Abnehmspritzen in München: "Der Ansturm ist kaum zu bewältigen"
Endlich abnehmen. Das ist zu Neujahr ein häufiger Vorsatz. Immer mehr Übergewichtige probieren es mit der Abnehmspritze wie Wegovy oder Ozempic.
Der Münchner Hormon-Experte Jörg Puchta ("Übergewicht wird heilbar. Das geniale Prinzip hinter der Abnehmspritze und ihre Gefahren") ist seit Jahren Experte auf dem Gebiet, hat die Abnehmspritze sogar an sich selbst getestet. Er hat die Praxisklinik "Kinderwunsch und Hormonzentrum an der Oper" mitgegründet und dort 2013 die Adipositas-Sprechstunde etabliert.

AZ: Herr Puchta, im Januar nehmen sich viele vor, ein paar Kilos abzunehmen. Merken Sie diesen guten Vorsatz an der Nachfrage nach der Abnehmspritze?
Jörg Puchta: In der Tat, sämtliche Abnehmspritzen boomen. Die Nachfrage ist gigantisch, der Ansturm an Patienten ist bei uns kaum zu bewältigen. Die Nachfrage ist im Januar am größten, aber sie ist auch im vergangenen Jahr insgesamt stark gestiegen.
"Wir weisen noch keine Patienten ab"
Sind die Münchner offen für Wegovy und Co.? Und wenn ja, warum?
In München, mit seinem hohen Anteil an wohlsituierten Menschen, die sehr Gesundheits- und Longevity-bewusst (Langlebigkeit; d. Red.) sind, ist das Interesse meines Erachtens am größten. Es hat aber auch damit zu tun, ob man es sich leisten kann, weil die Medikamente relativ teuer sind und die Krankenkassen sie nicht bezahlen.
Sie sagen, der Andrang ist kaum zu bewältigen. Was heißt das konkret? Müssen Sie Menschen abweisen?
Wir weisen noch keine Patienten ab, aber wir können nicht allen den schnellstmöglichen Termin geben, den sie gern hätten.
Wenn jemand schwere Vorerkrankungen hat, versuche ich natürlich, einen früheren Termin zu ermöglichen
Wie lang muss man warten?
Wir haben teilweise schon Wartezeiten von bis zu vier Wochen. Zur Einordnung: Wir tun sonst in der Regel alles dafür, damit Menschen innerhalb einer Woche einen Termin bekommen.
Wie priorisieren Sie? Wer kommt als Erstes dran?
Ich habe viele schwer kranke Patienten, zum Beispiel mit massivem Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Nierenerkrankungen. Wenn jemand schwere Vorerkrankungen hat, versuche ich natürlich, einen früheren Termin zu ermöglichen.

Welche Untersuchungen führen Sie durch, bevor es wirklich zur Behandlung mit einer Abnehmspritze kommt?
Zunächst kann jeder ohne Termin zur Blutabnahme zu uns kommen. Wir ermitteln sodann vor einer Behandlung einen umfassenden Status: Welche Probleme und Erkrankungen liegen bei dem jeweiligen Patienten vor? Welche Hormone sind aus dem Ruder? Dann checken wir jeden auf seine Risikofaktoren unter anderem für Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Wenn Sie ohne Übergewicht die Abnehmspritze nehmen, würden Sie diese Organsysteme schützen
Warum ist das notwendig?
Durch Übergewicht erhöht sich das Risiko dafür massiv. Die primäre Indikation der Abnehmspritzen ist die Blutzucker-Regulation und das Abnehmen bei Diabetikern. Aber zusätzlich gibt es Effekte jenseits davon: Sie reduzieren Entzündungen und Arteriosklerose (Arterien-Verkalkung; d. Red.), sie wirken positiv aufs Herz, die Nieren und die Leber. Mit anderen Worten: Wenn Sie ohne Übergewicht die Abnehmspritze nehmen, würden Sie diese Organsysteme schützen.
Erstmals haben wir für die AZ im Dezember 2023 über die Abnehmspritze gesprochen. Wie hat sich Ihre Sicht darauf seither verändert?
Vor zwei Jahren war ich in vielen Dingen noch vorsichtiger. Mittlerweile haben wir so viele Tausende Menschen damit behandelt, zudem sind viele neue Daten hinzugekommen. Als Arzt kann ich sagen: Wir sind sehr viel entspannter geworden und haben auch die Nebenwirkungen viel besser im Griff. Wir haben unheimlich viel dazu gelernt und dosieren zum Beispiel cleverer.
Größter Fehler: Mit zu hoher Dosis einsteigen
Was war der größte Lerneffekt für Sie?
Auf keinen Fall den Fehler zu machen, mit einer zu hohen Dosis zu starten. Die offizielle Einstiegsdosis der Firmen ist für viele Patienten zu viel. Aber auch, wie schnell man die Dosis steigert: Hier muss man sehr viel individueller und mit mehr Geduld vorgehen.

Wie viele Ihrer Patienten haben die Behandlung abgebrochen?
Das ist sehr selten. Die Drop-out-Rate bei mir liegt unter einem Prozent. Wer zu uns kommt, erhält eine ausführliche Erklärung und die Spritze in entsprechender Dosierung. Nach zwei Monaten kommt der Patient zur Kontrolle und wir überprüfen, ob alles funktioniert. Wir haben ein sehr engmaschiges Netz.
Bis zu 50 Kilo im Jahr abgenommen
Was war das höchste Gewicht, das ein Patient auf diesem Weg abgespeckt hat?
Was ich vorweg sagen muss: Die Abnehmspritze ist nur ein Teil des Ganzen, wir behandeln im Hormonzentrum an der Oper viel mehr und umfassend, etwa bei Schilddrüsen-Problemen oder bei einer Insulinresistenz. Daher haben wir teilweise Gewichtsreduktionen, die sensationell klingen. Ich habe Patienten, die in einem Jahr 50 Kilo abgenommen haben.
Und haben diese das neue Gewicht auch gehalten?
Halten bedeutet, sehr genau hinzuschauen: Was machen die Blutsysteme? Wie verhalten sich die Resistenzen? Wir können an den Blutwerten sehen, wer rückfallgefährdet ist, und wir müssen so lange in entsprechenden Dosierungen nachbehandeln, bis die Rückfall-Gefährdung und die Lebensstil-Umstellung so weit gediehen sind, dass der Patient sicher ist.
Das ist ja eine häufige Kritik: Nach der Abnehmspritze nimmt man wieder zu, sogar schneller als nach einer normalen Diät.
Das stimmt nicht. Sie können wieder zunehmen, aber nicht schneller. Den Jojo-Effekt gibt es bei der Abnehmspritze genauso wie bei anderen Diäten. Wir sagen den Patienten, wenn sie das gewünschte Gewicht erreicht haben: Es ist zu früh, jetzt komplett abzusetzen. Ich muss als Arzt festlegen, welche Erhaltungsdosis der jeweilige Patient braucht und wie lange er sie benötigt. Der Fehler ist die Fastfood-Mentalität, salopp gesagt: "Ich pfeife mir die Abnehmspritze rein, zack, schneller Erfolg und weg damit." Nein, so funktioniert es nicht. Fettzellen haben ein Gedächtnis von zehn Jahren! Das bedeutet, die Fettzelle schrumpft durch die Abnahme, aber sie wird alles tun, um wieder dick zu werden. Durchhaltevermögen ist also sehr wichtig.

Wegovy und Ozempic sind nach wie vor die bekanntesten Namen. Aber es gibt auch schon andere mit mehr Wirkstoffen.
Ozempic ist am bekanntesten, Wegovy ist der identische Inhaltsstoff. Sie hatten den ersten Mega-Erfolg. Die Präparate Mounjaro oder Zepbound enthalten GLP-1 und zugleich GIP (Darmhormone; d. Red.), das ist eigentlich das Wirksamste.
Und erst im Dezember 2025 gab es eine Herstellerstudie zu Retatrutid mit sogar drei Wirkstoffen.
Das ist noch nicht auf dem Markt und kommt in den USA voraussichtlich erst Ende des Jahres. Die Deutschen werden sicher noch bis 2027 darauf warten müssen.
Neues Mittel noch effektiver?
Was erhoffen Sie sich davon?
Wir wissen bereits, dass es noch wirksamer sein wird und noch mehr Gewichtsreduktion erreicht. Idealerweise können damit auch noch Nebenwirkungen reduziert werden.
Haben Sie Angst, dass in den nächsten Jahren noch Nebenwirkungen aufkommen werden, die man jetzt noch nicht im Blick hat?
Ich habe keine Bedenken mehr. Ich bin ein kritischer Mediziner und will nicht den Fehler machen, an eine Sache blind zu glauben. Aber wir haben jetzt sehr verlässliche Studien und gute Daten.
Und trotzdem zahlen die Krankenkassen die Behandlung nicht. Warum?
Ein Paragraf im Sozialgesetzbuch regelt Behandlungen zu Wohlbefinden und Schönheit. Diese dürfen nicht auf Kosten der Allgemeinheit abgerechnet werden. Das ist grundsätzlich sinnvoll, aber Übergewicht ist ein Graubereich, weil es ab einem bestimmten Punkt auch zu Diabetes führt. Dann bezahlt die Krankenkasse.
Haben Sie als Arzt immer noch Spaß am Thema Abnehmspritze?
Total! Es ist unvorstellbar, welches Leid Übergewicht und dieses nicht in den Griff zu bekommen bei Menschen auslöst. Ich kann sagen: Ich habe jeden Tag Menschen hier, die glücklich und zufrieden sind. Ich habe einen sensationellen Job.
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