TSV 1860: Tim Rieder spricht über die Gründe seines Wechsels

Sechzig-Star Tim Rieder spricht vor dem Duell gegen Viktoria Köln exklusiv in der AZ über die Gründe für den Wechsel nach München, seine Vorliebe für Schuhe und Tattoos – und seine Beziehung zu Gott.
von  Interview: Matthias Eicher
"Ich wollte unbedingt zum TSV 1860", sagt Ex-Bundesliga-Spieler Tim Rieder, der dafür auf viel Geld verzichtet hat.
"Ich wollte unbedingt zum TSV 1860", sagt Ex-Bundesliga-Spieler Tim Rieder, der dafür auf viel Geld verzichtet hat. © sampics/Augenklick

Der Münchner Tim Rieder wechselt in dieser Saison als Leihspieler von Bundesligist FC Augsburg zum TSV 1860.

AZ: Herr Rieder, lassen Sie uns doch über Sonntag, den 1. September 2019, sprechen.
TIM RIEDER: An dem Abend habe ich erfahren, dass der Wechsel zu den Löwen wohl nicht klappt. Dann habe ich mich noch einmal persönlich bei Stefan Reuter (Manager des FC Augsburg, d.Red.) für einen Wechsel starkgemacht. Ich habe ihm gesagt, dass ich unbedingt zu 1860 möchte – zum Glück hat der Last-Minute-Transfer geklappt.

Sportchef Günther Gorenzel hat vor einigen Tagen erklärt, dass Sie auf eine Stange Geld verzichtet haben. Was stand alles auf Ihrer persönlichen Pro- und Contra-Liste?
Ich wollte mich sportlich weiterentwickeln, endlich wieder auf dem Platz stehen. Ich war die letzten drei Jahre immer auf Reisen, bin zwei Mal verliehen worden. Ich wollte mal länger an einem Ort bleiben. München ist meine Heimatstadt, ich kenne hier viele Leute, einige Freunde spielen hier bei Sechzig. Dafür habe ich die Gehaltseinbußen in Kauf genommen.

TSV 1860: Erwartungen von Tim Rieder an die Löwen

Inwieweit haben sich Ihre Erwartungen bei 1860 erfüllt?
Die wurden schon übertroffen. Ich bin sehr froh, hier zu sein. Bei Sechzig fühle ich mich zuhause. Die Fans sind einzigartig, das hatte ich in meiner Laufbahn noch nie. Das ist mit Augsburg oder Darmstadt nicht zu vergleichen. Bei jedem Heimspiel ist was los in Giesing, die Fans treffen sich vor dem Spiel und trinken ein Bier. Die Stimmung ist überragend. Und Daniel Bierofka ist ein Trainer, der dich weiterbringt. Seine Energie bringt dich als Spieler auf hundert Prozent.

In sportlicher Hinsicht hat es trotz aller Energie bisher nur zu Rang 15 gereicht. Wie brenzlig ist die Lage im Abstiegskampf?
Wir haben fast in jedem Spiel gezeigt, dass wir dem Gegner ebenbürtig sind – wenn nicht besser. Oft hat das Spielglück gefehlt. Wenn wir in Rostock das 2:2 machen, sagt jeder: „Super Auswärtsspiel!“ Es läuft trotz der drei Niederlagen immer besser. Wir müssen jetzt so schnell als möglich punkten.

Sie selbst sind zuerst in der Innenverteidigung aufgelaufen, in den vergangenen vier Spielen als Sechser. Was läuft gut, was muss besser werden?
Ich denke, die Defensivarbeit klappt ganz gut. Mit Daniel Wein läuft es gut als Bindeglied zwischen den Ketten. Aber ich habe mir als Ziel gesetzt, mich noch mehr nach vorne einzusetzen. Ich bin nicht so der magische Spieler wie Efkan Bekiroglu oder Timo Gebhart, aber ich kann sicher noch mehr Impulse setzen. So wie mein Vorbild Sergio Ramos: Der ist auch Verteidiger, aber unheimlich kopfballstark und macht viele Tore.

Bei Ihrer Vorstellung haben Sie nicht viel von sich erzählt. Wie tickt Tim Rieder denn privat?
Ich denke, er ist ein ruhiger Typ. Ich geh’ gerne mit Freunden essen, spiele Karten und mag Mode: Ich sammle zum Beispiel "Jordans"-Schuhe. Und ich habe eine Vorliebe für Tattoos.

Wenn uns nicht alles täuscht, tragen Sie auch Jesus auf der Haut, oder?
Ja, das stimmt. Mein Glaube gibt mir Ruhe und Kraft.

Tattoos von Tim Rieder: "Glaube gibt mir Kraft"

Wie leben Sie diesen Glauben als Fußball-Profi?
Ich habe mit etwa 18 Jahren für mich entdeckt, dass irgendetwas fehlt in meinem Leben. Ich bin dann zum Sportlergottesdienst gegangen. Dort war zum Beispiel auch der Köppi (Ex-Löwe Christian Köppel). Jetzt bin ich jeden Sonntag in einer Freikirche an der Donnersberger Brücke – das schaffe ich zum Glück nach dem Training (lacht). Dort gibt es Gottesdienste nach amerikanischem Stil, man singt zusammen. Ich war früher vor Spielen oft nervös. Mein Glaube hilft mir, in mir zu ruhen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Sprechen wir über das Wesentliche mit den Löwen: Was möchten Sie hier erreichen?
Es wäre schön, mal wo zu bleiben. Ich denke, dass ich Sechzig mit meiner Erfahrung und dem, was ich schon erlebt habe, weiterhelfen kann. Ich sehe mich schon als Führungsspieler und versuche, das Zepter in die Hand zu nehmen.

Es scheint, als hätten die Sechzger gute Chancen darauf, Sie zu verpflichten – sollten finanzielle Gründe oder der FC Augsburg dem nicht im Wege stehen.
Dafür ist es noch zu früh. Aber ich fühle mich hier sehr wohl. Ich kann es nicht alleine entscheiden, Sechzig und Augsburg sprechen mit. Aber wenn alles passt, kann ich es mir vorstellen. Ich will ankommen.

Sprechen wir über Samstag: Ist Viktoria Köln zuhause im Grünwalder Stadion eine Pflicht-Aufgabe?
Die sind Aufsteiger, aber wollen Fußball spielen und sich nicht nur hinten reinstellen. Ein schwieriger Gegner, den wir nicht unterschätzen dürfen. Wir müssen defensiv gut stehen und unsere Nadelstiche setzen. Wir sind sehr heimstark, trotz des Dämpfers gegen Uerdingen. Wenn wir keine Probleme bekommen wollen, müssen wir zuhause unsere Hausaufgaben machen.

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