Helden der zweiten Hälfte

Wie schon oft in dieser Saison, ob in der Bundesliga oder wie am Mittwoch beim 1:1 in der Champions League beim AC Florenz, erwachen Klinsmanns Bayern mit Verspätung. Kapitän Mark van Bommel findet's aber ganz und gar nicht gut.
von  Abendzeitung
La Ola mit den mitgereisten Fans nach dem 1:1 in Florenz: Keeper Rensing, mit Torschütze Borowski, Kapitän van Bommel, Zé Roberto und Franck Ribéry.
La Ola mit den mitgereisten Fans nach dem 1:1 in Florenz: Keeper Rensing, mit Torschütze Borowski, Kapitän van Bommel, Zé Roberto und Franck Ribéry. © AP

Wie schon oft in dieser Saison, ob in der Bundesliga oder wie am Mittwoch beim 1:1 in der Champions League beim AC Florenz, erwachen Klinsmanns Bayern mit Verspätung. Kapitän Mark van Bommel findet's aber ganz und gar nicht gut.

FLORENZ Ein Teppich war extra ausgerollt worden vor dem Zugang zur Kabine des Stadions Artemio Franchi. Ein violetter Teppich zwar, aber immerhin. Da standen sie, die Spieler des AC Florenz, einige Minuten nach Abpfiff des 1:1 gegen den FC Bayern und warteten. Wie es Tradition ist beim Toskana-Klub, werden die Gegner per Handschlag verabschiedet. Als Uli Hoeneß das registrierte, begann er zu laufen. Erst zaghaft, dann wurde ein Sprint daraus. Quer über den Platz, rüber zur Mannschaft.

Die war samt Trainer Jürgen Klinsmann in die Kurve gegangen, um zu feiern. Als Hoeneß ankam, machte er die Welle, als die Spieler gerade La Ola machten. Kommando zurück! Seid nicht unhöflich! Das Team machte kehrt, spät hatten sie verstanden.

Wie zuvor während des Spiels. Eine vorsichtige, teils lethargische erste Halbzeit mündete in ein für das Weiterkommen gefährliches 0:1. Wie schon im Heimspiel gegen Lyon. Aber auch da kamen sie zurück, die Helden der zweiten Hälfte. Ein Plus, sicher. Aber wer hinterher rennt, beraubt sich auf Dauer seiner Kräfte. „Wir sind leider wieder in Rückstand geraten“, konstatierte Torhüter Michael Rensing, „erst dann haben wir gemerkt, dass wir mehr tun müssen.“ Ein Lerneffekt hat offenbar nicht eingesetzt in den Monaten seit dem Saisonstart.

Die Bayern verschlafen oft die ersten 45 Minuten, sind unter Klinsmann wahre Spätstarter. Was vor allem in der Bundesliga eklatant ist: Nimmt man die Spielstände zur Halbzeit der ersten elf Partien hätte Bayern nur 13 Punkte geholt, berechnet man nur das Ergebnis der zweiten 45 Minuten, würden sie auf 22 Punkte kommen. Ein eklatanter Unterschied – zumindest in der Pause muss Klinsmann alles richtig machen.

Nur warum klappt’s nicht vom Anpfiff weg? „Momentan spielen wir in der zweiten Halbzeit besser“, sagte Miroslav Klose, „woran es liegt? Keine Ahnung.“ Hoeneß selbst meinte: „Die Mannschaft ist in der Lage, regelmäßig Spiele zu drehen. Man sieht, dass wir körperlich in einer sehr guten Verfassung sind, das zahlt sich oft gegen Ende des Spiels aus – ein Verdienst des Trainers.“ Zum fünften Mal in den letzten sechs Spielen war das Endresultat besser als der Halbzeitstand.

Doch das psychologische Momentum spielt auch eine Rolle – diese ständigen Rückstände. „Wir haben Alibi-Zweikämpfe zu Beginn gemacht“, schimpfte Kapitän van Bommel, „du musst in solchen Spielen den Gegner auch mal spüren lassen: So – bis hierhin und nicht weiter. Am besten ohne Foul, allein mit einem harten Zweikampf. Aber dazu muss man eben mal die Beine und die Knochen hinhalten. Das hat gefehlt.“ Diese Kritik hatte Effenberg’sche Züge. Mehr Aggressivität, mehr Mir-san-mir, mehr Revierverhalten auf dem Platz – das wünscht sich der Kapitän. Van Bommel: „Franck war vielleicht ganz gut, aber ansonsten sah das so aus,als ob wir 220 Volt Strom am Fuß hatten, total ängstlich.“ Gelähmt wie nach einem Stromschlag? Am Sonntag in Schalke (17 Uhr) will van Bommel das nicht noch einmal erleben.

Daher hat der 31-Jährige einen Lösungsvorschlag: „Wir sollten uns beim Anpfiff einfach vorstellen, es wäre bereits die zweite Halbzeit.“ Vielleicht sollte der Zeugwart am Sonntag verdreckte Trikots zurechtlegen.

Patrick Strasser