Lesenswert und intelligent – aber auch ärgerlich

Die zwiespältigste Neuerscheinung des diesjährigen Erlanger Poetenfests: der Roman Rabenliebe von Peter Wawerzinek
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Bald geht das Erlanger Poetenfest wieder los - und Peter Wawerzinek liest aus seinem Roman Rabenliebe
az Bald geht das Erlanger Poetenfest wieder los - und Peter Wawerzinek liest aus seinem Roman Rabenliebe

Erlangen - Die zwiespältigste Neuerscheinung des diesjährigen Erlanger Poetenfests: der Roman Rabenliebe von Peter Wawerzinek

Es wird die am meisten ambivalente Neuerscheinung auf dem Erlanger Poetenfest (vom 25.8. bis 28.8.) sein. Einmal angefangen, kann man „Rabenliebe“ nicht mehr aus der Hand legen. Peter Wawerzinek erzählt in seinem autobiographischen Roman (Galiani Berlin, 22,95 Euro) über seine Kindheit im Waisenhaus, über die Schmähungen, die er hinnehmen musste, wenn Adoptiveltern ihn nach kurzer Zeit wieder zurück ins Kinderheim brachten, und er beschreibt, wie er nach fünfzig Jahren zum ersten Mal seiner Mutter gegenübersteht. Eine packende, faszinierende Geschichte – allein Wawerzineks lamentierender Tonfall verhindert eine emotionale Anteilnahme. Er breitet auf 400 Seiten die Lebensgeschichte eines Suchenden aus, die eigentlich nach einem emotionalen Mehrwert geradezu schreit.

Statt dessen erfindet Wawerzinek (er liest am Sonntag um 17 und 17.30 Uhr im Schlosspark Erlangen) auf nahezu jeder Seite seinen Schreibstil neu und lädt dabei seinen Roman mit verschwurbelten Manierismen auf. Auf einen Abschnitt mit kindlich-naiven Sätzen wie „Welch ein Singen, Musizieren, Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren, kommt mit Sang und Schalle“ folgt unmittelbar ein Artikel in lexikalem Sprachduktus über die menschliche Stimmphysiologie, angereichert mit Worten wie „Trachea“, „Larynx“ oder „Alveolarkamm“. Andererseits aber ist das Buch auch gespickt mit Raffinessen. Auf der lebenslangen Suche nach seiner Mutter findet Wawerzinek Lebewesen und Gebrauchsgegenstände, in denen er Mutterhaftes entdeckt, ohne dass er dabei dem Leser die Möglichkeit lässt, freudianischen Unfug hineinzuinterpretieren. Stattdessen stellt Wawerzinek mit seinen Überlegungen über das Wesen des Mütterlichen Seite für Seite das weitläufige Weltbild über das Mütterliche auf den Kopf.

Auch entzieht sich allem 400-seitigen Lebenslamento zum Trotze Wawerzineks bemerkenswert unverstellter Blick auf die Kinderheime der DDR-Zeit jeglichen Pauschalurteils, so dass der Autor mit „Rabenliebe“ ein zeitgeschichtlich interessantes Werk geschaffen hat. Lesenswert ist der intelligente Roman also allemal – mag man sich manchmal auch noch so sehr über das Buch ärgern. mt

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