Wenn Göring nackt durch die Lüfte fliegt

Internationales Figurentheater- Festival: Buddenbrooks- Literatur, Russen-Spektakel und eine Deutsch-Performance.
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Gentys Theater steht für Bilderrausch: „Boliloc“, heute in Erlangen und am Donnerstag in Fürth zu sehen.
Festival Underdox Gentys Theater steht für Bilderrausch: „Boliloc“, heute in Erlangen und am Donnerstag in Fürth zu sehen.

NÜRNBERG - Internationales Figurentheater- Festival: Buddenbrooks- Literatur, Russen-Spektakel und eine Deutsch-Performance.

Während in Nürnberg zwischen Tafelhalle und Künstlerhaus das Figurentheater-Festival allabendlich neu und mit unterschiedlichem Erfolg ums Publikum ringt, kann in Erlangen weder Wettersturz noch Ästhetik-Anarchie die Stimmung gefährden. Gleichmäßige Begeisterung im dicht besetzten Markgrafentheater für den liebevoll ausgemalten Familienuntergang von Thomas Manns „Buddenbrooks“ durchs Puppentheater Halle und der spinnerten „Helden“-Hinrichtung der russischen Rasputin-Alchimisten von Akhe, die zu vorgerückter Stunde in den Glocken-Lichtspielen durch ihr lärmendes Laboratorium staubten.

Das Akhe-Duo aus St. Petersburg, seit den Erlanger Arena-Tagen ein Begriff, zieht in voll gestellter Nonsense-Werkstatt in die Materialschlacht und lässt seine von wackligen Video-Bildern verfolgten Späße in Kettenreaktionen stürzen. In ihrer absurden Dauerperformance „Gobo“ lassen die weißnasigen Clowns „Helden“ auf dem Nagelbett „ausatmen“, kopfüber am Seil in den „Traum“ stürzen oder über die Tischkante marschieren. Bierbüchsen werden angeschossen statt angezapft, der Zwerg Alberich taucht im Aquarium nach Zuckerstückchen, eine Luftgitarre heult mit einem Luftsauger um die Wette. Der Witz genießt die Sinnfreiheit in vollen Zügen in diesem „Ingenieurtheater“ (nochmals morgen, 20 Uhr, Tafelhalle)

Die großbürgerlichen „Buddenbrooks“ vorher hielten mit Pop-Songs und Krisen-Gespenst Anschluss an Gegenwartsgefühle. Und auch hier verblüfften die Puppenspieler aus Halle mit einer stupenden Technik. Die Hände in der Hüfte, die Griff zur Brille, eine einzige verächtliche Kopfbewegung – und die Kaufmannsfamilie aus Schaumstoff erwacht zum Leben. Man erlebt in dem Stück zum Film zum Klassiker das Auflösen von Fassaden und Freiheiten, Geldstreben und Gleichgewicht. Immer weiter weg rutschen in knapp drei Stunden die Puppen – und damit auch die Probleme. Man bleibt auf Distanz und applaudiert der Kunst (nochmals Sonntag, 20 Uhr, Tafelhalle).

Ach ja, mit den Assoziations-Attacken ist das so eine Sache. Wenn der Absender (in diesem Fall All-inclusive-Performerin Ulrike Quade inmitten von zwei weiteren Akteuren und Live-Musiker Erik Sanko) eine Botschaft in Bilder hämmert und das Gemisch aus Tanz, Puppenspiel und Betroffenheits-Design dennoch vor allem verwirrt, ist etwas falsch gelaufen. In „The Wall“, wo Reichsflieger Göring nackt durch die Luft segelt und eine sehr an Amy Winehouse erinnernde Puppe überraschend O-Ton von Ulrike Meinhof spricht, wird uns angeblich ein Deutschland-Bild der anhaltenden Nachkriegszeit gezeigt. Samt germanisch gereckten Schäferhunde-Köpfen, eckigen Ballett-Posen und einem gehörnten Widder im Brautkleid. Hat vermutlich alles ganz arg viel zu bedeuten. daer/D.S.

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