen den Tätern?

„Die sind einfach nur hohl“, sagt der schockierte Bader. „Es ist furchtbar, dass es Verletzte gegeben hat Wir wünschen gute Genesung. Jeder muss ins Stadion gehen können, ohne Angst um seine Gesundheit zu haben.“ Zeugen sollen sich telefonisch (0911/940 790) oder per Mail (sicherheit@fcn.de) melden. „Wir sind es dem Gros unserer Fans schuldig, dass wir an den Tätern ein Exempel statuieren“, legt Kirchner nach. Schadensersatz-Prozesse sind erst der zweite Schritt. Die Polizei ermittelt wegen des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz, vorsätzlicher (schwerer) Körperverletzung, Verstoß gegen das Versammlungsrecht, Beihilfe zu einer Straftat. Bezüglich der Schlägerei am Rasthof zusätzlich wegen schwerem Landfriedensbruch, Sachbeschädigung und Raub.

Welche Vorkehrungen ergreift der Verein?

Ein Maßnahmenkatalog soll umgehend ausgearbeitet werden. Ausschließlicher Verkauf von personifizierten Tickets analog zur WM 2006 und EM 2008, intensivere Kontrollen von Bussen bei der Anreise oder Zelte, in denen sich auch kaum Verdächtige komplett ausziehen müssten. Kirchner: „Eine eigentlich menschenunwürdige Maßnahme.“

Was sagen die Ultras?

Die hatten vor knapp zwei Jahren in einem Offenen Brief beteuert: „Nach den Ereignissen von Frankfurt sehen wir es als Akt der Vernunft an, uns klar von der Verwendung von Pyrotechnik in Bundesliga-Stadien zu distanzieren.“ UN-Sprecher Julius Neumann in einer SMS an die AZ-Redaktion: „Wir äußern uns öffentlich erst nach Rücksprache mit dem FCN, also frühestens Dienstag.“ Bader verärgert: „Leider sind es scheinbar keine verlässlichen Partner.“ Schlusswort Kirchner: „Wir wollen deren Wahrnehmung erfahren. Aber nur Reden bringt nichts mehr.“ Wohl wahr. Markus Löser

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