20.000 Gäste erwartet: Friert dieser berühmte See in Bayern nach Jahrzehnten wieder zu?

Am Königssee geht gerade nichts mehr: Die Schifffahrt ist wegen teilweiser Vereisung bis auf Weiteres eingestellt, heißt es auf der Webseite der Schifffahrt Königssee. Und plötzlich ist sie wieder da, diese große Winter-Frage im Talkessel: Friert er diesmal wirklich zu? Der letzte Winter, in dem der Königssee mit Eis bedeckt und offiziell freigegeben war, liegt inzwischen genau 20 Jahre zurück.
Winter 2005/2006: Damals wurde aus dem berühmtesten bayerischen Bergsee für kurze Zeit ein begehbarer Weg nach St. Bartholomä. An insgesamt 29 Tagen war der Königssee offiziell für Fußgänger freigegeben. Die Eisdecke erreichte stellenweise bis zu 40 Zentimeter. Der See wurde zum Winter-Ausflugsziel: Menschen spazierten nach St. Bartholomä, manche schoben Kinderwagen, andere kamen mit Langlaufskiern oder sogar mit dem Fahrrad. Für zehntausende – teils pro Tag – wurde die Fläche zur Promenade.
Gemeinde reagiert mit offizieller Mitteilung
Am Freitag gab die Gemeinde in einer Mitteilung offiziell bekannt, dass sie das Betreten der Eisflächen auf dem Königssee verboten hat. Diesen Schritt begründete sie damit, dass der Königssee zum aktuellen Zeitpunkt von einer durchgängigen und ausreichend dicken Eisschicht noch weit entfernt sei. Weiter heißt es, dass die Beurteilung der Tragfähigkeit von dünnen Eisschichten von unerfahrenen Besuchern oftmals unterschätzt werde. Die Gemeinde richtet deshalb einen dringenden Appell an Besucher:
“Das Einbrechen im Eis kann je nach Wassertiefe lebensgefährlich sein und bringt auch bereitwillige Ersthelfer in Gefahr! Bitte nehmen Sie deshalb das von der Gemeinde angeordnete Betretungsverbot des Königssees ernst!”
Man prüfe die Eisbildung fortlaufend und werde das Betretungsverbot aufheben, sobald ein gefahrloses Begehen möglich sei. Eine Prognose, ob das nach 20 Jahren tatsächlich passiert, könne derzeit nicht abgegeben werden.
Grundsätzlich gilt nach der bayerischen Verfassung das freie Betretungsrecht der Natur. Das bedeutet: Abgesehen von Privatgrundstücken oder gesperrten Biotopen darf man sich in der Natur frei bewegen. Das gilt auch für den Königssee. Wenn der zugefrorene See aber Menschenmassen anziehe, könne man die Situation als Ortsgemeinde nicht sich selbst überlassen", sagt Andreas Huber, Geschäftsführer der Gemeinde Schönau am Königssee der AZ. Da geht nichts mehr mit der Argumentation Betretungsrecht in der freien Natur. Da haben wir dann ein echtes Sicherheitsproblem.” Deswegen hat die Gemeinde den See aus Sicherheitsgründen gesperrt und hebt diese Sperrung dann wieder auf.
Königssee: In 135 Jahren nur zwölfmal freigegeben
Das Zufrieren des Königssees gilt als so selten, dass ein Leben kaum reicht, um es an zwei Händen abzuzählen. Der bayerische Bergsee friert wegen seiner Größe und Tiefe nur in sehr kalten, zugleich windstillen Phasen komplett zu.

Vor 2006 wurde die Eisfläche offiziell in den Jahren 1997, 1987 und 1985 freigegeben, jeweils in Wintern, in denen der See ausreichend stark und zusammenhängend zufror. Ein Maß für die Seltenheit liefert der Blick ins Archiv. In den vergangenen mehr als 135 Jahren sei der Königssee nur zwölfmal zum Betreten freigegeben worden, berichtete einst der Gemeindearchivar Erhard Moldan von Schönau am Königssees in einer ServusTV-Sendung.
Der Königssee ist kein kleiner Weiher, der nach ein paar Frostnächten "dicht" macht und begehbar wird. Er ist groß, tief und beim Zufrieren maximal träge. Bis zu 190 Meter reicht er nach unten, über sieben Kilometer zieht er sich fjordartig durchs Tal, eingeklemmt zwischen steilen Berghängen.

Laut Andreas Huber stehen die Chancen dafür, dass der See nach 20 Jahren tatsächlich wieder zufriert, momentan so günstig wie schon lange nicht mehr. Der Grund dafür: langanhaltende Kälte und Windstille. "Wenn wir Wind haben und Wellenschlag, dann friert der See nicht", erklärt Huber.
"Dann rechnen wir am Wochenende 20.000 Personen aufwärts"
Er und seine Kollegen sind dafür zuständig, den derzeit gesperrten See gegebenenfalls für die Menschen freizugeben. Notwendig dafür sei eine Eisdicke von zwölf bis 14 Zentimetern. Von der notwendigen Eisschicht sei man derzeit aber noch weit entfernt. Sollte die Marke erreicht werden, muss sich die Gemeinde auf einen wahren Besucheransturm vorbereiten: "Wenn der See begehbar ist, dann rechnen wir am Wochenende 20.000 Personen aufwärts", so Huber. Zu viel Hoffnung will er sich aber nicht machen: "Die Wetterprognose für nächste Woche ist schon wieder wärmer, leicht windig. Das spricht eigentlich dagegen."
Keine klare Regeln zur Freigabe
Die Entscheidung, wann die Sperrung der Eisfläche aufgehoben wird, liegt allein bei der Gemeinde. Offizielle Regeln und Gesetze gibt es dazu nicht. Laut Geschäftsführer Huber orientiert man sich an einem alten Merkblatt zur Tragfähigkeit von Eisdecken aus den 90er-Jahren – damals noch vom Landesamt für Wasserwirtschaft, das inzwischen in das Landesamt für Umwelt (LfU) integriert ist. Das Merkblatt ist laut Huber aber inzwischen aufgehoben. Das LfU bestätigt auf AZ-Anfrage, dass dieses 2020 tatsächlich aus der eigenen Merkblattsammlung gestrichen worden sei. Für aktuelle Informationen zur Tragfähigkeit von Eisflächen verweist es auf Ausführungen des Deutschen Wetterdienstes.
Huber und seine Kollegen halten sich dennoch an das von Spezialisten zusammengefasste Merkblatt. “Irgendeinen Anhaltspunkt braucht man. Wir Verwaltungsleute können das nicht selbst beurteilen.” Für größere Gruppenmassenbewegungen, wie sie am Königssee zu erwarten wären, ist im Merkblatt laut Huber eine Eisschicht von zwölf bis 14 Zentimetern vorgesehen. Die DLRG empfiehlt für einzelne Personen beim Betreten stehender Gewässer wie dem Königssee sogar eine Mindesteisdicke von 15 Zentimetern.
Vorbereitungen auf den Besucheransturm
Die Gemeinde will vorbereitet sein, falls der See tatsächlich zufriert und freigegeben wird. Laut Huber hat man bereits mit Landwirten gesprochen, ob man ergänzende Wiesen in der Nähe des Sees bekommen könnte. Die würden dann als zusätzliche Parkplätze dienen. “Sonst sind wir im Winterbetrieb nicht auf so einen Ansturm gewappnet.” Auch auf der Eisfläche selbst würden laut Huber bei einer Freigabe Vorkehrungen getroffen werden: “Wir werden dann eine geprüfte Trasse abstecken.” An diese können sich die Menschen dann halten. Außerhalb der Trasse und in der Nähe der Felswände könne die Eisdicke stark schwanken, vor allem dort, wo es Unterwasserströmungen gibt, warnt Huber.
Geschäftsführer über 2006: "Einmaliges Erlebnis"
Andreas Huber kann sich noch genau an das letzte Mal erinnern, als der See zufror. “2006 bin ich auch über den See marschiert mit Kollegen. Das ist schon ein einmaliges Erlebnis, auch mit den verschneiten Wänden links und rechts.” Damals schneite es auf das Eis, weshalb die Gemeinde extra Langlaufloipen präparierte. So konnten die Menschen mit Skiern den See überqueren. Und sogar Fahrzeuge konnten auf dem Eis fahren, wie Huber sich erinnert: “Der Wirt hat damals Lebensmittel mit dem PKW und Anhänger über den See transportiert.”
VW Käfer bricht in den Königssee ein
Kommt es tatsächlich zur Freigabe, wie vor 20 Jahren, gelten klare Regeln, die die Gemeinde festlegt. In früheren Jahren wurde für Fußgänger und Langläufer ein markierter Weg über den See angelegt, mit eigener Spur für Hin- und Rückweg. Wer ihn verlässt, verlässt die dickste Eisschicht.

Wie gefährlich das Betreten des Sees sein kann, zeigt eine Geschichte aus dem Winter 1963/64: Ein Einheimischer fuhr trotz Sperrung mit einem VW Käfer über das Eis Richtung St. Bartholomä. Auf dem Rückweg brach der Wagen in der Nähe der Falkensteinerwand an einer nicht zugefrorenen Stelle ein. Das Wrack wurde erst Jahrzehnte später entdeckt, mit Hilfe eines U-Boots. Auch heute noch liegt das Fahrzeug am Grund des Königssees.