Armutsbericht 2014: Deutsche werden immer ärmer

Ganze Länder und Bevölkerungsgruppen sind nach einer neuen Studie vom Wohlstand ausgegrenzt. Die Zahlen ergeben ein Bild schlimmer Missstände. Vor allem Kinder und Ältere sind betroffen.
von  wot
Blick auf Plattenbauten. In Berlin lebt jedes dritte Kind von Hartz IV. Links: Die Grafik zeigt die Armutsgefährdungsquoten nach Bundesländern.
Blick auf Plattenbauten. In Berlin lebt jedes dritte Kind von Hartz IV. Links: Die Grafik zeigt die Armutsgefährdungsquoten nach Bundesländern. © dpa/Statistisches Bundesamt/AZ

München – Millionen Alleinerziehende, Arbeitslose, Menschen mit prekären Jobs, arme Kinder und immer mehr Rentner in Deutschland sind wirtschaftlich und sozial abgehängt. Das ist das Fazit des Armutsberichts 2014 Paritätischen Gesamtverbands. „Offensichtlich haben wir extreme Verteilungsprobleme bei zunehmendem Wohlstand“, sagt Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.

Die AZ hat sich die Studie genauer angeschaut.

Die Problemregionen

Die Zahlen zeigen, dass nicht nur die ostdeutschen Länder und das Ruhrgebiet betroffen sind. Auch Hamburg ist der Armuts-Karte des Verbands mit Alarmrot gekennzeichnet. Die relativ gesehen meisten Armen gibt es in Bremen. Dort lebt jeder Vierte in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Als Single sind das 892 Euro und als Familie mit zwei Kindern 1873 Euro im Monat.

Es folgen Mecklenburg-Vorpommern (23,6 Prozent), Berlin (21,4), Sachsen-Anhalt (20,9), Sachsen (18,8), Thüringen (18,0), Brandenburg (17,7), Nordrhein-Westfalen und das Saarland (je 17,1). In Hamburg sind es 16,9 Arme, in Niedersachsen 16,1 Prozent, in Rheinland-Pfalz 15,4, in Schleswig-Holstein 14,0 und in Hessen 13,7 Prozent. Der deutsche Durchschnitt beträgt 15,5 Prozent (2006 waren es noch 14 Prozent). Das sind 12,5 Millionen Arme.

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Der reiche Süden Bayern und Baden-Württemberg sind mit Abstand die reichsten Bundesländer. Mit einer Armutsquote von 11,3 Prozent löst der Freistaat Baden-Württemberg als das Land mit der geringsten Armut ab. Doch im Vergleich zu früheren Jahren nimmt auch hierzulande die Armut stetig zu.

Die Metropolen

Eine ähnliche Entwicklung wie bei den Ländern ist auch bei den Großstädten Deutschlands zu erkennen: reicher Süden, armer Norden und Osten. Die geringste Armutsquote weist München auf (10, 3 Prozent). Dahinter folgen Frankfurt am Main (14,7) und Stuttgart (15,2). Die bayerische Landeshauptstadt ist auch eine der wenigen Metropolen, in der die Armutsquote im Vergleich zu den Vorjahren rückläufig ist (2012 waren es noch 11,2 Prozent). Umfasst man die ganze Metropolregion München, sinkt die Zahl der armen Menschen sogar noch weiter auf neun Prozent. Anders sieht es in Leipzig (25,1), Dortmund (25,0) oder Duisburg (24,3) aus, hier sind besonders viele Menschen von Armut betroffen. Auch in Berlin (21,4) und Nürnberg (19,0) ist die Armutsquote hoch.

Die Kinderarmut

Laut Studie sind vor allem auch Kinder betroffen. In Berlin lebt jedes dritte Kind bis 15 Jahren von Hartz IV. In Bremerhaven sind es mehr als 38 Prozent – im bayerischen Landkreis Eichstätt dagegen nur 2 von 100. Für 3,2 Millionen Minderjährige sei es normal, dass sie, ihre Freunde, Nachbarn oder Mitschüler ausgegrenzt seien, so der Verband. Insgesamt gebe es so viele Arme wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr.

Die Altersarmut

Sein Augenmerk legt Geschäftsführer Schneider auf die Älteren. Dramatisch sei, dass die Armut bei den mindestens 65-Jährigen seit 2006 um 37,5 Prozent gestiegen sei, bei den Rentnern und Pensionären gar um 47,5 Prozent. Insgesamt liege die Armutsquote bei den Senioren mit 14,3 Prozent zwar noch gut einen Prozentpunkt unter jener der Gesamtbevölkerung. Aber, so Schneider: „Wir brauchen zupackende und entschlossene Reformen, um der Altersarmut Herr zu werden.“

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Die Forderung

Der Verband fordert unter anderem mehr Hartz-IV-Geld und Altersgrundsicherung. Diese Maßnahmen würden aber mit mehr als 14 Milliarden Euro zu Buche schlagen. „Das Ganze ist nur umsetzbar“, sagt Schneider, „wenn der Geburtsfehler der großen Koalition beseitigt würde, Steuererhöhungen für tabu zu erklären.“

Das ist aber auch unter eher progressiven Experten nicht Konsens. Der Politikwissenschaftler und Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster meint: „Wir brauchen generell keine höheren Steuern.“ Vielmehr müssten die Steuern, die es gebe, auch eingezogen werden.

Vorwurf an Bayern

Armutsforscher Huster erhebt Vorwürfe gegen die Regierungen wohlhabender süddeutscher Länder, also vor allem Bayern und Baden-Württemberg: Diese ließen Steuersünder mit Fleiß davonkommen und lockten so Firmen an. „Reichere Bundesländer machen auch Wirtschaftsförderung durch Finanzämter und statten diese mit zu wenigen Steuerprüfern aus“, meint er.

Die Wirtschaftslage

Die Konzerne fahren in der aktuellen guten Konjunkturlage enorme Gewinne ein – noch nie waren so viele Menschen in Beschäftigung wie heute. Trotzdem ist die soziale Lage kritisch. Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, bemängelt: „Angesichts der guten wirtschaftlichen Lage ist es paradox, dass sich Armut für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht nur verfestigt, sondern der Strudel sogar noch weiter abwärts zieht.“ DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach meint: „Wer Armut bekämpfen will, muss vor allem den Arbeitsmarkt aufräumen.“