Interview

Klartext von Manni Schwabl: "Vielleicht brauchen wir jetzt diese Watschn"

Klartext von Manni Schwabl! In der AZ spricht der Präsident der akut abstiegsbedrohten Hachinger über Hoffnungsträger Stephan Hain, Halligalli-Profis bei der SpVgg - und die Zukunft von Coach Arie van Lent.
von  Interview: Matthias Eicher
Manfred Schwabl, Präsident des SpVgg Unterhaching.
Manfred Schwabl, Präsident des SpVgg Unterhaching. © picture alliance/Andreas Gebert/dpa/Archivbild

AZ-Interview mit Manni Schwabl, der ehemalige Bayern- und Löwen-Profi (54) ist seit 2012 Präsident der SpVgg Unterhaching

AZ: Herr Schwabl, Gratulation zum 2:0-Sieg Ihrer SpVgg Unterhaching gegen Spitzenreiter Dynamo Dresden - können Sie sich als Drittliga-Schlusslicht darüber überhaupt freuen?
MANNI SCHWABL: Mei, irgendwie kommen wir immer auf denselben Punkt. Wir müssen halt einfach unsere Spiele gewinnen, eines hilft da leider noch nicht viel. Wir haben zu viele Spieltage versemmelt. Man hat gegen Dresden ganz deutlich gesehen, was wir leisten können, wenn elf Spieler alles auf den Platz werfen. So muss es weitergehen.

Schwabl: "Wir geben nie auf!"

Der Rückstand auf das rettende Ufer beträgt sechs Punkte, wobei Sie vier Teams überholen müssten. Wie groß ist der Glaube an den Klassenerhalt?
Ich bleibe dabei: Die Chancen liegen unter 50 Prozent. Da kämpfen ja auch noch Teams wie der 1. FC Kaiserslautern und FC Bayern II gegen den Abstieg. Aber wer Haching kennt, der weiß: Wir geben nie auf!

Vor gut einem Jahr, vor der Corona-Krise, stand Haching auf einem Aufstiegsplatz. Was ist seitdem mit Ihrem Verein passiert, worauf führen Sie den Absturz zurück?
Ich kann mich noch gut daran erinnern: Im März 2020 standen wir oben. Rückblickend betrachtet muss man sagen: Corona hat Haching nicht gutgetan - warum auch immer. Die Gründe kann ich Ihnen abschließend nicht alle nennen, wir werden die Saison gründlich analysieren. Natürlich haben unsere verletzten Leistungsträger eine Rolle gespielt: Seppi Welzmüller, Dominik Stahl, Stephan Hain - wenn dir drei Säulen wegbrechen, kannst du das nicht kompensieren. Und da ist Marc Endres noch gar nicht dabei.

"Der Stephan ist mir heilig"

Torjäger Hain ist fast die gesamte Saison ausgefallen, nun ist er wieder fit und hat seitdem zwei Tore erzielt. Kommt sein Comeback zu spät?
Ich hoffe natürlich nicht. Die Bayern haben Robert Lewandowski, die Sechzger haben Sascha Mölders. Wir haben Stephan Hain - einen Stürmer, der den Unterschied ausmacht. Haini ist unser Lewy. Wenn dir so ein entscheidender Mann 27 Spieltage fehlt, ist das bitter.

Sie hatten sogar Hains Karriereende befürchtet. Wie steht es um seinen Gesundheitszustand?
Stimmt, da war ich sehr skeptisch. Wir sind sehr froh, dass er wieder fit ist. Sein Knie hält. Gegen Dresden hat man schon wieder gesehen: Du brauchst zehn Leute, die Vollgas geben und den Stephan vornedrin - so können wir erfolgreich sein.

Inwieweit gilt es in dieser prekären Lage, einen lange verletzten Spieler zu schützen, bevor er sich im Abstiegskampf aufopfert?
Der Stephan ist mir heilig. In Haching sehen wir den Menschen im Vordergrund, das muss immer so bleiben. Wir haben ihm alle Zeit der Welt gegeben, obwohl wir ihn natürlich auch schon früher hätten brauchen können. Aber ein halbfitter Hain vor vier Wochen hätte uns auch nichts genutzt. Er ist ein sehr kopfgesteuerter Spieler. Die medizinische Abteilung, unser Trainerteam und die Athletiktrainer haben ihn sehr feinfühlig angepackt, alles andere hätte keinen Sinn gemacht.

"Manche müssen sich fragen: Habe ich alles gegeben?"

Wo Sie es schon ansprechen: Soweit wir wissen, hätten Sie im Gegensatz zum letzten Abstieg 2015 auch in der Regionalliga um Hain eine Mannschaft beisammen.
Hains Vertrag läuft, Stahls Vertrag läuft, auch unsere Talente sind gebunden. Manche Verträge laufen aus, das macht aber nichts: Wir stehen ja nicht umsonst dort, wo wir stehen.

Das klingt ähnlich wie die Aussage Ihres Sohnes Markus Schwabl nach dem Dresden-Spiel: Werfen manche Spieler nicht alles in die Waagschale?
Das ist leider passiert, ja. Ich werde keine Namen nennen, aber manche müssen sich schon fragen: Habe ich wirklich alles gegeben? Der kleine Manni Schwabl musste damals als Spieler wegen seiner Körpergröße auch immer alles investieren. Nur so geht es! Manche turnen da rum und später, wenn sie über 30 sind, bereuen sie, dass sie damals so viel Halligalli gemacht haben. Vielleicht habe ich bei dem ein oder anderen Transfer auch aus wirtschaftlichen Zwängen nicht so genau hingeschaut. Ich bin der Erste, der sich an die eigene Nase packt. So etwas wird nicht mehr passieren. Wenn wir jetzt runtergehen und ein Spieler sagt: "Ich habe keinen Bock mehr auf Haching." Der soll in mein Büro kommen und wir finden eine Lösung.

Was erwarten Sie sich von der Mannschaft - unabhängig vom Klassenerhalt?
Jeder muss sein Herz auf den Rasen werfen. Das wird die Maßgabe für die Zukunft sein hier in Haching: Herz und Leidenschaft stehen ganz oben. Natürlich brauchst du eine Grundqualität. Aber hier gibt es Spieler, die bewahren sich eine brutale Bodenständigkeit wie Hain, während andere abheben. Der Inbegriff eines Haching-Spielers ist für mich Jannis Turtschan (19-jähriger Verteidiger und Eigengewächs, d. Red.): Wie der sich reinbeißt, mit Akribie und Leidenschaft, da geht dir das Herz auf! Wenn der den Ball vorne verliert, ist er schon wieder hinten. Solche Spieler geben mir Kraft.

Im Winter meinten Sie, der Verkauf von Keeper Nico Mantl zu RB Salzburg sei "überlebenswichtig" gewesen. Wie schwer würde Haching ein Abstieg aus wirtschaftlicher Sicht treffen?
Ob Dritte Liga oder Regionalliga macht keinen so großen Unterschied. Du hast zwar keine TV-Gelder, aber der Kostenapparat ist geringer. Eines kann ich versichern: Wir werden auf keinen Fall in der Nachwuchsabteilung einsparen. Das ist unser Weg. Womöglich haben wir uns in der Vergangenheit zu wichtig genommen: Vor der Corona-Krise haben da schon die Kapitalmaßnahmen hineingespielt. Vielleicht brauchen wir jetzt diese Watschn. Vielleicht brauchen wir eine Ehrenrunde, um zu erkennen, dass wir unseren Weg nicht verlassen dürfen. Mein großes Ziel ist und bleibt, den Verein im Jahr 2025 zu unserem 100-jährigen Jubiläum dorthin zu führen, wo er hingehört.

Haben Sie inzwischen eine Entscheidung getroffen, ob der Weg dorthin mit Trainer Arie van Lent weitergeht?
Nein, wir befinden uns in Gesprächen, es kann nach wie vor in beide Richtungen gehen. Aber es wäre fatal, nur über die nächste Saison zu sprechen. Wir brauchen jetzt einen Sieg gegen Wehen Wiesbaden und einen Lauf. Es ist wie beim Kartenspielen: Manchmal läuft es und du kriegst ein gutes Blatt nach dem anderen. Das brauchen wir jetzt - sonst haben wir keine Chance.