Sprint-Superstar: Wie Usain Bolt zum Phänomen wurde

Der Jamaikaner (33) ist der erfolgreichste Sprinter aller Zeiten – und zugleich doch viel mehr als nur die Summe seiner Medaillen und Rekorde. Die AZ erklärt, wie Bolt wurde, was er ist: ein Superstar.
von  Krischan Kaufmann
Ein Rekord für die Ewigkeit? "Alle Rekorde werden irgendwann mal gebrochen", sagt Bolt-Kumpel Pascal Rolling.
Ein Rekord für die Ewigkeit? "Alle Rekorde werden irgendwann mal gebrochen", sagt Bolt-Kumpel Pascal Rolling. © imago

München - Eigentlich ist es nur eine Zahl: 9,58. Und doch sind diese drei Ziffern, getrennt durch ein Komma, immer noch ein, wenn nicht sogar der Superlativ der Sport-Historie. Bei der Weltmeisterschaft 2009 zauberte Usain Bolt diese Fabelzeit über 100 Meter auf die leuchtend blaue Tartanbahn des Berliner Olympiastadions. Neunkommafünfacht Sekunden. Ein Sprint für die Geschichtsbücher. Weltrekord! Niemand ist seitdem in der Königsdisziplin der Leichtathletik schneller gelaufen als der Jamaikaner.

Man könnte bei Usain Bolt schier unendliche Zahlenkolonnen aneinanderreihen: Weltrekord über 100 und 200 Meter (19,19 Sekunden), ebenso mit der jamaikanischen 4 x 100 Meter-Staffel (37,10 Sekunden), insgesamt acht Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen in Peking (2008), London (2012) und Rio de Janeiro (2016), acht Siege bei Weltmeisterschaften, dazu noch zwei WM-Silber und eine Bronze-Medaille.

Bolt ist ein Star, mit einer Strahlkraft weit über den Sport hinaus

Und dennoch: All diese schier unglaublichen Erfolge und Rekorde können das Phänomen Usain Bolt am Ende doch nur unzureichend erklären. Das findet jedenfalls Pascal Rolling. Für ihn ist Bolt mehr als der gefeierte Serien-Sieger, mehr als eine auf Erfolg programmierte Sprint-Maschine. Bolt ist ein Star, mit einer Strahlkraft weit über den Sport hinaus. "Die Kombination von Ausnahmetalent, Charisma und Intelligenz, diese drei Faktoren zusammen haben ihn zu einer Legende gemacht – nicht nur in der Leichtathletik", sagt Rolling. Und er muss es wissen.

Der Superstar und der Puma-Mann:Bolt und Pascal Rolling (r.).
Der Superstar und der Puma-Mann:Bolt und Pascal Rolling (r.). © OH

Der 51-jährige Franzose leitet beim fränkischen Sportartikel-Hersteller Puma, der nach wie vor Bolts Hauptsponsor ist, das internationale Sportmarketing für die Leichtathletik- und Running-Sparte und hat über viele, viele Jahre mit dem Mega-Star zusammengearbeitet.

Entdecker wäre vielleicht zu viel gesagt, aber Rolling kennt Bolt schon, als der noch ein junger, großer, stets gut gelaunter Schlaks war. Ein Schlaks, der laut dem gebürtigen Straßburger allerdings schon als Teenager unglaublich schnell laufen konnte. Schneller als alle anderen. Und eben nicht nur das.

"Schon früh konnte man sehen, dass Usain ein riesen Charisma hat"

2002 bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Kingston, der Hauptstadt der Karibik-Insel, hatte Rolling Bolt erstmals kennengelernt. "Da ist uns sehr schnell dieser 15-jährige Junge aufgefallen. Dass er Talent hat, war klar, aber dass er einmal Weltmeister und Olympiasieger werden würde, konnte man damals natürlich noch nicht wissen. Das Stadion war voll und nachdem er die 200 Meter gewonnen hatte, hat er damals eine richtige Show abgezogen – da konnte man auf jeden Fall schon sehen, dass Usain ein riesen Charisma hat", erinnert sich Rolling an die erste Begegnung mit seinem Schützling.

Dieses Show-Talent wurde später zu Bolts Markenzeichen. Seine berühmte Sieger-Geste, der Bolt-Dab, der eine Arm angewinkelt, der andere zeigt zum Himmel, war eine Zeit lang Kult. Auf allen Schulhöfen dieser Welt wurde gedabbt, selbst internationale Sportstars wie der mehrfache Formel 1-Weltmeister Lewis Hamilton feierten ihre Siege plötzlich mit der Bolt-Pose. Mehr Anerkennung geht nicht.

Usain Bolt mutierte zum globalen Superstar, zum gefragten Gesprächspartner, den die Mächtigen dieser Welt gerne um sich haben, der sich aber auch nicht scheute, in die dunklen Winkel auf diesem Planeten zu schauen. "Usain hat Präsidenten wie Barack Obama getroffen, aber auch Menschen in Slums, zum Beispiel in Kenia, besucht, da muss man sich anpassen und wissen, wie man mit komplett unterschiedlichen Menschen umgehen muss, und das kann er hervorragend", sagt Rolling.

Usain Bolt, der Wiesn-Fan

Dass Bolt sich zudem häufig und exzessiv ins Nachtleben stürzte, gerne auch auf dem Münchner Oktoberfest vorbeischaute und ihm auch die ein oder andere Affäre nachgesagt wurde, schadete seinem Image nicht wirklich.

Nicht nur wegen Dr. Müller-Wohlfahrt ein großer München-Fan: Usain Boltmit Langzeit-Freundin Kasi Benett auf der Wies’n.
Nicht nur wegen Dr. Müller-Wohlfahrt ein großer München-Fan: Usain Boltmit Langzeit-Freundin Kasi Benett auf der Wies’n. © imago

Aber zurück zum Sport. Das Geheimnis von Bolts Geschwindigkeit ist eigentlich gar keins, sondern laut Rolling lediglich simple Physik: "Früher hatten die 100-Meter-Sprinter eine hohe Lauffrequenz oder lange Schritte – Usain hat beides", erklärt der Experte nüchtern.

Bolts langjähriger Konkurrent, der später des Dopings überführte US-Sprinter Tyson Gay, hat es einmal so beschrieben: "Selbst, wenn du die gleiche Lauffrequenz wie Usain hast, hast du trotzdem keine Chance gegen ihn zu gewinnen. Denn seine Schrittlänge ist einfach 30 Zentimeter weiter."

Für seine Gegner muss das frustrierend gewesen sein, ihr Aufatmen als Bolt dann 2017 nach der Leichtathletik-WM in London mit einer für seine Verhältnisse fast schon beschämenden Bronze-Medaille endgültig abtrat umso größer.

Bolt verdankt sein Karriere Dr. Müller-Wohlfahrt

Natürlich umwehte auch Bolt während seiner gesamten Karriere der permanente Hauch des Doping-Verdachts, nachweisen konnte man ihm jedoch nie etwas. Bis heute. Angeblich verweigerte der Superstar sogar die harmlosesten Grippe-Mittel. "Er hat immer gesagt: ¸Ich nehme nur die Vitamine, die mir Dr. Müller-Wohlfahrt gegeben hat’", erinnert sich Rolling. Seit seinem 17. Lebensjahr wurde er vom ehemaligen Teamarzt des FC Bayern wegen seiner Skoliose (Verbiegung der Wirbelsäule) behandelt. Ohne Mulls heilende Hände wäre die karibische Urgewalt wohl schon zu Anfang der Karriere in den Startblöcken steckengeblieben.

Nach dem Karriereende versuchte sich Bolt kurz als Fußball-Profi.
Nach dem Karriereende versuchte sich Bolt kurz als Fußball-Profi. © imago

So aber wurde der Junge aus Jamaika zur Legende – und die wird Bolt wohl auch für ewig bleiben. Das ist sich Puma-Mann Rolling sicher: "Es wird bestimmt Sprinter geben, die schneller sind als Usain Bolt, jeder Weltrekord wird irgendwann einmal gebrochen, aber ob es nochmal einen 100-Meter-Läufer gibt, der so eine Persönlichkeit hat, die weit über den Sport hinaus die Menschen fasziniert, das wage ich zu bezweifeln."

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