Interview

Ex-Türkgücü-Trainer Alexander Schmidt: "Ich bin schon sehr enttäuscht"

Im AZ-Interview direkt nach seiner Blitz-Entlassung spricht Türkgücüs Ex-Coach Alexander Schmidt über die Gründe für das plötzliche Aus, die Kritik an seiner Spielweise - und warum er keine Pause braucht.
von  Krischan Kaufmann
Alexander Schmidt wurde am Dienstag überraschend bei Türkgücü München entlassen.
Alexander Schmidt wurde am Dienstag überraschend bei Türkgücü München entlassen. © IMAGO / Fotostand

München - AZ-Interview mit Alexander Schmidt: Der 52-jährige Augsburger wurde am Dienstag überraschend bei Drittliga-Aufsteiger Türkgücü entlassen. Zuvor war er Trainer in Österreich und beim TSV 1860.

AZ: Hallo, Herr Schmidt. Wie haben Sie in der ersten Nacht nach ihrer überraschenden Entlassung geschlafen?
ALEXANDER SCHMIDT: Passt schon so weit. Natürlich hat mich die Entlassung getroffen. Die Mannschaft und ich waren ja eine gute Einheit. Und ich glaube, für einen Aufsteiger sind wir auch ganz gut da gestanden.

Schmidt über seine Entlassung: "Gespräch hat nicht allzu lang gedauert"

Haben Sie etwas geahnt und wie hat man Ihnen die Entscheidung mitgeteilt?
Nein, das kam für mich völlig überraschend. Hasan Kivran hat mir eine Nachricht geschickt, dass wir uns treffen müssen. Das Gespräch hat dann auch nicht allzu lange gedauert.

Als Grund für die Trennung nennt Türkgücü-Geschäftsführer Max Kothny die negative sportliche Entwicklung. Was meint er damit genau.
Das weiß ich auch nicht. Es heißt, wir sind seit fünf Spielen sieglos. Das stimmt zwar, aber da waren auch drei Unentschieden dabei. Und wenn man mal die letzten neun Partien hernimmt, dann haben wir viermal gewonnen, dreimal Remis gespielt und jetzt am Schluss halt zweimal verloren. In meinen Augen ist für einen Aufsteiger das Wasserglas nicht halbleer, sondern halbvoll.

Könnte es sein, dass Teile der Mannschaft nicht mehr auf Ihrer Seite waren?
Nein, nullkommanull! Mit der Mannschaft hatte ich ein superintaktes Verhältnis. Klar ist immer mal einer unzufrieden, wenn er nicht von Anfang an spielt. Aber das ist ja normal. Die Spieler haben sich auch schon alle bei mir gemeldet und mir alles Gute gewünscht. Ne, zwischen mir und dem Team war und ist alles top!

Schmidt: Wir haben nicht zu defensiv gespielt

Wie gehen Sie nun mit dieser Entlassung um?
Ich bin schon sehr enttäuscht. Die Zielsetzung war so, dass wir nicht in Abstiegsgefahr kommen und als Aufsteiger in der Liga ankommen wollen. Und das haben wir bis jetzt alles absolut erfüllt. Trotz der ganzen Umstände - es war ja nicht immer einfach in den letzten Monaten.

Ein Vorwurf, der zu hören ist, lautet, dass Sie die Mannschaft zuletzt zu defensiv haben spielen lassen und das Team um die Offensivkünstler Sercan Sarerer und Petar Sliskovic somit ihrer größten Qualität beraubt haben.
Das kann ich so nicht bestätigen, da muss man sich nur die Aufstellung gegen Wiesbaden (1:3-Niederlage, Anm. d. Red.) anschauen. Da haben wir mit Sliskovic, Sarerer, Basti Maier, Omar Sijaric und Boubacar Barry mit fünf Offensiven gespielt. In der Hinrunde haben wir ein extremes Angriffspressing gespielt, sind sehr hoch angelaufen. Das war aber aufgrund der vielen Spiele in den letzten Wochen so nicht mehr möglich, das kostet zu viel Kraft, da muss man ökonomischer spielen. Wir mussten unsere Linie deshalb etwas ins Mittelfeld zurückschieben.

Schmidt bewertet Engagement bei Türkgücü "sehr positiv"

Die Vereinsverantwortlichen betonen nach außen immer, dass der Aufstieg keine Pflicht ist, intern träumt man aber sehr wohl von der Zweiten Liga. Sind Sie am Ende womöglich an diesem Widerspruch gescheitert?
Ich habe mit der Mannschaft stets versucht, das Bestmögliche herauszuholen. Dass aber im Fußball nicht immer alles optimal läuft, ist auch klar. Und dass man bei Türkgücü in dieser Saison über das Thema Aufstieg überhaupt nachdenken kann, hat man ja nur den Leistungen meiner Mannschaft zu verdanken.

Abgesehen von dem unerfreulichen Ende, wie werden Sie ihr Engagement bei Türkgücü in Erinnerung behalten.
Sehr positiv. Denn ich denke, wir haben unsere Anforderungen erfüllt. Wir stehen tabellarisch gut da. Wir haben Spieler, die zuvor nicht mehr so im Fokus standen - wie Sararer, Sliskovic oder auch René Vollath - extrem weitergebracht. Auch junge Spieler wie ein Kilian Fischer haben enorm profitiert. Natürlich war es schwierig, weil ja ständig ein personeller Umbruch da war, das hilft nicht gerade, um ruhig und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Aber dennoch haben wir unter dem Strich eine gute Rolle in dieser Dritten Liga gespielt. Da bin ich auch stolz drauf.

Schmidt: "Ganz wichtig ist Vertrauen - ins Team und in den Trainer"

Und welche Lehren ziehen Sie aus ihrer kurzen Zeit bei Türkgücü: Nie mehr ein Investoren-Verein?
Nein, das kann man so nicht sagen. Es lief nicht schlecht, wir hatten gute Momente - und bei allen anderen Dingen ist es besser, wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt. Ganz wichtig im Fußball ist Vertrauen - ins Team und in den Trainer.

Wissen Sie schon, wie es für Sie weitergeht? Brauchen Sie erstmal eine Fußball-Pause, um den Entlassungsschock zu verarbeiten?
Nein, ich brauch keine Pause. Denn es war bis auf die Entlassung am Schluss keine negative Erfahrung für mich. Sportlich war's ja positiv, wir haben immer eher nach oben schauen können, als nach unten.