Der DFB wird zum Deutschen Fehde-Bund

Der Freisler-Vergleich von Präsident Fritz Keller ist der hässliche Höhepunkt eines monatelangen Streits an der Verbandsspitze. Kontroversen um DFB-Bosse haben eine lange und traurige Tradition.
von  Matthias Kerber
Der aktuelle DFB-Präsident Fritz Keller.
Der aktuelle DFB-Präsident Fritz Keller. © GES/Marvin Ibo Güngör

Man stelle sich vor, der Deutsche Fußball-Bund wäre nicht nur ein Schönste-Nebensache-der-Welt-Verband, sondern ein Dax-notiertes Unternehmen.

Wenn der DFB sich vor rechtfertigen müsste

Eines, das nicht nur Hinterzimmer-Diplomatie betreiben würde, sondern sich vor den Aktionären rechtfertigen müsste und bei dem jedes PR-Desaster zu einem Absturz an den Börsen führen würde.

Der DFB würde in unregelmäßigen, aber auf jeden Fall wiederkehrenden, Abständen für Erschütterungen an den Finanzmärkten sorgen und die nach oben offene Richterskala ans Leistungslimit führen.

Ein unentschuldbarer Vergleich

Der Eklat um den unentschuldbaren Vergleich mit dem personifizierten Unrechtsrichter Roland Freisler von Noch-Präsident Fritz Keller in Richtung von Vize Rainer Koch ist der neueste Tiefpunkt in der Historie der zankhaften Führungsriege des DFB - der Deutsche Fehde-Bund.

Die Entschuldigung von Keller wollte Koch nicht akzeptieren. Die Präsidenten der Landes- und Regionalverbände hatten Keller am Sonntag wegen des Nazi-Vergleichs das Vertrauen entzogen und aufgefordert, zurückzutreten (26 Ja-Stimmen, neun Nein, zwei Enthaltungen). Zudem wurde die Entgleisung "aufs Schärfste" verurteilt: "Die Äußerung macht uns fassungslos."

Keller schweigt beharrlich

Generalsekretär Friedrich Curtius, dem auch das Vertrauen entzogen wurde, soll - laut "Spiegel" - Keller selber bei der Ethikkommission, die nun über die verbale Entgleisung entscheiden wird, angezeigt haben. Keller will sein Amt nicht niederlegen, schweigt beharrlich, er will erst die Einlassungen der Kommission abwarten.

Curtius deutete einen möglichen Abschied an: "Ich stehe für Gespräche zu konstruktiven Lösungen für den DFB jederzeit zur Verfügung, dies umfasst selbstverständlich auch meine Funktion."

Gleichzeitig will er Keller mit ins absaufende Boot holen: "Mit ihrer klaren Aufforderung zum Rücktritt hat die Konferenz ein deutliches Signal gegeben, wie sie sich einen Neuanfang an der Spitze des DFB vorstellt."

Verdacht auf Steuerhinterziehung

Curtius, sowie Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge (denen beiden nicht das Vertrauen entzogen wurde) sind im DFB dem Anti-Keller-Lager zuzurechnen. Gerade Curtius und Keller befinden sich im hässlichen Dauerstreit.

Im Mittelpunkt des Konflikts stehen der Verdacht der Steuerhinterziehung, wegen dem die Staatsanwaltschaft seit Monaten ermittelt, aber auch dubiose Deals zwischen DFB-Dienstleistern und ominöse Beraterverträge, die laut "SZ" Koch, Curtius und Osnabrügge auf den Weg gebracht haben sollen.

Keller, der im September 2019 mit echten Veränderungsabsichten den Posten an der Spitze des größten Sportverbandes der Welt angetreten ist, ist in diesem Machtspiel der Ohnmacht nahe.

Hat Koch wichtige Informationen zurückgehalten?

Und wem das alles noch nicht reicht: Ex-DFB-Boss Reinhard Grindel zündelte mit brisanten Aussagen auch mit. Er wirft Koch vor, im Zuge der Sommermärchen-Affäre wichtige Informationen zurückgehalten zu haben. Koch weist die Vorwürfe vollumfänglich zurück.

Der ehemalige DFB Präsident Reinhard Grindel.
Der ehemalige DFB Präsident Reinhard Grindel. © Arne Dedert/dpa

Zurücktreten oder nicht zurücktreten, das ist hier die Frage für Keller. Damit gliedert er sich nahtlos in die Reihe der mehr oder weniger ehrenwerten Abdankungen seiner Vorgänger ein.

Grindel trat wegen Käuflichkeit und Korruption zurück

Grindel, von 2002 bis 2016 Mitglied des Bundestags, wurde im April 2016 zum DFB-Boss gewählt. Drei Jahre später trat er mit "sofortiger Wirkung" zurück, nachdem er eine Luxusuhr im Wert von 60.00 Euro als Geschenk eines ukrainischen Oligarchen angenommen hatte, und so "Vorurteile gegenüber haupt- oder ehrenamtlich Tätigen im Fußball bestätigt habe".

Käuflichkeit und Korruption sind im Funktionärswesen keine Unbekannten....

Wurden mit zehn Millionen Schweizer Franken Stimmen gekauft?

Grindel wiederum hatte die Nachfolge von Wolfgang Niersbach angetreten, der von 2012 bis 2015 dem DFB als Präsident vorstand. Am 9. November trat er zurück, nachdem die Staatsanwaltschaft Frankfurt Ermittlungen gegen ihn wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung aufgenommen hatte.

Der ehemalige DFB Präsident Wolfgang Niersbach.
Der ehemalige DFB Präsident Wolfgang Niersbach. © Georgios Kefalas/dpa/KEYSTONE FILE

Dabei ging es um ein undurchsichtiges Darlehen in Höhe von zehn Millionen Schweizer Franken im Zuge der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland, das möglicherweise zum Stimmenkauf genutzt wurde.

Das Verfahren wurde wegen Corona eingestellt

Anfang August 2019 wurde gegen Niersbach, sowie auch seinen Amtsvorgänger Theo Zwanziger, in der Schweiz Anklage wegen Betruges erhoben.

Der ehemalige DFB Präsident Theo Zwanziger.
Der ehemalige DFB Präsident Theo Zwanziger. © Boris Roessler/dpa

Das Verfahren wurde im April 2020 wegen Verjährung ohne Aufklärung des Sachverhaltes eingestellt, da es aufgrund der Corona-Pandemie zu Verzögerungen im Prozess gekommen war. Ehrenwerte Gesellschaft? "Ehrenwerter" Verband!