Der rote Rückpass (18): Michael Rummenigge

Als er mit 17 Jahren zum FC Bayern kam, war sein Bruder bereits ein internationaler Topstar: Michael Rummenigge. Für die Müncher war er in 152 im Einsatz und schoss 44 Tore. Der kleine Bruder des großen "Kalle" über das Heranwachsen im Schatten der Topstars, die Ambitionen seines Sohnes und die Fehler Jürgen Klinsmanns. Der Rote Rückpass, 18.
von  Abendzeitung
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Illustration © Rauchensteiner/Augenklick

Als er mit 17 Jahren zum FC Bayern kam, war sein Bruder bereits ein internationaler Topstar: Michael Rummenigge. Für die Müncher war er in 152 im Einsatz und schoss 44 Tore. Der kleine Bruder des großen "Kalle" über das Heranwachsen im Schatten der Topstars, die Ambitionen seines Sohnes und die Fehler Jürgen Klinsmanns. Der Rote Rückpass, 18.

AZ: Herr Rummenigge, Sie haben 157 Spiele für Dortmund, 152 für den FC Bayern absolviert. Wo war es besser?

Ich bin ein großer Fan von beiden Vereinen und beide Stationen waren für meine Entwicklung wichtig. In München war ich der Lehrling, in Dortmund der Profi.

Ein Lehrling hat einen Lehrmeister, ein Profispieler einen Chef - wer ist Ihnen dabei am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben?

Beim FC Bayern war Udo Lattek für mich wie eine Vaterfigur und ich halte noch heute große Stücke auf ihn. Bei Dortmund war Ottmar Hitzfeld für meine persönliche Entwicklung enorm wichtig. Er ist einer der besten Trainer der Welt und brachte eine Führungskultur in den Verein. Das hat mir einen Schub nach vorne gegeben. Zum Abschied habe ich zu ihm gesagt: Ich hoffe, Sie werden Trainer beim FC Bayern.

Sind Sie heute per Du?

Heute sind wir per Du und telefonieren regelmäßig.

Eine Trainerlizenz haben heute auch Sie. Was haben Sie vor?

Kommt ein gutes Angebot, kann ich mir alles vorstellen. Aber man muss sich im Fußball sehr genau überlegen, bei welchem Angebot man einsteigt. Setzt man auf das falsche Pferd, endet das schnell im großen Nichts.

Angenommen, Sie werden Trainer, an welcher Trainingsphilosophie werden Sie sich orientieren?

Ich habe Hospitanzen bei Juventus Turin und beim FC Sevilla gemacht. Ich war überall, selbst in den geheimen Trainingszentren mit dabei und habe interessante Einblicke in eine moderne Fußballlehre gewonnen. Was das Basistraining betrifft, können sich da viele Spieler in der Bundesliga eine Scheibe abschneiden.

Sie leiten Fußballschulen. Trifft dieses Wissen dort auf fruchtbaren Boden?

Für die große Masse der Kinder ist der Unterricht ein großer Spaß. Wir bringen jedem Kind die elementaren Techniken bei. Aber ab und zu trifft man auch auf ein Talent - dann sind wir überglücklich.

Ihr Sohn spielt in der U-19 Nationalmannschaft, wie viel Potential steckt in ihm?

Er ist ein feiner Techniker und antizipiert großartig am Spiel. Leider wurde er viel zu früh durch Verletzungen in seiner Entwicklung zurückgeworfen. Sonst wäre er schon weiter.

Hat er eine Zukunft im Profigeschäft?

Er kommt jetzt wieder und hat durchaus die Möglichkeit, es nach oben zu schaffen. Sehen Sie sich Luca Toni an, wie lange war der irgendwo in den italienischen Liga verirrt, und dann wird er Weltmeister und spielt bei Bayern.

Wie wichtig ist Talent im Fußball?

Schauen Sie sich Oliver Bierhoff an: Da sieht man, mit wie wenig Talent man viel erreichen kann.

Ist der Name Rummenigge für Ihren Sohn Fluch oder Segen?

Es kann beides sein. Momentan ist der Name eher ein Fluch, da er ständig unter Sonderbeobachtung und zusätzlichem Druck steht. Später, wenn er etabliert ist, kann die größere Aufmerksamkeit auch ein Segen sein.

Wie kamen Sie selber mit dem großen Namen ihres Bruders klar?

Der Druck war natürlich sehr groß, aber auch lehrreich. Mein Bruder war sehr streng zu mir. Im ersten Jahr habe ich noch bei ihm gewohnt, musste immer früh zu Hause sein und Disziplin zeigen, lernte den Umgang mit den großen Spielern beim FC Bayern. Aufgrund des berühmten Namens musste ich immer doppelt so gut spielen. Ich bin meinem Bruder sehr dankbar für diese lehrreiche Zeit. Der Name Rummenigge war ein Synonym für Fußball.

Klingt nach Demut.

Ich musste früher den Großen die Stollen in die Schuhe schrauben. Ich würde mir wünschen, dass die jüngeren Spieler heute auch diesen Weg gehen müssten, zu lernen Respekt zu zeigen. Es gab früher bei Bayern A-, B- und C-Kabinen. Sie können sich vorstellen, in welcher Kabine ich anfangs war.

Und am Ende?

In der B-Kabine, aber da bin ich auch schon zu Dortmund gewechselt. Das Erfolgsgen der Bayern allerdings war für immer eingepflanzt. Das habe ich auch nach Dortmund mitgenommen.

Wie viel Ähnlichkeit haben Sie mit Ihrem Bruder?

Wir haben sehr ähnliche Bewegungsabläufe, eine ähnliche Stimme und ein ähnliches Aussehen.

Ihr Bruder ist maßgeblich beteiligt am großen Umbruch bei den Bayern: Drehen er und Uli Hoeneß momentan an den richtigen Schrauben?

Mit Louis van Gaal kommt die holländische Fußballschule nach München, die ist klasse. Ich denke, dass sich der FC Bayern unter van Gaal, wieder auf das Wesentliche, auf Fußball konzentriert. Das ganze Brimborium, das Klinsmann eingefüht hat, brauchte kein Mensch.

Was hat Klinsmann vor allem falsch gemacht?

Er litt an absoluter Selbstüberschätzung. Soviel gewonnen, hat er als Trainer ja noch nicht. Jetzt gilt es Spaß und vor allem Fitness zurück zum FC Bayern zu bringen.

Eine Prognose für die nächste Saison.

Bayern wird auf jeden Fall Meister. National kann ihnen keiner das Wasser reichen. International entscheiden Nuancen, das sind dann Spieler wie Ribery.

Sie sind 1993 in die neu gegründete japanische Liga gewechselt. Hatten Sie Sehnsucht nach der Fremde

Ich bin nicht nach Japan gewechselt wegen der Sprache, wegen des Sushis oder der Kultur, das wäre gelogen. Man hat mir ein exorbitant gutes Angebot gemacht, es ging also letztlich um das Geld. Fußballer ist man maximal bis zum 36 Lebensjahr, da ist man gut beraten, vorher seine finanziellen Dinge zu regeln.

Interview: Boris Breyer