Der letzte Schnappschuss: Tod durch Selfies

Seit Januar 2014 sind auf der Jagd nach immer spektakuläreren Selfies 52 Menschen gestorben. Mindestens. Die meisten waren erst Anfang 20.
von  Natalie Kettinger
Mit diesen Piktogrammen mahnt das russische Innenministerium zur Vorsicht beim Selfieschießen.
Mit diesen Piktogrammen mahnt das russische Innenministerium zur Vorsicht beim Selfieschießen. © Russisches Innenministerium

München - Er steht immer direkt am Abgrund: am Rand eines Hochhaus-Daches, auf den Betonträgern einer Brücke, auf einem Baugerüst weit über dem Boden. Jedes Bild, das Andrey Retrovsky auf seiner Instagram-Seite veröffentlicht hat, zeigt den jungen Russen in einer anderen lebensgefährlichen Situation.

Tausende haben die Schnappschüsse mit „Gefällt mir“ markiert, „Noch höher wäre noch mehr sexy“ oder „Versuch’s als Nächstes mal mit einem Wolkenkratzer“ dazu geschrieben. Auf dem letzten Foto hängt Andrey Retrovsky an einem Arm vom Flachdach eines Wohnblocks und lächelt. „R.I.P“ steht daneben, Englisch für „Ruhe in Frieden“. Denn der 17-Jährige ist tot: abgestürzt bei dem Versuch, auf einem neunstöckigen Gebäude in Wologda ein weiteres, noch spektakuläreres Bild zu schießen.

 

Mehr Tote durch Selfies, als durch Haiangriffe

 

Der Teenager ist einer von mindestens 52 Menschen weltweit, die seit Januar 2014 bei dem Versuch ums Leben kamen, besonders tollkühne Selbstporträts mit ihren Mobiltelefonen zu machen. Das sind mehr Menschen, als in derselben Zeit durchschnittlich von Haien getötet werden (acht Opfer pro Jahr) oder am Mount Everest sterben (17 pro Jahr).

Der amerikanische Online-Datendienst „Priceonomics“ hat diese Unfälle nun statistisch ausgewertet – nach Alter und Geschlecht der Verunglückten, Nationalität und Todesart. Die meisten Opfer waren 20 oder 21 Jahre alt (38 Prozent) und männlich (75 Prozent), obwohl Frauen häufiger Selfies schießen.

Doch in der Regel gehen sie dabei kein so großes Risiko ein, wie die 19-jährige Cristina Pagalilauan Anfang Januar: Die Studentin stürzte auf den Philippinen 20 Stockwerke in die Tiefe. „Wir haben zusammen Fotos gemacht. Aber die haben ihr nicht gefallen“, sagte eine Freundin der Lokalzeitung. „Deshalb ist sie noch mal allein aufs Dach geklettert.“

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Abstürze sind mit 16 Fällen statistisch gesehen die Todesursache Nummer eins beim Selfieschießen – ob von Gebäuden oder im freien Gelände. Im August 2015 etwa rutschte ein 25-jähriger Chinese, der sich vor dem 30 Meter hohen Long-Men-Wasserfall im Osten des Landes ablichten wollte, auf dem glitschigen Untergrund aus. Als er gefunden wurde, lag sein Handy samt Selfiestick neben ihm. Die letzte Aufnahme zeigt den Mann im freien Fall.

Acht Selfie-Opfern wurden Züge zum tödlichen Verhängnis: Weil sie nicht rechtzeitig von den Gleisen sprangen, oder beim Klettern auf die Waggons die Hochspannungsleitung berührten und durch einen Stromschlag starben.

Einige Todesfälle, die „Priceonomics“ auflistet, sind so tragisch wie bizarr: In Spanien wurde ein 32-Jähriger bei einer Stierhatz aufgespießt, der sich dabei fotografiert hatte, wie er vor den Tieren herrannte. Ein 21-jähriger Mexikaner erschoss sich aus Versehen selbst, als er fürs Foto mit einer scharfen Waffe posierte. Anstatt auf den Auslöser hatte er auf den Abzug gedrückt.Auf dieselbe Art setzte eine gleichaltrige Moskauerin im Mai 2015 ihrem Leben, unbeabsichtigt, ein jähes Ende.

 

"No Selfies"-Zonen in Indien

 

Drei Monate vorher hatten sich zwei russische Teenager im Ural in die Luft gesprengt. Das letzte Bild auf einem ihrer Handys dokumentiert, was geschehen war: Die beiden hatten sich mit einer Handgranate in Pose geworfen – und den Splint gezogen. Insgesamt sieben Selfie-Tote wurden in Russland seit 2014 gezählt, dazu dutzende Verletzte. Das Innenministerium in Moskau hat deshalb eine Broschüre herausgegeben, die vor den Gefahren warnt.

Mehr Opfer gab es nur in Indien, wo 19 Menschen starben. Dort haben die Behörden ebenfalls reagiert – und landesweit 16 „No Selfies“-Zonen ausgewiesen. Eine ist der Strand von Mumbai, an dem immer wieder Besucher von Klippen ins Wasser fielen und ertranken.

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Deutsche tauchen in der Auswertung nicht auf. Doch brenzlig wurde es hierzulande auch schon: Am Pfingstmontag 2015 sperrte die Polizei den Eisenbahntunnel in der Ganghoferstraße in München, um zwei Mädchen (12 und 17) sicher aus der Röhre zu geleiten.Die Schülerinnen waren nach Sonnenuntergang heimlich mit Smartphones und Taschenlampen losgezogen, um sich auf den Bahngleisen zu knipsen.