Warum wurden nach dem Oktoberfestattentat alle Spuren verwischt?

Am 22. Januar kommt der Star-Politthriller „Der blinde Fleck“ ins Kino: Es ist die spannende, genau recherchierte Geschichte aller Ungeheuerlichkeiten um das Oktoberfestattentat von 1980.
von  Adrian Prechtel
Benno Fürmann spielt den unerschrockenen Rechercheur Ulrich Chaussy. Ihm ist es zu verdanken, dass alle Ungeheuerlichkeiten im Umfeld der Ermittlungen zum Oktoberfestattentat Schritt für Schritt ans Licht kamen.

Am Montag, 3.2., um 19.30 Uhr wird „Der blinde Fleck“ in einer AZ-Sondervorstellung gezeigt. Dazu kommen der Journalist Ulrich Chaussy und Regisseur Daniel Harrich zu einem Publikumsgespräch ins Monopol-Kino, Schleißheimer Str. 127 (Nordbad), Karten: 8,50 Euro: Tel. 38888 493 oder www.monopol-kino.de
Benno Fürmann spielt den unerschrockenen Rechercheur Ulrich Chaussy. Ihm ist es zu verdanken, dass alle Ungeheuerlichkeiten im Umfeld der Ermittlungen zum Oktoberfestattentat Schritt für Schritt ans Licht kamen. Am Montag, 3.2., um 19.30 Uhr wird „Der blinde Fleck“ in einer AZ-Sondervorstellung gezeigt. Dazu kommen der Journalist Ulrich Chaussy und Regisseur Daniel Harrich zu einem Publikumsgespräch ins Monopol-Kino, Schleißheimer Str. 127 (Nordbad), Karten: 8,50 Euro: Tel. 38888 493 oder www.monopol-kino.de © Ascot Elite

Schon bevor „Der blinde Fleck“ jetzt ins Kino kommt, hat er viel bewegt: Verschwundene oder angeblich vernichtete Akten sind wieder aufgetaucht, die Neonazi-Szene ist nervös geworden und der Druck auf die ermittelnden Behörden, die 1980 versagt haben, steigt. Für den Regisseur des Politthrillers um das Oktoberfestattentat mit Benno Fürmann, Heiner Lauterbach, August Zirner, Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl geht es jetzt erst richtig los.

AZ: Herr Harrich, 33 Jahre lang wurde weggeschaut, vertuscht und gelogen. Ist es bei allem Ihrem Erfolg nicht auch traurig, dass alles erst jetzt ins Rollen kommt?

DANIEL HARRICH: Es ist nie zu spät für Aufarbeitung, insbesondere, wenn es um einen Massenmord geht. Man schaue nur auf die Apartheid in Südafrika, die McCarthy-Ära in den USA oder jetzt die aktuellen Filme zur Sklaverei: Manchmal braucht es Abstand. Und wenn man bedenkt, wie wir uns seit Generationen mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, zeigt das doch: Es bleibt wichtig!

Ulrich Chaussy, der unermüdliche Aufklärer zum Thema Oktoberfestattentat und Rechtsradikalismus, hat gesagt: Wenn man schon 1980 genau hingeschaut hätte, anstatt zu vertuschen, wäre so etwas wie die neun NSU-Morde nicht möglich gewesen...

Ja, weil die psychologische Regel gilt: Wenn ich etwas nicht wahrhaben will, blende ich es aus oder verharmlose. Und so wollten Politik, Polizei, Staatsanwaltschaft und Gesellschaft nicht wahrhaben, dass es eine gewaltbereite rechtsradikale Szene in der Bundesrepublik gab und gibt. Daher haben Politik und Ermittler auf die Möglichkeit einer Gefahr von Rechts kaum einen Gedanken verschwendet und nie konsequent in diese Richtung ermittelt. Und das, obwohl das Oktoberfestattentat mit 13 Toten und über 200 Verletzten der verheerendste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik war. Aber man hielt an einer haltlosen Einzeltäter-Theorie fest – gegen alle Indizien, die nach Rechts deuteten.

Ihr Film hat neue Erkenntnisse ermöglicht und die Ermittlungen wieder in Gange gebracht.

Ja, Karl-Heinz Hoffmann, der Gründer der Wehrsportgruppe und damals führender Kopf der deutschen Neonazis, hat aufgrund des jetzt bevorstehenden Filmstarts Anzeige gegen einen ehemaligen Kameraden wegen „gemeinschaftlichen Mordes" gestellt und behauptet, selbst mit dem Oktoberfestattentat nichts zu tun gehabt zu haben.

Und es sind – 33 Jahre nach dem Anschlag – plötzlich Akten aufgetaucht.

Ja, auf Ulrich Chaussys Drängen, hat der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann dem Anwalt der Opfer Werner Dietrich Einblick in tausende von Seiten Spurenakten der SoKo Theresienwiese gewährt. Deren Existenz wurde jahreland abgestritten!

In der BR-Sendung „Kontrovers" wurde ja BND-Unterlagen gezeigt, die eine ganz neue Dimension aufzeigen.

Es ergeben sich Hinweise auf mögliche Verbindungen der WSG Hoffmann zu italienischen Rechtsextremisten, die 1979 in einem Lager im Libanon über mögliche Anschläge in Europa gesprochen haben sollen. Wir müssen – nach jahrzehntelanger vorbildlicher Aufarbeitung der NS-Zeit – jetzt auch genauso gründlich das Problem angehen, dass es gefährlichen Rechtsradikalismus in Deutschland gibt.

Ihr Film startet hier in weniger Kinos als in Berlin. Ist das nicht merkwürdig für München, den Ort des Attentats?

Man muss sich vorstellen, dass bereits wenige Stunden nach dem Anschlag, das Thema – bis auf Beileidsbekundungen für die Opfer und Angehörigen – politisch tot war: Einzeltäter, kein rechter Hintergrund! Und dann tut sich München natürlich auch schwer, dass ausgerechnet der wichtigste Ort der Ausgelassenheit und des Feierns, die Wiesn, Schauplatz des Grauens gewesen ist. Aber das Interesse ist da und wird jetzt wieder täglich größer.

Sie müssen gerade als Filmemacher weitermachen - mit anderen Themen.

Für mich bleiben Themen, für die ich mich entscheide, immer relevant. Neu habe ich gerade für Arte und die ARD über internationalen illegalen Waffenhandel mit deutschen Waffen recherchiert und gedreht.

Der Film läuft ab morgen im City, Mathäser und Monopol. Am Montag, 3.2., um 19.30 Uhr wird „Der blinde Fleck“ in einer AZ-Sondervorstellung gezeigt. Dazu kommen der Journalist Ulrich Chaussy und Regisseur Daniel Harrich zu einem Publikumsgespräch ins Monopol-Kino, Schleißheimer Str. 127 (Nordbad), Karten: 8,50 Euro: Tel. 38888 493 oder www.monopol-kino.de