Die Noten zum Gähn-Klassiker von San Siro

Die deutsche Nationalelf kommt im Duell mit Italien nicht über ein 0:0 hinaus. Bundestrainer Löw bringt einen Wolfsburger Debütanten – die Italiener haben die beste Chance: Belotti trifft den Pfosten.
von  Patrick Strasser
BERND LENO - NOTE 3: Drittes Länderspiel für den Leverkusener – erstmals über die volle Distanz. Musste ein paar Schüsse abwehren oder über seinen Kasten wischen.
BERND LENO - NOTE 3: Drittes Länderspiel für den Leverkusener – erstmals über die volle Distanz. Musste ein paar Schüsse abwehren oder über seinen Kasten wischen. © Sampics/Augenklick

Mailand - Das Beste zum Schluss? Zum Ende eines Länderspieljahres? Hm. Die deutsche Nationalelf erreichte gestern Abend in Mailand gegen Nicht-mehr-Angstgegner Italien ein 0:0. Nicht schön, aber – na ja – gut. Passt schon. Der Unterhaltungswert war wie erwartet mau. Eher ein Gähn-Klassiker. Und der erstmals von der Fifa eingesetzte Videoschiedsrichter hat sich wohl heimlich eine Serie angeschaut. Es gab keine strittige Szene.

Italien, die dritte also hieß es gestern Abend. Nach dem 4:1 im Vor-EM-Test in München und dem dramatischen 7:6 nach Elfmeterschießen im EM-Viertelfinale von Bordeaux sah man sich schon wieder. Ungeschlagen gegen die Azzurri, ist doch was. In die WM-Qualifikation ist man entschlossen und erfolgreich gestartet – vier Erfolge in vier Partien. Die Buchung der Tickets für Russland 2018 dürfte nur noch Formsache sein, längst haben sich die DFB-Organisatoren auf Quartiersuche begeben. Einer der Favoriten: der Sportkomplex samt Hotel in Ramenskoje, rund 50 Kilometer außerhalb der Mega-Metropole Moskau.

Nur 200 deutsche Fans waren mitgereist

Nach dem Trainingsqualifikationsspiel in San Marino, dem 8:0, freuten sich die Nationalspieler auf einen wirklich ernst zu nehmenden Gegner – wenn auch in einem nicht bierernst zu nehmenden Spiel. Am kommenden Wochenende steht in der Bundesliga der Klassiker Dortmund gegen Bayern an, in Italiens Serie A steigt an Ort und Stelle das Mailänder Derby zwischen Milan und Inter. In beiden Duellen wird Feuer sein, gestern Abend war es ein Kick der Kategorie Sparflämmchen. Mitte November, es wird langsam ungemütlich kalt, also nur nicht verletzen. Die Sieger des Abends waren die Abwesenden: Die DFB-Elf war ohne Torhüter Manuel Neuer (zuvor erkrankt), Jérome Boateng (war angeschlagen, aber nun wieder im Bayern-Training), sowie die Verletzten Julian Draxler, Toni Kroos und André Schürrle angereist. Arsenal-Profi Mesut Özil durfte beide Länderspiele sausen lassen, Sami Khedira (Juventus) diese Partie.

Vor rund 45 000 Zuschauern im halbvollen (weil Freundschaftsspiel, also: immerhin!) Giuseppe-Meazza-Stadion gab es schon vor Anpfiff Misstöne. Weil italienische Fans die deutsche Hymne auspfiffen, klatschten die italienischen Spieler demonstrativ Beifall – die Mehrheit schloss sich an. Auch der ehemalige Bayern- und Italien-Trainer Giovanni Trapattoni. Ein weiteres Indiz für die Relevanz der Partie: Lediglich rund 200 deutsche Fans verloren sich im für sie vorgesehenen Block. Es gab wohl zu viele Spiele zwischen Italien und Deutschland in diesem Jahr.

Ein Spiel der Kategorie "ganz nett"

Bundestrainer Joachim Löw nutzte die Gelegenheit für Experimente, Yannick Gerhardt (22/Wolfsburg) durfte seine Premiere feiern, als Linksverteidiger mit Offensivdrang. Auch Leon Goretzka (Schalke), Julian Weigl (Dortmund) und Torhüter Bernd Leno sieht man ansonsten nicht oft im DFB-Trikot. ARD-Experte Mehmet Scholl, früher und bald vielleicht wieder (?) Trainer, fragte angesichts der Aufstellung: "Wie reagieren die Jungen in Drucksituationen? Kann sich Jogi Löw auf sie verlassen? Das ist heute wichtig – weniger das Ergebnis."

Das Spiel? Na ja. Kategorie ganz nett. Ein paar Aktionen hier und da, ein paar Chancen. Wenig Emotion und Passion. Mario Götze und die Drei-Tore-Entdeckung Serge Gnabry kamen später noch rein. Ohne zu glänzen. Beste Chance: Andrea Belotti traf nach feinem Tänzchen den Pfosten (82.) Das Ende des Länderspieljahres endete mit einer Nullnummer. Am 22. März 2017 geht es mit dem Test gegen England in Dortmund weiter. Was stimmungsvoller wird, keine Frage. Aus einem Grund: An diesem Abend wird Weltmeister Lukas Podolski verabschiedet.

Die Noten für die Nullnummer-Kicker sehen Sie oben in der Fotostrecke!