Österreich: Ein Schweizer als Vater des neuen "Wunderteams"

David Alaba und Co. stürmen die Top Ten der Weltrangliste. Austria feiert sein Wunderteam. Dabei hat der Höhenflug des österreichischen Fußballs ganz rationale Gründe.
von  Stephan Kabosch
Ein ganzes Land trägt ihn auf Händen: Österreichs Teamchef Marcel Koller feiert mit den Spielern die Qualifikation für die EM in Frankreich.
Ein ganzes Land trägt ihn auf Händen: Österreichs Teamchef Marcel Koller feiert mit den Spielern die Qualifikation für die EM in Frankreich. © dpa

Wien - Es ist gerade einmal vier Jahre her: Österreich liegt in der Weltrangliste auf Platz 77, irgendwo im fußballerischen Niemandsland - eingebettet zwischen Simbabwe und El Salvador. Seit Donnerstag scheint Team Austria erstmals unter den Top Ten der Welt auf - Platz zehn, eingebettet zwischen England und der Schweiz. Sicher, diese Rangliste mag eher das Ergebnis einer komplizierten Rechnerei sein denn tatsächlicher Leistungsnachweis. Aber im Fall Österreichs lässt sich darin eine bemerkenswerte Entwicklung ablesen.

Die Mannschaft um Bayern-Star David Alaba spielte eine souveräne EM-Qualifikation mit nur einem Unentschieden und danach neun Siegen in Folge, verlor vor mehr als zwei Jahren ihr letztes Pflichtspiel, sorgt in allen Heimpartien für ausverkaufte Stadien, hat in der Alpenrepublik eine "Euro-Phorie" ausgelöst. Fans und Medien feiern die Wiedergeburt des "Wunderteams" - in Anlehnung an die goldenen 1930er Jahre.

Fünf Gründe für die Renaissance

Erstens: Die mutige Entscheidung

Am 1. November 2011 wird Marcel Koller Österreichs Nationaltrainer. Der Schweizer erfährt dabei weniger Willkommenskultur als vielmehr Skepsis. Auch und vor allem von den Vertretern jener "78er-Generation", die ob ihres damaligen Erfolgs bei der WM in Argentinien daheim Heldenstatus genießt - und wie Herbert Prohaska, Hans Krankl und Josef Hickersberger die vergangenen Jahrzehnte als Teamchef arbeiten durften. "Was soll schon einer, der beim VfL Bochum gefeuert wurde, was kann ein Schweizer besser als wir Österreicher?", mahnen die Koller-Kritiker. Doch ÖFB-Präsident Leo Windtner setzt sich gegen diese Widerstände durch, lässt sich vom Konzept des Zürchers überzeugen.

Zweitens: Der gewinnende Trainer

Und Marcel Koller geht seine Aufgabe entschlossen an. "Matchplan statt Playstation" - darauf könnte man sein Motto reduzieren. Der Eidgenosse verordnet dem Team jene Professionalität, die dem österreichischen Fußball oft an entscheidenden Stellen gefehlt hat. Er formt aus hochtalentierten Individualisten eine verschworene, zielorientierte Einheit, er zähmt verhaltensauffällige Stars wie Marko Arnautovic. Und er schenkt selbst jenen Spielern das Vertrauen, die bei ihren Vereinen keinen Stammplatz haben.

"So ein familiäres Gefühl habe ich beim Nationalteam noch nie gespürt“, sagt Arnautovic. Und Aleksandar Dragovic, der Verteidiger von Dynamo Kiew, ergänzt: "Es hat noch nie so viel Spaß gemacht, im Team zu spielen." Martin Harnik vom VfB Stuttgart spricht gar von einer „Wohlfühloase".

Drittens: Die goldene Generation

Marcel Koller ist bei all seiner Begabung auch ein Beschenkter. Er darf mit den vielleicht besten Fußballern arbeiten, die das kleine Land in seiner jüngeren Geschichte hervorgebracht hat. David Alaba ist nur der international bekannteste von ihnen. Dazu kommen etwa der Bremer Zlatko Junuzovic, die Stuttgarter Martin Harnik und Florian Klein, der Mainzer Julian Baumgartlinger, der Löwe Rubin Okotie oder der weitere Goalgetter Marc Janko (FC Basel). Gleich 18 Österreicher kicken in der Saison 2015/16 in der deutschen Bundesliga, fünf in der englischen Premier League, drei in Italiens Serie A.

Tatsächlich ist der österreichische Fußball immer dann am erfolgreichsten, wenn im Nationalteam viele Legionäre spielen. FC Bayern statt SC Altach, Tottenham Hotspur statt Admira Wacker: das bedeutet Erfahrung, Klasse, Woche für Woche hohes Niveau - anders als in der heimischen Operetten-Liga.

Viertens: Das erarbeitete Glück

Marcel Koller hat dem Team einen neuen Spielstil verordnet. Eine 4-2-3-1-Grundformation, hohes Pressing, taktische Disziplin, schnelles Kombinationsspiel um die Strategen Alaba und Junuzovic. Am Anfang stimmte nur die Spielweise, allmählich stimmten dann auch die Ergebnisse. Dabei hat Österreich auf dem Weg zur EM-Qualifikation manche Spiele auch nur knapp gewonnen: enge Partien gegen Russland (zweimal 1:0), in Moldawien am Ende ein Zitterspiel, ein Last-Minute-Sieg auswärts in Montenegro (da war das Ticket zur Euro allerdings schon gelöst). Früher hätte eine österreichische Nationalmannschaft solche Partien noch verloren, jetzt gewinnt sie diese. „Glück muss man sich auch erarbeiten, das haben wir“, sagt Robert Almer, der sichere Rückhalt im Tor.

Fünftens: Die tragenden Fans

Alle fünf Heimspiele der EM-Qualifikation ausverkauft, die knapp 50.000 Karten für den Jahresabschluss gegen die Schweiz innerhalb weniger Stunden weg: Österreichs Nationalmannschaft ist wieder "in". Für die rot-weiß-roten Fans ist mit der EM-Qualifikation eine lange Leidenszeit zu Ende gegangen. Es wirkt, als würden sich Anhänger und Mannschaft gegenseitig tragen. Und auch Herbert Prohaska, am Beginn einer der schärfsten Kritiker des Teamchefs, gibt längst zu: "Ich bin ein Fan dieser Nationalmannschaft. Koller ist ein Glücksfall."

Ob der Fußball das Skifahren als Österreichs Nationalsport abgelöst habe, wollte ein montenegrinischer Reporter von Marcel Koller wissen. Die Antwort: "Wir sind schon sehr nah dran." Wenn er da nicht untertrieben hat!