Interview

Thon: "Sané muss bei Bayern beißen, kratzen, kämpfen"

Vorm Eröffnungsspiel der Münchner gegen Schalke spricht Olaf Thon hier über seine Erwartungen an die neue Saison. Dem Königstransfer traut er zu, "seinen Fußabdruck beim FC Bayern zu hinterlassen".
von  Julian Buhl
"Er ist kurz davor, den Sprung zum Weltklassespieler jetzt richtig zu machen", sagt Olaf Thon über Leroy Sané.
"Er ist kurz davor, den Sprung zum Weltklassespieler jetzt richtig zu machen", sagt Olaf Thon über Leroy Sané. © imago images/Sven Simon

München -  Olaf Thon wurde 1990 mit Deutschland Weltmeister. 1988 wechselte der einstige Mittelfeldspieler von Schalke zum FC Bayern. 1994 kehrte der heute 54-Jährige zu den Königsblauen zurück.

AZ: Herr Thon, am Freitag eröffnen Ihre beiden Ex-Klubs Bayern und Schalke die Bundesliga-Saison. Wie groß ist ihre Vorfreude darauf?
OLAF THON: Die hat sich auf jeden Fall noch ein bisschen erhöht, weil jetzt ja wohl auch ein paar Tausend Zuschauer dabei sein werden. Denn Zuschauer sind beim Fußball das Salz in der Suppe. Ohne sie fehlt einfach etwas. Die erste Pokalrunde hat da schon mal sehr viel Freude auf den Bundesligastart gemacht. Und wir Schalker fiebern dem nun entgegen, weil wir da gegen den Triple-Sieger antreten dürfen.

Olaf Thon: "Der FC Bayern hat einen Nachteil"

Es wird nun das erste Pflichtspiel für beide, nachdem Schalkes Pokalspiel gegen Schweinfurt kurzfristig abgesagt werden musste. Wie sehen Sie da die Voraussetzungen?
Schalke hatte mehr Vorbereitungszeit. Aber ein Pflichtspiel vor dem Ligastart zu bestreiten, wäre natürlich besser gewesen. Schade, dass dies nicht zustande kam. Der bayerische Fußballverband hatte sehr lange Zeit. Das hätte wesentlich besser laufen können. Der FC Bayern ist erst seit einer Woche wieder im Training und hat dadurch einen Nachteil, die Situation ist tricky. Darin liegt die Chance für Schalke. Man wird sehen, ob Form die Klasse schlagen kann, wie unser ehemaliger Manager Rudi Assauer immer gesagt hat.

Olaf Thon spielte für FC Bayern und Schalke 04 in der Bundesliga.
Olaf Thon spielte für FC Bayern und Schalke 04 in der Bundesliga. © Rolf Vennenbernd/dpa

Viele prophezeien S04 eine schwierige Saison. Sie auch?
Schalke 04 hat erst mal Understatement betrieben. Alles andere wäre nach der letzten Halbserie auch vermessen gewesen. Mit Paciencia und Ibisevic sind nun aber zwei sehr gute Transfers gelungen. Ich hoffe, dass man sich findet und dieses Gespenst von den 16 nicht gewonnenen Spielen schnell vertreibt. Jeder weiß, dass es in München nicht einfach wird. Eigentlich beginnt die Saison erst nach diesem Spiel. Umso schöner wäre es, gut reinzukommen und vielleicht doch einen Punkt zu entführen.

Thon über Sané: "Er ist der Unterschiedspieler"

Wer oder was könnte den FC Bayern auf dem Weg zur neunten Meisterschaft in Folge stoppen?
Dortmund und Leipzig sind zumindest die beiden Mannschaften dahinter. Aber Bayern war so dominant, dass sie der klare Favorit sind. Die Spieler strotzen jetzt vor Selbstbewusstsein. Ich selber weiß aber aus Erfahrung, dass man nach großen Erfolgen in ein schweres Jahr geraten kann. Bei mir war das nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 damals der Fall.

Der Wechsel von Thiago zieht sich, genau wie David Alabas Vertragsverlängerung. Diese Unruhe tut nicht gut, oder?
Da sind einige kleine Problemfelder. Wie die Piranha-Attacke von Uli Hoeneß zeigt, ist es bei Alaba ein harter Kampf des FC Bayern, seine besten Spieler zu behalten. Aber beim besten Willen: Alaba müsste schon fast einen Nagel im Kopf haben, wenn er Bayern in der Situation jetzt verlassen würde.

Als Königstransfer kommt Leroy Sané. Welche Erwartungen haben Sie an ihn?
Er ist der Unterschiedsspieler, der dem FC Bayern guttut. Er bringt auch vom Alter her eine gute Mischung rein. Neben Müller und Lewandowski ist er im Angriff die Jugend, die nachkommende Generation. Als Linksfuß passt er da auch gut rein. So einen Spieler wie ihn hatten sie nicht.

Sané soll beißen, kratzen, kämpfen

Bei Bayerns Triple-Mannschaft ein großes Kompliment.
Sané wird sich kontinuierlich zu einem Weltklassespieler entwickeln. Er ist kurz davor, diesen Sprung jetzt richtig zu machen, indem er bei Bayern und in der Nationalelf Stammspieler wird. Die Qualitäten dazu hat er, aber im Moment ist er noch nicht ganz in der Weltklasse angekommen. Speziell nach seinem Kreuzbandriss ist es spannend, seine Entwicklung jetzt zu verfolgen. Wichtig ist, dass er gesund bleibt, beißt, kratzt, kämpft. Um nicht nur Mitschwimmer bei Bayern zu sein, denn die gehen in München unter. Es wird nicht einfach, ich traue Sané aber zu, seinen Fußabdruck beim FC Bayern zu hinterlassen.

Gemeinsam mit Manuel Neuer und Leon Goretzka wird er nun sozusagen eine Schalker-Achse bei Bayern bilden. Torhüter Alexander Nübel kam ebenfalls nun aus Gelsenkirchen.
Man muss einfach stolz auf die Knappenschmiede sein, auch wenn man diese Spieler nicht halten konnte. Bayern tut diese Achse auf jeden Fall sehr gut. Auch Goretzka hat sich toll entwickelt. An ihm sieht man, dass man auch mal außergewöhnliche Wege gehen muss, mit seinem Krafttraining in der Corona-Zeit zum Beispiel. Diese Möglichkeit hätte jeder andere Profi ja auch gehabt. Er hat sie genutzt.