Skepsis gegenüber Corona-Impfstoff: Wird Astrazeneca für alle freigegeben?

Die Deutschen begegnen dem britisch-schwedischen Präparat mit großer Skepsis. Hunderttausende Dosen bleiben ungenutzt. Söder und Kretschmann wollen deshalb von der Priorisierung abweichen.
von  Natalie Kettinger
Impfstoff mit Image-Problem: 1,44 Millionen Dosen hat Astrazeneca seit Mitte Februar geliefert. Verimpft wurden viel weniger.
Impfstoff mit Image-Problem: 1,44 Millionen Dosen hat Astrazeneca seit Mitte Februar geliefert. Verimpft wurden viel weniger. © Clara Margais/dpa

München - Schwarz-grüne Einigkeit: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und sein baden-württembergischer Kollege Winfried Kretschmann (Grüne) haben sich dafür ausgesprochen, den Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca im Notfall für alle, die wollen, freizugeben - auch, wenn sie eigentlich noch nicht an der Reihe wären.

Ministerpräsident Söder: "Es darf keine Dose Astrazeneca übrig bleiben"

"Bevor er liegen bleibt, impfen wer will. Es darf keine Dose von Astrazeneca übrig bleiben oder weggeschmissen werden. Jeder Geimpfte schützt sich und andere", sagte Söder der "BamS". Kretschmann plädierte in der "WamS" ebenfalls dafür, die vorgeschriebene Reihenfolge beim Impfen zu lockern, sollten Präparate wegen der Zurückhaltung der Menschen nicht genutzt werden.

Die Priorisierung sei wichtig, zumindest solange der Impfstoff Mangelware sei. "Zugleich können wir es uns nicht leisten, dass Impfstoff herumsteht und nicht verimpft wird, weil Teile der Berechtigten ihn ablehnen. Dann müssen wir dieses strenge Regiment auflockern und Menschen impfen, die nach der Priorisierung noch nicht an der Reihe wären." Vergangene Woche war bekannt geworden, dass von 1,44 Millionen Dosen, die Astrazeneca seit Mitte Februar geliefert hatte, erst 240.000 verimpft worden sind (Stand: Donnerstag). Die Ständige Impfkommission in Deutschland (Stiko) will ihre Empfehlung zum Astrazeneca-Vakzin überdenken. Es werde "sehr bald zu einer neuen, aktualisierten Empfehlung kommen", sagte der Chef der Kommission, Thomas Mertens, im ZDF-"heute journal".

Astrazeneca-Impfstoff trifft bei vielen Deutschen auf Vorbehalte

Die Stiko hatte - anders als die EU-Arzneimittelbehörde EMA - den Impfstoff vorerst nur für Menschen zwischen 18 und 64 Jahren empfohlen, weil Daten zur Wirkung bei Älteren fehlen. Auch deshalb trifft das Präparat bei vielen Menschen auf Vorbehalte. "Das Ganze ist irgendwie schlecht gelaufen", räumte Mertens ein. Er rechtfertigte aber die Stiko-Entscheidung mit einer dünnen Datenlage. Allerdings habe die Stiko nie das Mittel selbst in Frage gestellt. "Wir haben nur kritisiert, dass die Datenlage für die Altersgruppe über 65 nicht gut oder nicht ausreichend war." Ansonsten sei der Impfstoff "sehr gut" und er werde "jetzt durch hinzukommende neue Daten noch besser in der Einschätzung".

Um der Skepsis in der deutschen Bevölkerung zu begegnen, hat sich ein führender Immunologe dafür ausgesprochen, dass sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) live im TV mit dem Präparat impfen lässt. Es sei abzusehen, dass die Stiko das Vakzin auch für die über 65-Jährigen empfehlen werde, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, der britischen BBC. "Wenn Angela Merkel zu diesem Zeitpunkt ins Live-Fernsehen gehen würde und mit dem Impfstoff geimpft würde, wäre das natürlich großartig."