"Sehr schwungvoll": Löw bejubelt Traumstart in sein letztes Abenteuer

Traumstart nach dem Corona-Schock: Joachim Löw ist mit dem souveränen 3:0 in der WM-Quali gegen Island ein perfekter Aufbruch in sein letztes Abenteuer geglückt. Seine Mannschaft setzt Zeichen, auch für Menschenrechte.
von  AZ/sid
Deutschland feiert mit dem 3:0-Sieg gegen Island einen Start nach Maß in die WM-Qualifikation.
Deutschland feiert mit dem 3:0-Sieg gegen Island einen Start nach Maß in die WM-Qualifikation. © Imago/Uwe Kraft

Duisburg - Joachim Löw klatschte mit seinen Assistenten ab, dann steckte der Bundestrainer seine Hände zufrieden in die Taschen seines schwarzen Mantels. Das souveräne 3:0 (2:0) der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation gegen Außenseiter Island war nicht nur der perfekte Start in sein letztes Abenteuer, sondern auch Balsam auf die schmerzhafte Spanien-Wunde. Nach dem Corona-Schock um Jonas Hofmann setzte seine Auswahl auf dem langen Weg nach Katar sofort das erhoffte klare Zeichen - nicht nur fußballerisch.

"Wir haben sehr schwungvoll und dynamisch begonnen", lobte Löw nach dem schnellsten Blitzstart mit zwei Toren in einem Pflichtspiel seit 52 Jahren bei RTL: "Die Mannschaft hatte die richtige Einstellung, der Sieg war souverän. Aber logischerweise sehe ich Verbesserungsmöglichkeiten in unserem Spiel."

"Von der ersten Minute an wurde Vollgas gespielt"

Leon Goretzka, der zur wichtigen Führung traf (3.), meinte: "Die frühen Tore haben uns in die Karten gespielt und unserem Spiel gut getan. Wir haben die Leidenschaft auf den Platz gebracht, für unser Land spielen zu dürfen." Auch der neue RTL-Experte Uli Hoeneß war verzückt: "Von der ersten Minute an wurde Vollgas gespielt."

Neben Goretzka trafen Kai Havertz (7.) und Ilkay Gündogan (56.) in Duisburg für die wie verwandelt auftretende DFB-Auswahl. Schneller als Goretzka und Havertz waren in einem Pflichtspiel zuletzt Gerd Müller und Wolfgang Overath, die in der WM-Qualifikation im Mai 1969 gegen Zypern (12:0) nur fünf Minuten für zwei Tore brauchten. Und auch der in Sevilla im November noch so lethargische Bundestrainer Löw coachte an der Seitenlinie wieder engagiert wie zu besten Weltmeisterzeiten.

Die große Verunsicherung nach dem positiven Corona-Test von Jonas Hofmann am Morgen war beim lockeren Aufgalopp ins EM-Jahr in keiner Phase zu spüren. Dazu kam eine eindeutige Botschaft an den umstrittenen WM-Gastgeber in der Menschenrechtsfrage: Bei der Aufstellung für die Nationalhymnen trug jeder Spieler ein schwarzes T-Shirt mit einem weißen Buchstaben - zusammen lautete die starke Botschaft: "HUMAN RIGHTS". Goretzka sagte dazu: "Wir möchten der Gesellschaft klar machen, dass wir das nicht ignorieren, sondern ganz klar machen, welche Bedingungen da herrschen müssen."

Viel Bewegung auch ohne Ball, stete Bereitschaft, großer Wille: Das DFB-Team ließ Löws Worten Taten folgen. "Das Bedürfnis zu zeigen, dass wir besser sind als in Spanien, ist bei mir riesengroß - bei den Spielern auch", hatte der im Sommer scheidende Bundestrainer kurz vor dem Spiel noch einmal betont. Und obwohl noch sechs Spieler begannen, die auch bei der historischen 0:6-Schmach in Sevilla in derStartelf gestanden hatten, spielte seine Mannschaft wie ausgewechselt.

Dabei wurde die Vorbereitung nicht nur durch Hofmanns Test gestört. Wie der Gladbacher stand auch Marcel Halstenberg nach einem "blöden Backgammon-Spiel" (DFB-Direktor Oliver Bierhoff) mit Hofmann nicht zur Verfügung. Zuvor mussten bereits Rio-Weltmeister Toni Kroos, Niklas Süle und Robin Gosens passen. Dafür kam Bayern-Youngster Jamal Musiala (79.) als Joker zu seinem Debüt - als jüngster Spieler seit Uwe Seeler.

Kimmich als omnipräsenter Boss im Mittelfeld

Das von Hoeneß als "Prunkstück" gelobte Mittelfeld dominierte die biederen Wikinger. Der omnipräsente Boss Joshua Kimmich, der in Spanien schmerzlich vermisst worden war, leitete die beiden ersten Tore mit chirurgisch präzisen Pässen ein. "Der hat ein überragendes Spiel gemacht", lobte Hoeneß.

Beim 1:0 wie beim 2:0 fand Kimmich in Serge Gnabry und Leroy Sane jeweils einen Münchner Mitspieler, der für den Torschützen auflegte. Goretzka klopfte sich nach dem Führungstreffer stolz auf den Adler auf dem neuen schwarzen Auswärtstrikot. Nach der Direktabnahme aus dem Rückraum von Havertz, der anstelle von Chelsea-Kollege Timo Werner beginnen durfte, klatschte Löw mit erhobenen Händen Applaus.

Weniger gut gefiel ihm die ein oder andere kleinere Schwächephase in der zweiten Halbzeit. Doch diesmal griff Löw beherzt ein und korrigierte lautstark. Gnabry hörte genau hin - und traf den Pfosten (70.).