Interview

Strobl über das Münchner Feiervolk: "Wo haben die die Kohle her?"

Ex-Bürgermeisterin Christine Strobl im Gespräch über das Leben nach der Politik, Southern Comfort mit Cola am Samstagabend - und das zunehmende Fremdeln mit ihrer Stadt.
von  Felix Müller
Christine Strobl (60) beim Sommer-Interview mit AZ-Lokalchef Felix Müller.
Christine Strobl (60) beim Sommer-Interview mit AZ-Lokalchef Felix Müller. © Bernd Wackerbauer

München - Christine Strobl schlendert, sie hat ja Zeit. Die Ex-Bürgermeisterin kommt entspannt zum Interview in den Olympiapark rübergelaufen, sie wohnt gleich um die Ecke. Ein Jahr ist jetzt schon Schluss mit der Politik.

Zeit, sie hier an ihrem Lieblingsort zu sprechen. Zu ihrem neuen Leben als Pensionärin, ihrem Blick auf die Stadt - und die Frage, warum sie sich härtere Worte gegenüber der Party-Szene wünscht.

AZ: Frau Strobl, wir hören von Ihnen gar keine ständigen öffentlichen Besserwissereien. Was unterscheidet Polit-Rentnerinnen von Polit-Rentnern?
CHRISTINE STROBL: Das kann man nicht so allgemein sagen. Ich auf jeden Fall habe mir vorgenommen, Kritik persönlich zu äußern, nicht öffentlich. Das ist eigentlich schon alles.

Wenn Sie den Hahnenkampf Laschet gegen Söder um die Kanzlerkandidatur beobachten haben: Ist das Gegockel der Polit-Männer etwas, was Sie zu Ihrer aktiven Zeit befremdlicher fanden und was Sie jetzt eher amüsiert - oder andersherum?
Ich betrachte das amüsiert - immer noch. Ich kenne das gut aus meiner aktiven Zeit und es hat sich nicht viel geändert.

"Diese Landschaft ist genial": Christine Strobl im Olympiapark, ihrem Münchner Lieblingsort.
"Diese Landschaft ist genial": Christine Strobl im Olympiapark, ihrem Münchner Lieblingsort. © Bernd Wackerbauer

Sie konnten als Bürgermeisterin Sitzungen mit harter Hand leiten, wurden durchaus auch mal ruppig. Wie dürfen wir uns die Pensionärin Christine Strobl vorstellen? Werden Sie altersmilde?
Manchmal bin ich früher vielleicht schon etwas unnachgiebig gewesen, wenn mir etwas zu lange gedauert hat. Aber in der Politik muss man ja nicht immer allen gefallen. Mir nimmt das inzwischen oft etwas überhand. Man hat unterschiedliche Ansichten - und die muss man doch auch mal deutlich ansprechen können.

Christine Strobl: "Man kann sein Zeug wieder mitnehmen, so habe ich das gelernt"

Wenn Sie heute 20 wären - glauben Sie ernsthaft, Sie würden dann in die SPD eintreten?
Ja! Für mich ist immer nur die SPD in Frage gekommen - und das ist immer noch so.

Was würde Ihnen denn so richtig gefallen - als junge Frau heute an der SPD?
Soziales steht immer noch im Mittelpunkt. Und es gibt ja sehr viele junge Menschen in der Münchner SPD.

2019 haben Sie Ihren Abschied angekündigt und uns gesagt, nun würden Sie ein einfaches SPD-Mitglied. Wie geht es dem einfachen SPD-Mitglied 2021 mit seiner Partei?
Ich gehe ab und zu auf Termine, auch wenn das wegen Corona schwierig war. Videokonferenzen mag ich nicht so besonders.

Haben Sie vor, Bundestagswahlkampf zu machen: Kugelschreiber verteilen vorm U-Bahn-Ausgang?
Wenn mich jemand fragt, mache ich auch das. Wenn Bedarf ist, warum nicht?

Christine Strobl: "Der Park ist ein Beispiel für Nachhaltigkeit"

Geht es Ihnen in der Partei heute zu viel um symbolische Aktionen und zu wenig ganz handfest um Sozialpolitik?
Mir scheint es generell ein Problem zu sein, dass bestimmte Symbole wahnsinnig überbewertet werden. Das hat ein Ausmaß angenommen, das mir die letzten Jahre nicht mehr gefallen hat - weil eben oft über strukturelle Probleme viel weniger gesprochen wird.

Da hat das Münchner Rathaus doch durchaus seinen Anteil. Dort kommt man ja aus dem ganzen Fahnehissen, Zeichen setzen, Demonstrieren gar nicht mehr raus.
Ich denke schon, dass das gelegentlich auch notwendig ist. Und: Das kommt bei den Medien halt auch oft besser an. Ich erzähle immer die Geschichte von einer Kollegin, die einen halben Tag lang Menschen in der Fußgängerzone umarmt hat. Da gibt es dann eine halbe Seite in der Zeitung. Bei sowas denke ich: Geht's noch?

Reden wir über die Stadt. Und über diesen, Ihren Lieblingsort in München. Warum mögen Sie den Olympiapark so sehr?
Ich finde diese künstlich erschaffene Landschaft genial, die Architektur, der Park steht für die Aufbruchsstimmung von 1972, die ich als Kind mitbekommen habe. Ich sehe aus meiner Wohnung das Zeltdach, bei Föhn dahinter die Alpen - wunderbar! Mir gefällt auch, wie er in allen Jahreszeiten genutzt wird, der Park ist ein Beispiel für Nachhaltigkeit.

Christine Strobl: "Man kann sein Zeug wieder mitnehmen, so habe ich das gelernt"

Sie haben früher im Olympischen Dorf gelebt, nun in der Pressestadt. Was ist das Besondere am Wohnen am Olympiapark?
Den Park vor der Haustür zu haben, ist toll. Man geht raus und ist direkt in dieser schönen Situation. Im Dorf ist der Verkehr ja unter der Erde. Als meine Kinder klein waren, haben sie überall spielen können. Es ist trotz der Dichte eine sehr schöne Wohnsituation.

Wir sind vorhin an einem Mülleimer vorbeigelaufen, um den es saumäßig aussah. Sie haben sich darüber geärgert. Ist das Müll-Problem schlimmer geworden im letzten Jahr?
Nicht erst im Corona-Jahr, schon die Jahre davor, aber ja, es ist schlimmer geworden. Es gibt schon auch zu wenige Mülleimer, aber ich glaube auch, dass die Leute da zu wenig nachdenken. Ich finde, man kann sein Zeug einfach wieder mitnehmen - so, wie ich das auch als Kind gelernt habe. Mich ärgert es, wenn die Leute das nicht machen - ob hier im Park oder am Berg. Viele Dinge fangen eben im Kleinen an.

Sie waren lange Aufsichtsratsvorsitzende des Olympiaparks. Fühlt es sich noch nach Ihrem Park an, wenn Sie hier herumlaufen?
(lacht) Ja, irgendwie. Irgendwas, worum man sich kümmern sollte, fällt mir zumindest immer wieder auf, und dann schreibe ich der Geschäftsführung eine E-Mail.

"Es verändert schon den Blick, wenn man nicht mehr in der Rathaus-Blase ist"

Auch Hellabrunn waren Sie sehr verbunden. Gehen Sie jetzt privat hin?
Ja, das ist einfach ein toller Ort. Der auch toll weiterentwickelt wird.

Ihr Lieblingstier dort im Tierpark?
Die Erdmännchen. Die Eisbären. Und zwei Gorillas.

Geht die Pensionärin Christine Strobl jetzt im Sommer auch einfach mal mit Freundinnen Eis essen und dann halt mal schauen, was der Tag noch so bringt?
Ich nehme mir meistens schon konkret etwas vor. Aber klar, wenn wir hier im Park spazieren gehen zum Beispiel, sagen wir auch mal: Gehen wir doch noch ein bisschen zur Olympia-Alm was trinken. Einfach ohne großen Termindruck rumschlendern zu können, das gefällt mir schon.

Wie verändert es den Blick auf die Stadt, wenn man als ehemalige Bürgermeisterin plötzlich so viel Zeit hat - denken Sie in der Stadt: Mensch, das hätten wir im Rathaus damals ernster nehmen sollen?
Es verändert schon den Blick, wenn man nicht mehr in der Rathaus-Blase ist. Ich denke schon öfter mal: Naja, das ist jetzt aber nichts. Andererseits weiß ich ja auch aus der Praxis, warum viele Dinge so lange dauern.

Christine Strobl: "Was ich nicht verstehe, sind die Exzesse"

Vermissen Sie die Arbeit mit der Verwaltung?
Wenn das gehen würde, würde ich mich ehrenamtlich in der Stadtverwaltung engagieren. Ja, das ernsthafte Arbeiten in der Sache hat mir viel Spaß gemacht.

Einkaufen gehen, sich unter Menschen mischen, Restaurants, Kultur: Fast alles, was städtisches Leben ausmacht, war im letzten Jahr plötzlich nicht mehr möglich. Hat das sehr gefehlt - oder haben Sie im Gegenteil gemerkt, dass das alles gar nicht so wichtig ist?
Als es zwischendurch mal ging, war ich im Volkstheater, das war schon herrlich. Aber insgesamt ist das, glaube ich, vor allem eine Altersfrage. Wenn ich 40 Jahre jünger wäre, hätte ich eine andere Sicht. Ich verstehe, dass die Leute ungeduldig geworden sind.

Aber?
Was ich nicht verstehe, sind die Exzesse. Ich bin als ältere Frau ja vielleicht auch mal gefrustet, deshalb schmeiße ich aber ja auch nicht mit Bierflaschen.

Waren Sie zufrieden damit, wie die Stadt auf die Ausschweifungen junger Leute reagiert hat?
Vielleicht hätte man gelegentlich schon deutlicher sagen, dass man bestimmte Dinge nicht toleriert. Es wohnen ja immer noch Menschen in dieser Stadt, die arbeiten gehen müssen. Das soll es ja sogar in der Innenstadt geben.

Christine Strobl: "Wenn der Olympiapark angefasst wird, dann werde ich fuchsig!"

Wer ins Partyviertel zieht: selber schuld, heißt es dann gerne. Man ziehe ja auch nicht aufs Land und beschwere sich über den Hahn.
Viele Leute wohnen da auch schon lange. Ich bin ja in der Thalkirchner Straße im Glockenbachviertel aufgewachsen. Wenn ich da heute herumlaufe, frage ich mich schon, ob das wirklich sein muss - und das sieben Tage die Woche. Alles muss immer noch mehr werden. Und ich frage mich auch, wo die Leute die Kohle her haben? Bei mir hat es früher für einen Southern Comfort mit Cola am Samstagabend gereicht, und an dem habe ich dann fünf Stunden genuckelt. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass das Feiern nichts Besonderes mehr ist.

Immer noch voller, immer mehr Zugezogene, immer mehr Geld: Wie sehr sorgen Sie sich um Ihre Heimatstadt, von der Sie so oft so sehr geschwärmt haben?
Die Stadt hat immer noch Flair - das haben ja Mailand, Paris oder Barcelona auch noch. Und doch muss man aufpassen, dass die Innenstädte nicht nur aus Einkaufen und Feiern bestehen. Wir müssen ein Gleichgewicht finden, damit das keine reinen Touristen- und Ausgehorte werden. Ich weiß schon, dass sich Städte eben verändern, und ich gebe zu, dass es keine einfache Lösung gibt. Aber die Entwicklung ist schon rasant. Als Kind war ich in der Thalkirchner Straße mit meiner Flasche im Milchladen, die haben da dann die Milch reingepumpt. Heute gibt es in diesem Abschnitt der Thalkirchner Straße praktisch keinen Einzelhandel mehr, sondern fast nur noch Kneipen!

Jetzt sind Sie ja doch wieder voll in Ihrem Element. Frau Strobl, wann reicht es Ihnen so sehr, dass Sie sagen: Es ist so weit, ich haue öffentlich noch mal richtig auf den Putz?
Wenn der Olympiapark irgendwie angefasst werden würde, da würde ich fuchsig werden! Und vielleicht sage ich auch mal noch was zu dem Bauprojekt mit den hohen Türmen, von dem bin ich nicht so ganz begeistert.

Also melden Sie sich bald doch mal zu Wort und sagen Ihren Nachfolgern, dass es so nicht weitergehen kann?
Mal schauen. Das müsste schon etwas Gravierendes sein. Erstmal bleibe ich dabei, die Dinge intern an die Frau und den Mann zu bekommen.