Interview

Thomas Helmer: "Bayern kann Alaba ersetzen"

Der frühere FC-Bayern- und BVB-Profi Thomas Helmer spricht im AZ-Interview über die unklare Zukunft von David Alaba und den Supercup.
von  Maximilian Koch
Verlängert er seinen Vertrag beim FC Bayern? Abwehrchef David Alaba pokert weiter.
Verlängert er seinen Vertrag beim FC Bayern? Abwehrchef David Alaba pokert weiter. © imago images/ULMER Pressebildagentur

München - AZ-Interview mit Thomas Helmer: Der 55-Jährige spielte von 1986 bis 1992 bei Borussia Dortmund und von 1992 bis 1999 für den FC Bayern.

Am kommenden Sonntag moderiert er wieder den "CHECK24 Doppelpass" auf Sport1.  "Dortmund kann zeigen, wie nah man an Bayern dran ist", sagt Helmer zum Supercup.

Thomas Helmer.
Thomas Helmer. © Sport1/Zitt

AZ: Herr Helmer, welche Bedeutung hat der Supercup (30.09.2020, 20.30 Uhr/ZDF, DAZN und im AZ-Liveticker) nach den Enttäuschungen für Bayern und Dortmund am vergangenen Bundesliga-Spieltag?
THOMAS HELMER: Ich glaube, dass die Partie für die Stimmung bei beiden Klubs nicht ganz so entscheidend ist. Dafür sind wir noch sehr früh in der Saison und es ist "nur" der Supercup. Andererseits kann Dortmund zeigen, wie nah die Mannschaft am FC Bayern dran ist.

Wie nah ist der BVB denn aktuell dran am Quadruple-Sieger?
In der Offensive ist Dortmund wirklich sehr gut besetzt mit den jungen Spielern um Erling Haaland. Defensiv ist die Mannschaft aber nicht stabil genug, da schaue ich als ehemaliger Abwehrspieler genau hin. Es hat mich gewundert, dass es dort in der Transferperiode keine Verstärkungen gab - mit Ausnahme von Thomas Meunier. In München erwarte ich den BVB mit einer Dreierkette. Insgesamt ist Bayern favorisiert, eine Leistung wie gegen Hoffenheim wird es nicht mehr geben.

Obwohl das Team körperlich und mental erschöpft wirkt?
Das ist normal nach dieser anstrengenden Triple-Saison. Die Bayern-Spieler wissen, dass es jetzt wieder von vorne losgeht. Im Herbst gab es in den vergangenen Jahren immer mal wieder eine Schwächephase. Da wird die Mannschaft aber gut durchkommen, auch in der Gruppenphase der Champions League.

Götze-Rückkehr? "Das sollte er sich nicht antun"

Was muss Bayern noch personell tun vor dem Ende der Transferperiode am 5. Oktober?
Der Kader ist exzellent besetzt, was die Qualität angeht. Allerdings hat es mich schon vor der Triple-Saison gewundert, dass das Team nicht breiter aufgestellt wurde. Von der Quantität her ist der Kader eindeutig zu klein. Wenn man in drei Wettbewerben oben dabei sein will, muss man Alternativen haben. Das Tempo und die Intensität sind in den vergangenen Jahren immer höher geworden. Es war klar, dass angesichts der Belastung mal ein Spiel wie in Hoffenheim kommt. Den Bayern-Verantwortlichen ist das Problem schon länger bewusst, bislang konnten sie es aber nicht beheben.

Trainer Hansi Flick wünscht sich nun noch einen Rechtsverteidiger, einen Außenstürmer und einen zentralen Mittelfeldspieler.
Das ist verständlich. Jeder Trainer möchte auf allen Positionen eine Doppelbesetzung haben - gerade bei diesem straffen Terminplan. Joshua Kimmich soll rechts hinten nicht mehr für Benjamin Pavard aushelfen, weil er fest im Mittelfeldzentrum eingeplant ist. Außen fehlt der vierte Spieler neben Leroy Sané, Serge Gnabry und Kingsley Coman. Ivan Perisic wäre diese Alternative gewesen, aber Bayern wollte ihn nicht behalten. Dabei hat er wirklich gut gespielt und wäre vergleichsweise erschwinglich gewesen.

Und wie sieht es im Mittelfeldzentrum aus?
Wenn Javi Martínez und Michael Cuisance auch noch gehen sollten, würde es ziemlich knapp werden. Dann müssten Kimmich und Leon Goretzka ja fast durchspielen in dieser Saison. Corentin Tolisso ist ein guter Spieler, aber er war oft verletzt. Ganz klar: Nach Thiagos Weggang zu Liverpool klafft eine Lücke, die man noch nicht geschlossen hat. Aber das wäre wichtig.

Zuletzt wurde über eine Rückkehr von Mario Götze zum FC Bayern spekuliert. Könnte er nach schwierigen Jahren beim BVB helfen?
Ich weiß nicht, ob er sich das antun sollte. Alle würden genau auf ihn schauen. Götze braucht einen Verein, bei dem er Spielrhythmus bekommt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er zu Bayern zurückkehrt.

"Alaba? Es gibt auf dieser Position eine große Auswahl"

Ein Dauerthema ist die ungeklärte Zukunft von David Alaba. Wie wichtig wäre es für Bayern, dass er verlängert?
Alaba hat es in der vergangenen Saison wirklich sehr gut gemacht als Innenverteidiger, damit habe ich anfangs nicht gerechnet. Er ist super in der Spieleröffnung und schnell. Die Versetzung in die Abwehrmitte war ein Glücksfall für ihn, weil ihm Alphonso Davies auf der linken Seite Konkurrenz gemacht hat. Alaba könnte auch im defensiven Mittelfeld spielen. Ich hoffe, dass er und Bayern zu einer Einigung kommen. Aktuell wüsste ich auch gar nicht, zu welchem anderen Verein er wechseln sollte.

Ist Alaba als Innenverteidiger denn unverzichtbar – oder könnte Bayern ihn ersetzen?
Es gibt auf dieser Position eine große Auswahl mit Lucas Hernández, Niklas Süle, Jérôme Boateng und Pavard, der dort auch spielen kann. Bayern kann Alaba also ersetzen. Trotzdem wäre es wichtig, dass er bleibt.

Meistertitel: Bayern oder Dortmund?

Noch kurz zu Ihrem anderen Ex-Klub, dem BVB: Warum bekommt die Mannschaft unter Lucien Favre keine Konstanz in ihre Leistungen?
Das wüssten sie wahrscheinlich selbst gern. Es fehlt einfach ein Stück, um an Bayern heranzukommen. Bei Spielen wie in Augsburg (0:2, Anm.d.Red.) nutzt ihnen der ganze Ballbesitz nichts, da fehlt ihnen ein anderer Lösungsansatz, wenn es spielerisch nicht klappt. Manchmal muss man es erzwingen, wenn der Gegner nicht mitspielen möchte, sondern tief steht. Das schafft der BVB aber nicht.

Kann Dortmund trotzdem Meister werden?
Ja. Der Meistertitel ist in dieser Saison realistischer als in den vergangenen Jahren, weil Bayern so viele Spiele in kurzer Zeit hat. Die Meisterschaft entscheidet sich auf jeden Fall zwischen Bayern und Dortmund.