Adventsabend für Flüchtlinge: Einheimische gehen nicht hin

Der Helferkreis in Wegscheid will, dass sich Einheimische und Flüchtlinge bei Platzerl und Punsch kennenlernen. Doch letztendlich sitzen die Asylbewerber und Ehrenamtlichen alleine am Tisch.
| Marleen Heuer, AZ
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Sie bleiben unter sich: Ehrenamtliche und Menschen aus Ländern wie Syrien und Eritrea.
Armin Weigel/dpa Sie bleiben unter sich: Ehrenamtliche und Menschen aus Ländern wie Syrien und Eritrea.

Wegscheid - Im Saal des Wegscheider Pfarrheims duftet es nach Kinderpunsch und Lebkuchen. Rote Weihnachtssterne, Mandarinen und Nüsse stehen auf den Tischen, die zu einer langen Tafel zusammengeschoben wurden. Ein gemütliches, adventliches Beisammensein, wie wir es in Deutschland gewohnt sind.

An dieser feierlichen Tafel im Landkreis Passau sitzen am vergangenen Wochenende über 50 Menschen jeden Alters – geflohen aus Ländern wie Syrien, Afghanistan, Eritrea und Nigeria. Gespannt lauschen sie einem deutschen Weihnachtsgedicht, um sich danach in lockerer Atmosphäre zu unterhalten und Weihnachtslieder zu singen. Ihnen gefällt’s.

Über den Grenzübergang bei Wegscheid kamen in den vergangenen Wochen Tausende Flüchtlinge. In dem niederbayerischen Ort hat sich ein ehrenamtlicher Helferkreis gebildet. Mittlerweile sind richtige Freundschaften entstanden. Ihre Erfahrungen wollten die Helfer eigentlich beim Adventsabend mit den anderen Wegscheidern teilen. Die Veranstaltung sollte zum gegenseitigen Kennenlernen dienen, ein gemeinsames Fest werden.

 

Helferin: „Sie machen es sich mit ihren Vorurteilen bequem“

 

Doch es kommen keine Einheimischen. „Die Bürger wollen den Kontakt nicht“, sagt die ehrenamtliche Helferin Marieluise Erhard. „Sie bleiben lieber zu Hause und machen es sich mit ihren Vorurteilen bequem. Es schotten sich nicht alle ab, aber schon viele.“ Das ist für die Helfer und Flüchtlinge enttäuschend. Sie wollen aber trotzdem zeigen, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind, wie viele denken. Zwar sind die meisten der Flüchtlinge Muslime und feiern kein Weihnachtsfest, doch neu sind ihnen die Bräuche nicht. So sind in Syrien zum Beispiel zehn Prozent der Bevölkerung Christen und im Libanon mehr als ein Drittel.

„Bei uns wird auch Weihnachten gefeiert mit Weihnachtsbäumen, Lichtern und Punsch. Genau wie hier“, erzählt Imat aus Damaskus. Die zehnjährige Aya kommt auch aus der syrischen Hauptstadt und wurde zu Weihnachten oft von ihren christlichen Freunden eingeladen – bevor der Bürgerkrieg ausbrach.

Die Helferin Barbara Felber hat ihren Schützlingen Geschenke mitgebracht: Ein Fotoalbum mit Fotos aus den Deutschstunden, einen Stift und Schokolade. Die Rentnerin engagiert sich seit einem Jahr im Helferkreis als Deutschlehrerin und hat eine enge Bindung zu ihren Schülern aufgebaut. Am Morgen wurde ein Mann aus dem Kosovo, der bei ihr vier Monate lang Deutsch gelernt hat, mit seiner Familie abgeschoben. „Das bedrückt mich sehr heute Abend“, sagt Felber. Sie muss weinen.

Isaja ist aus Eritrea und ein gläubiger Christ. Um den Hals trägt er zwei Ketten mit einem Kreuz. Jeden Sonntag geht er mit seinen Landsmännern in die Kirche zum Beten. Auch an Weihnachten werde er in den Gottesdienst gehen, erzählt er.

Wegen der verschiedenen Religionen gibt es im Wegscheider Asylheim keine Konflikte. „Die Gruppe ist sehr harmonisch. Ab und zu gibt es zwar mal Streitigkeiten wegen des Lagerkollers, aber die können wir immer schnell schlichten“, sagt Dunja Wolf. Für die Heilpraktikerin ist die Arbeit im Helferkreis eine Chance gewesen. „Ich bin vor drei Jahren nach Wegscheid gezogen und kannte niemanden. Durch die Arbeit mit den Asylbewerbern habe ich die Möglichkeit gehabt, mich in die Gemeinde zu integrieren.“

Wenigstens bei ihr hat die Integration schon mal geklappt.

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