München-Sendling: 300 Mieter am Harras zwischen Hoffen und Bangen

Weil ein Investor ihre Wohnanlage kaufen und umbauen will, fürchten 300 Mieter um ihre Bleibe. Jetzt pocht die Stadt auf ihr Vorkaufsrecht.
von  Irene Kleber
Die Sendlinger Wohnungen zwischen Plinganser- und Karwendelstraße: Hier will die Stadt ihr Vorkaufsrecht nutzen.
Die Sendlinger Wohnungen zwischen Plinganser- und Karwendelstraße: Hier will die Stadt ihr Vorkaufsrecht nutzen. © Daniel von Loeper

München-Sendling - Und wieder bangen einige hundert Mieter um ihre Wohnungen: Die Sendlinger 1960er-Jahre Siedlung mit knapp 300 Wohnungen hinter der Harras-Post - die gehört zu einem Fonds mit deutschlandweit 3.700 Wohnungen - will der dänische Pensionsfonds "PFA" kaufen.

Damit stehen den angestammten Mietern aller Wahrscheinlichkeit nach saftige Mieterhöhungen ins Haus. Etliche ältere Bewohner leben schon seit 40 Jahren hier – und fürchten nun auch Kündigungen. Ihre große Hoffnung ist nun, dass die Stadt München ihr Vorkaufsrecht nutzt, dem Investor die Wohnanlage wegschnappt und die Mieter schützt.

Möglich wäre das, weil das 2,8 Hektar große Areal mit mehreren Blöcken (teilweise neunstöckig) zwischen Plinganser-, Karwendel- und Dudenstraße mitten in einem Erhaltungssatzungsgebiet liegt. Hier sind angestammte Mieter besonders geschützt. Wer hier Häuser kaufen will, darf beispielsweise nicht luxussanieren oder die Mietwohnungen einzeln in Eigentum umwandeln.

Kommunalsprecherin: "Wir loten alle rechtlichen Möglichkeiten aus"

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und auch die Stadtrats-CSU mit Bürgermeister Josef Schmid sind klar für diese Lösung. Noch ist allerdings unklar, ob rechtlich hier ein Vorkaufs-Fall möglich ist, das städtische Kommunal- und das Planungsreferat prüfen dies seit Mitte August. Kommunalsprecherin Birgit Unterhuber: "Wir loten alle rechtlichen Möglichkeiten aus."

Auf dem Areal gibt es eine Baugenehmigung, die Aufstockungen und eine Nachverdichtung für fast doppelt so viel Wohnfläche erlaubt: Der dänische Investor plant offenbar, 200 neue Apartments zu bauen, dazu eine Kita und Gewerbeflächen. Auch sollen die bestehenden Wohnblöcke ein Stockwerk mehr bekommen.

Die Lagerhallen und Handwerksbetriebe, die hinter der Post auf der Nordseite der Siedlung lagen, sind bereits abgerissen, weitere Gebäude um die Wohnblöcke herum sollen für einen neuen Riegel-Bau auch noch fallen. Vor gut vier Jahren war die Siedlung schon einmal verkauft worden – damals an die Kapitalanlagegesellschaft Industria, die nun die Wohnungen versilbern will.

Schon damals war die Aufregung in der Mieterschaft groß. Auch die Nachverdichtungspläne mit der Aussicht auf eine jahrelange Baustelle mit Lärm und Dreck rund um die Wohnungen hatten die Mieter besorgt. So schnell werden sie wohl noch nicht zur Ruhe kommen.

Stadt München hat 2017 rund 540 Wohnungen geschützt

Jedes Jahr werden in München im Schnitt 2.000 bis 3.000 Immobilien verkauft. Liegt eine Immobilie in einem Stadtviertel mit "Erhaltungssatzung" (die die angestammte Bewohnerschaft schützen soll), informiert der Notar das städtische Kommunalreferat.

Die Stadt kann dann ihr Vorkaufsrecht ausüben – oder der Käufer unterschreibt eine sogenannte "Abwendungserklärung", die die Mieter schützt. 36 solcher Fälle mit rund 540 betroffenen Wohnungen gab es 2017. In keinem dieser Fälle hat die Stadt am Ende gekauft, erklärt das Kommunalreferat – denn alle Käufer haben die Mieterschutz-Erklärung unterschrieben.

Das könnte sich allerdings künftig ändern, denn seit 1. Juli 2018 hat die Stadt die Abwendungsregeln für die Käufer verschärft. Die Rechtsabteilung prüft jährlich für rund 100 Immobilien, ob ein Vorkauf möglich ist. Aktuell gibt es sechs laufende "Abwendungsfälle".