Zwischen Bach und Fluss - Unterwegs in Untergiesing

In Klein-Venedig angefangen, führt der Spaziergang an so manch einem versteckten Fleckchen und Bauwerk vorbei.
von  Emily Engels
Der Turm vom Templer-Kloster ist von Weitem zu sehen.
Der Turm vom Templer-Kloster ist von Weitem zu sehen. © Emily Engels

Giesing - Nur den Auwald, die Lohe, und den Auer Mühlbach mit seinen Mühlen gab es im 15. Jahrhundert dort, wo jetzt Untergiesing ist. Das Viertel selbst entstand weitgehend erst im 19. und 20. Jahrhundert.

Damals siedelten sich in Untergiesing vor allem Arbeiter an. Überall sind noch ihre Spuren zu erkennen. Eher schlicht gehaltene und dicht aneinander gereihte Wohnhäuser prägen das Bild des Stadtteils. Beispiele für die ursprünglichen "Herbergen", also kleine Häuser, die damals von mehreren Parteien bewohnt wurden, finden sich etwa noch in der Pilgersheimer Straße. Schöne alte Häuser gibt es auch in der Mondstraße zu sehen, an der der Auer Mühlbach entlang läuft.

Besondere Bauwerke und wunderschöne Natur

Und genau dort führt der Spaziergang entlang, den sich Stadtführerin und Wahlgiesingerin Stephanie Dilba für die AZ ausgedacht hat. Sie zeigt auf der etwa 1,5-stündigen Strecke das ein oder andere besondere Bauwerk und vor allem das, was Untergiesing auch ausmacht: wunderschöne Natur.

Während der Spaziergang am kleinen Bach beginnt, führt er auf dem Rückweg entlang des großen Flusses: der Isar. Wer will, kann den Spaziergang gerne noch ausdehnen, indem er noch einen Abstecher zum Flaucher macht. Grob geht die Strecke von Klein-Venedig entlang der Mondstraße. Entlang der Lohstraße sorgt der Auwald bei heißen Temperaturen für angenehmen Schatten. Sie geht noch am Oxnerweg entlang, dem Fußgängerweg der zum Sechzgerstadion führt und gehen über das kleine Brückerl aufs andere Bachufer.

Von dort aus geht es über Birkenleiten und Lebschéestraße zum Isarufer. Und über den Rosengarten zurück.

Die Tour durch Untergiesing.
Die Tour durch Untergiesing. © Google Maps/Bearb.: anf

Die Tour durch Untergiesing

Wer im Corona-Jahr nicht weit wegreisen will, schon gar nicht ins Ausland, ist hier richtig: Münchens Klein-Venedig (1) , das ist die Gegend um die Mond-, Ecke Voßstraße. An diesem idyllischen Fleckchen unterhalb des Giesinger Bergs blitzt der Auer Mühlbach (an dem unsere Führerin Stephanie Dilba steht) ein paar Meter an der Oberfläche auf, bevor er den Großteil seines Weges durch die Stadt wieder im Untergrund zurücklegt.

Tatsächlich wirken die kleinen einstigen Herbergshäusl direkt am Bach gelegen ein bisserl wie das italienische Original. Bis zum 7. September flaniert man besonders entspannt durch Klein-Venedig. Denn bis dahin ist die Mondstraße im Rahmen des Sommerstraßen-Projektes der Stadt verkehrsberuhigt. Doch wir halten uns nicht allzu lange in dem Viertel auf, sondern flanieren weiter Richtung Lohstraße.

Klein-Venedig mitten in München.
Klein-Venedig mitten in München. © Emily Engels

Die Lohstraße ist nach dem Auwald benannt, der zu unserer linken mit seinen Bäumen reichlich Schatten spendet. Lohe heißt nämlich "lichter Wald auf sumpfigem Grund". Ab dem 15. Jahrhundert entstanden rechts von der Lohstraße die ersten Herbergshäuser (2). Denn es wurden zu dieser Zeit viele Bauarbeiter gesucht, diese durften allerdings nicht in der Stadt wohnen, erzählt Stephanie Dilba.

Stattdessen siedelten sie sich also nah zur Ludwigsbrücke, aber damals außerhalb der Stadt an. In der Lohstraße stand auch einst Europas größte Lederfabrik. Heute stehen auf dem ehemaligen Fabrikgelände Wohnanlagen. Wir gehen die Lohstraße entlang bis zur alten Bäckermühle. Hinter den Bäumen blitzt das dunkle und durchaus markante Bürogebäude vom Candidplatz hervor.

Über uns rauscht ausnahmsweise nicht der Bach, sondern der Mittlere Ring. Direkt hinter dem Oxnerweg, wo es zum Sechzgerstadion geht, überqueren wir den Bach und gehen weiter entlang der Birkenleiten.

Schlösschen, Kloster und Kunstmühle

Zu unserer linken befindet sich das ehemalige Schlösschen Birkenleiten (3) . Der zweigeschossige Barockbau. Neben dem Schlösschen stand bis zum Jahr 1957 eine Fabrikanlage, die als Baumwollspinnerei in der Mitte des letzten Jahrhunderts in den Stallgebäuden des Schlosses begann. Anschließend betrieben die Gebrüder Ungerer ab dem Jahr 1875 eine Werkzeugmaschinenfabrik, in der komplette Eisenbahnwerkstätten produziert werden konnten. Im Schlösschen befindet sich heute ein Tiergesundheitszentrum, in dem für Vierbeiner auch Homöopathie und Akupunktur angeboten wird.

Das Schlösschen Birkenleiten.
Das Schlösschen Birkenleiten. © Emily Engels

Schon vom Schlösschen aus hört man das nächste Ziel des Spaziergangs: Die Glocken vom Templer-Kloster (4) läuten. Das Gebäude, einst die Villa des "Hofgoldschmieds und Juweliers" Karl Winterhalter, wäre den meisten Spaziergängern wohl verborgen geblieben, wäre da nicht der mächtige und prächtige Kirchturm, der im Nachhinein erbaut wurde. Er ist 87 Meter hoch. Die Turmzwiebel misst 18 Meter. Und damit ragt dieser Turm weithin sichtbar über das Wohngebiet. Für Wohnungslose wird hier ein gratis Mittagstisch geboten, aktuell wegen Corona gibt’s ein Lunchpaket.

In der Kraemer’schen Kunstmühle (5) gibt es Gelegenheit für eine kleine Pause. Hier lockt das Café Fausto mit seinen selbstgerösteten Kaffeebohnen.

Die Kraemer’sche Kunstmühle war einst eine Getreidemühle. Nach ihrer Stilllegung 2007 wurde sie umgebaut, seit 2011 wird sie als Büro- und Gewerbegebäude genutzt. Um zu dem Gebäudekomplex zu gelangen, muss man einen kleinen Abstecher von der Birkenleiten nach links machen. Um wieder auf den Spazierweg zu kommen, geht man denselben Weg zurück.

Für uns geht es weiter in Richtung Isarauen. Über die Lebschéestraße finden wir von einem Grün den Weg ins nächste. Wer mag, kann sich von dort aus links halten und noch südlich einen Abstecher zum Flaucher machen, wir gehen aber rechts, also nördlich in Richtung Rosengarten.

Isarauen - Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen

Die Isarauen (6) sind übrigens Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen. Es gibt dort gehölzfreie Wiesenflächen im Hochwasserbett, magere und trockene Standorte an den Dämmen, artenreiche Gehölzsäume, an feuchte Verhältnisse angepasste, auwaldartige Bestände und durch Buchen geprägte Wälder der Hangleiten, an denen immer wieder Hangquellen zutage treten. Hier findet man, wenn man lange verweilt, zum Beispiel Wasseramseln. Dafür geht man am besten in die Bereiche, in denen das Wasser besonders sauber und beispielsweise durch kleine Abstürze auch besonders sauerstoffreich ist. In den Wäldern der Isarauen kommen sogar Orchideen vor.

Idyllisch in den Isarauen.
Idyllisch in den Isarauen. © Emily Engels

Unser letzter Halt, bevor es wieder Richtung Candidplatz geht, ist der Rosengarten (7). Schon seit 1955 erproben die Stadtgärtner hier nicht nur altbekannte, sondern auch neue Rosenarten. Ob sie das Münchner Klima vertragen, müssen die Pflanzen erst einmal zeigen. Sind sie robust genug, pflanzen sie die Gärtner in großen Stückzahlen in die städtischen Blumenbeete ein.

Direkt neben den schönen Rosen wird es gefährlich! Im Giftgarten wachsen Oleander, Tollkirsche, Eibe oder Goldregen.

Wir lassen, wie das Baureferat auch empfiehlt, die Finger von den Giftpflanzen und beenden unseren Spaziergang, indem wir im Duftgarten noch ein bisserl das natürliche Parfüm von Vanilleblumen, Jasmin oder Engelstrompete genießen. Verlässt man den Rosengarten, ist man wenig später wieder mitten im Großstadt-Geschehen.

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