Hier lebt Bayerns letzter Eremit: Einsiedelei bei Nußdorf am Inn

Bruder Damian lebt als Eremit bei Nussdorf am Inn. Früher war der gebürtige Hamburger Lutheraner. Jetzt sucht er die Stille im Freistaat Bayern.
von  Karl Stankiewitz
Damian in seiner Klause. Andere haben es hier nur kurz ausgehalten.
Damian in seiner Klause. Andere haben es hier nur kurz ausgehalten. © Thomas Stankiewicz

Bruder Damian lebt als Eremit bei Nußdorf am Inn. Früher war der gebürtige Hamburger Lutheraner. Jetzt sucht er die Stille im Freistaat Bayern.

München - Still ruht das Idyll mitten im Bergwald. Nur die Vögel zwitschern schier unverschämt laut. Eher leise, pünktlich zur vereinbarten Mittagszeit, nähert sich vom steilen Kreuzweg ein E-Bike. Ein Mann in schwarzer Soutane nimmt den Helm ab, stellt sich freundlich als Bruder Damian vor, öffnet die pechschwarze Tür seiner Klause und brüht uns einen Kräutertee auf.

Dann erzählt er in hanseatischem Tonfall, wie er in die seit Oktober 2018 verwaiste, letzte von der katholischen Kirche in Bayern betreute Einsiedelei berufen wurde. Ausgerechnet er, der einer evangelischen Arbeiterfamilie aus Hamburg-Altona entstammende Jürgen Flach.

Damian in seiner Klause. Andere haben es hier nur kurz ausgehalten.
Damian in seiner Klause. Andere haben es hier nur kurz ausgehalten. © Thomas Stankiewicz

Nachwuchsproblem der Einsiedelei

Vor 40 Jahren hatte ich diese Eremitage Kirchwald am Heuberg, oberhalb von Nußdorf am Inn, mit meinem Sohn nach halbstündiger Wanderung erstmals besucht. Meine Reportage erschien bundesweit unter der Überschrift: "Die Heiligen sind selten geworden".

Schon in jener Zeit also, als es vor "Aussteigern" nur so wimmelte, gab es Probleme mit geeignetem Nachwuchs und mit den Umständen. Damals begrüßte uns Bruder Bernhard auf Allgäuerisch: "Es seids sicher enttäuscht, i hab nit amal an Bart." Er kredenzte uns – wie vielen anderen Wanderern – einen aromatischen Likör, den er aus wilden Kirschen des Kirchgarterls brannte.

Gern plauderte er mit Leuten, die in die Einsamkeit kamen. Manche ließ er in seinem leeren Bienenhäuschen schlafen. Für Notfälle hatte sich der 70-Jährige, entgegen eremitischer Gewohnheit, einen klapprigen VW besorgt.

Der neue Eremit: Bruder Damian

Eines Tages wurde der lustige Bruder abberufen. Vielleicht war er den geistlichen Obrigkeiten ein bisschen zu leutselig geworden, zu zeitgeistig, zu weltlich. Ihm folgte ein finsterer Mann, der die Nähe von Menschen und Tieren scheute. Wenn ich mich mit meinem Hund der Kirche näherte, schimpfte er fürchterlich, in der Nußdorfer Pfarrei war er unbeliebt.

Und auch später blieb es oft sehr einsam im Kirchwald. Einmal musste sogar eine Frau einspringen. "Länger als ein bis zwei Jahre hält es hier keiner aus", hatte ich schon von Bruder Bernhard erfahren.

Der 58 Jahre alte, ebenfalls bartlose Bruder Damian war zuvor in einem Pflegeorden in NRW. Dorthin war er geraten, nachdem seine aus Thüringen stammende Oma ihn, den Hamburger Lutheraner Jürgen Flach, mit dem katholischen Glauben vertraut gemacht hatte. Vor allem der päpstliche Segen "Urbi et Orbi" hat ihn fasziniert. Überzeugt ließ er sich umtaufen. Er folgte damit unwissend seinem allerersten Vorgänger.

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Gründung der Einsiedelei 

Jener Tuchmachergehilfe Michel Schöpfl, Sohn lutherischer Eltern aus Mähren, war 1643 nach Rom gepilgert, um sich in der Peterskirche römisch-katholisch taufen zu lassen. Auf dem Heimweg fiel er unter die Soldatenwerber für den Dreißigjährigen Krieg. Schöpfl riss aus, wurde eingefangen und sollte als Deserteur gehängt werden. In seiner Not versprach er seinem Gott, künftig in "einer Ainödten mit betten und geistlichen Betrachtungen (...) die ganze Zeit meines Lebens zu verzeeren".

Und Michael Schöpfl baute sich eine – noch heute schwer zugängliche – Felshöhle am Heuberg im Inntal als Wohn- und Gebetsstätte aus. Seine Erlebnisse beschrieb er in dieser "Ainsiedlerey" auf 100 Blättern, die 1811 gefunden wurden und die heute die Bayerische Staatsbibliothek verwahrt.

Sein aus Rom mitgebrachtes Marienbild indes hängt in der spätbarocken Wallfahrtskirche, die einer der berühmten Baumeister der Dientzernhofer-Familie 1722 gegenüber der alten Klause auf die Waldlichtung gestellt hat. Wie sehr dieses Gnadenbild seither verehrt wird, bezeugen viele Votivtafeln.

Das vom Gründer der Einsiedelei aus Rom mitgebrachte Marienbild wird sehr verehrt, das bezeugen Votivbilder wie dieses.
Das vom Gründer der Einsiedelei aus Rom mitgebrachte Marienbild wird sehr verehrt, das bezeugen Votivbilder wie dieses. © Thomas Stankiewicz

Da der Zulauf immer größer und die ursprüngliche hölzerne Waldkapelle immer baufälliger wurden, entstand 50 Meter weiter oben, auf einer kleinen Waldlichtung, eine neue Einsiedelei. Der damals noch im Chiemsee sitzende Bischof verlangte aber vom Bruder Einsiedler, alles selbst oder durch Freunde zu finanzieren.

Zeitweise diente die mit einer Stube und zwei Zellen eingerichtete Klause als "freiwillige" Schule für die Dorfkinder. Dem bei der Säkularisation 1803 angeordneten "Abbruch" entging das versteckte Heiligtum wie durch ein Wunder.

"Einsiedler/in – Vollzeit" - Komfort hat zugenommen

"Heiligtum" nennt es der konvertierte Bruder Damian. Ihm war der Pflegeorden irgendwann "zu wenig kontemplativ" geworden. Da traf es sich gut, dass die Kirchenstiftung Nußdorf eine Stelle ausschrieb: "Einsiedler/in – Vollzeit." Gesucht wurde eine idealistisch gesinnte, kirchlich beheimatete Person, die Freude an Stille und Einsamkeit, aber auch Erfahrung im Umgang mit Menschen habe. Denn auch Pilger und Gottesdienstbesucher seien zu betreuen.

Inzwischen lässt es sich in der Einsiedelei wohl auch ein bisschen besser als bisher leben. Das E-Bike bekam Bruder Damian von der Kirche, die ihm auch den bescheidenen Unterhalt zahlt. Eine Trinkwasserleitung hat die Gemeinde nun herauf geführt, so dass kein Einsiedler mehr die 200 Meter entfernte, im Winter oft zugefrorene Bergquelle anzapfen muss.

Idyllisches Plätzchen: Bruder Damian vor der Einsiedelei im Kirchwald bei Nußdorf am Inn im Inntal.
Idyllisches Plätzchen: Bruder Damian vor der Einsiedelei im Kirchwald bei Nußdorf am Inn im Inntal. © Thomas Stankiewicz

Arbeit als Eremit

Müßiggang, sagt Bruder Damian, kenne er überhaupt nicht. Bevor er morgens das Wasser auf die Kochplatte stellt, meditiert er, wobei er oft über die im Radio gemeldete Weltlage nachdenkt. Selten vergisst er ein Gebet für die armen Selen und die Kranken.

Danach widmet sich der Eremit der Arbeit an der Klause. Es gibt viel zu reparieren. Im Gärtchen wachsen Tomaten, Bohnen und Salat, im Bienenhaus sind (nicht von ihm allein) sieben Völker zu versorgen. In der wunderschönen Kirche mit ihren vielen Kunstschätzen ist nicht nur Staub zu wischen, sondern viel zu lesen und zu beten.

Bruder Damian: Lieber Natur als Menschenmassen

Sonntags, beim Geläut von zwei mächtigen Glocken, legt der Heilige Mann seine schneeweiße Kutte an und feiert die Heilige Messe. Wenn ihm jedoch – besonders an den traditionellen drei "Goldenen Samstagen" im Oktober – die Kirche mit ihrem 27 Meter hohen Turm allzu voll erscheint, "dann bleib ich halt lieber hier oder ich gehe in den Wald".

Lieber als auf Menschenmassen schaut er auf die Rehe, die regelmäßig in der Dämmerung am Rand seines Kirchwaldes grasen. Denn Bruder Damian ist ja Einsiedler – vielleicht der letzte seines Standes.

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