Löws finale Herausforderung bei der EM

Der Bundestrainer startet in sein letztes Turnier. Es geht gleich gegen Weltmeister Frankreich - passenderweise hat die DFB-Truppe auch das bisher letzte EM-Spiel gegen die Équipe tricolore bestritten.
von  Patrick Strasser
"Er hat auf jeden Fall wieder eine Schippe draufgelegt, an Intensität, Wille, Motivation", sagt RückkehrerMats Hummels über Bundestrainer Joachim Löw, der nach der EM aufhört.
"Er hat auf jeden Fall wieder eine Schippe draufgelegt, an Intensität, Wille, Motivation", sagt RückkehrerMats Hummels über Bundestrainer Joachim Löw, der nach der EM aufhört. © GES/Augenklick

München - Das letzte Turnierspiel der Nationalelf von Joachim Löw? Das 0:2 gegen Südkorea. Weit weg war's, in Kasan, der Republik Tatarstan in Russland.

Löw und die Franzosen: Erinnerungen ans EM-Halbfinale 2016

Auch gedanklich ist das blamable WM-Aus von 2018 im letzten Winkel des Hinterstübchens. Präsenter ist da das letzte EM-Spiel für den Bundestrainer, das 0:2 im Halbfinale 2016 gegen Gastgeber Frankreich in Marseille.

Im Grunde das beste Turnierspiel der deutschen Auswahl, und dennoch scheiterte man nach den Toren von Antoine Griezmann - vor allem an sich selbst. Dass Löw im Halbfinale neben Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger (erste Startelf-Nominierung der EM) im Mittelfeld auf den defensiven - und damals mit erst sechs Länderspielen noch relativ unerfahrenen - Emre Can setzte, wurde ihm angekreidet.

EM 2016: Hielt Löw zu lange an Schweinsteiger fest?

Auch in der Offensive baute Löw überraschend um. Er verzichtete auf Mittelstürmer Mario Gomez, brachte aber nicht wie erwartet Mario Götze. Im veränderten 4-3-2-1-System agierten Mesut Özil und Julian Draxler hinter der Spitze Thomas Müller. Nach dem Aus wurde vor allem Kritik laut, weil Löw lange (zu lange?) an seinem Kapitän, dem vor dem Turnier lange verletzten Schweinsteiger festgehalten habe.

EM 2012: Kroos als Bewacher von Italiens Pirlo

Eine Parallele zur EM 2012: Damals verzockte sich Löw beim Halbfinale gegen Italien mit einer für alle - inklusive der eigenen Mannschaft - überraschenden Idee: Der Bundestrainer beauftragte Toni Kroos, erstmals im Turnier in der Startelf, als Bewacher von Azzurri-Regisseur Andrea Pirlo. Was völlig misslang.

Löw und die EM 2020: "Für Wehmut ist aktuell kein Platz"

"Mit ihm wollten wir die Zentrale stärken", begründete Löw seine Entscheidung. Doch Spielmacher Kroos war gegen den Spielmacher überfordert, konnte kaum Bälle gewinnen, die Pässe des Maestros nicht verhindern - 1:2.

Und nun? Zieht Löw wieder einen Joker, eine ganz überraschende Karte? Sieht nicht so aus. Keine Experimente, Nummer sicher. Auf seiner nach dem angekündigten Rückzug begonnenen Abschiedstournee will der 61-Jährige mit Energie, aber auch Ruhe und Gelassenheit vorangehen. Sein achtes und letztes Turnier. Sein letztes Hurra? Für Wehmut sei aktuell "kein Platz", betonte er, die Aufgabe gehe er "mit derselben Motivation wie immer an". Sehen seine Spieler anders - im positiven Sinne.

Bierhoff über Löw: "Er ist alles andere als eine lame duck"

"Er hat auf jeden Fall wieder eine Schippe draufgelegt, an Intensität, Wille, Motivation", sagte Rückkehrer Mats Hummels, der glaubt: "Er will dieses große, wunderbare Kapitel erfolgreich beenden." Und die Spieler wollen ihrem Chef einen großartigen Abschied bereiten.

"Er will unbedingt. Man hat gemerkt, dass er sehr motiviert, ehrgeizig und enthusiastisch ist", sagte Kapitän Manuel Neuer über Löw, der 2006 das Amt von Bundestrainer Jürgen Klinsmann übernahm. DFB-Direktor Oliver Bierhoff, seit damals an seiner Seite, betonte mit Nachdruck: "Er ist alles andere als eine lame duck."

Der Auftakt gegen Frankreich wird zu seiner letzten großen Herausforderung als Bundestrainer. Weil man sich eine Niederlage kaum erlauben kann. Denn dann käme bereits "ein unglaublicher Druck", so Löw, "das nächste Spiel musst du dann gewinnen." Gegen Europameister Portugal und Weltklasse-Stürmer Cristiano Ronaldo. Leicht ist definitiv was anderes...