Sommer vor 70 Jahren - Die Straße, ein Spielplatz

Frühe Jahre im Westend: AZ-Leserin Lissy Pawelka über ihre unbeschwerte Kindheit in der Nachkriegszeit.
von  Lissy Pawelka
Viel hat die Jugend in der Nachkriegszeit nicht gehabt, aber eine Gaudi ab und an trotzdem: Mädchen 1947 beim Spielen auf der Straße.
Viel hat die Jugend in der Nachkriegszeit nicht gehabt, aber eine Gaudi ab und an trotzdem: Mädchen 1947 beim Spielen auf der Straße. © Imago/az

Meine Erinnerungen an die Jahre ab 1947 sind fast durchwegs freundlicher Natur. Ich bin Jahrgang 1943 und heiße Lieselotte, benannt nach der von meiner Mutter sehr geliebten Schauspielerin Lieselotte Pulver. Wir, meine Mutter und ich, wohnen damals im Münchner Westend, Straubinger Straße, bei einem Redakteur des Münchner Merkur.

Wir haben nur ein Zimmer, und die kinderlose Frau des Redakteurs passt auf mich auf. Gleich nach dem Frühstück renne ich auf die Straße, wo schon eine Menge anderer Kinder auf mich warten. Thilo, der älteste, etwa 13 oder 14 Jahre alt, hat das Kommando über die Gruppe. Er teilt ein, wer beim „Völkerball“ welche Rolle einnimmt. Wir gehorchen ihm alle. Und dann geht es los: Wir geben unser Bestes, stets angefeuert von Thilo: „Hey Hans, du musst schneller rennen, Berta, springen, springen!“

 

Nur selten stört ein Auto das Spiel der Mädchen und Buben

 

Draußen lässt es sich gut spielen, nur etwa jede Stunde einmal kommt ein Auto, dem wir mit Gejohle hinterherlaufen. Nach dem Spiel erhalten wir von Thilo Lob oder Tadel, beides nehmen wir sehr ernst.

Und dann beginnt die „Schatzsuche“. Meist entdecken wir irgendetwas, was andere Leute weggeworfen haben: Obstkerne, Zigarettenstummel, Kaugummis. Die Pfirsichkerne sind sehr begehrt: Wir klopfen sie mit Steinen auf und essen den inneren weichen Kern. Eine Delikatesse!

Die großen Buben, die schon sieben oder acht Jahre alt sind, raufen sich um Zigarettenstummel. Manchmal bringen sie die aber auch zu Herrn Huber, der im Keller eine Flickschusterei betreibt und – wenn er gut gelaunt ist – die Stummel in Bonbons um-tauscht. Stummel, die noch Tabak enthalten, dröselt er auf und dreht sich damit eine neue Zigarette.

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Wer einen alten Kaugummi findet, steinhart und schmutzig, steckt ihn ganz schnell in den Mund, damit es niemand merkt. Sonst wird man gleich von den anderen bedrängt: „Lass mich auch mal!“ Ein Riesenglück ist für uns, wenn ein „Ami-Jeep“ in unsere Straße kommt. Mit einem Kriegsgeheul wird der umzingelt, und die freundlich grinsenden GIs werden so lange angebettelt, bis sie uns frische Kaugummis und manchmal auch Schokolade schenken. Das ist ein unvorstellbares Glück.

So mit fünf, sechs Jahren darf ich dann schon ganz allein Milch holen in einem kleinen Geschäft in unserer Straße. Die Herausforderung besteht darin, die mit Milch gefüllte Kanne so im Kreis nach oben zu schwingen, dass auch nicht ein Tropfen davon verloren geht.

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Ich bringe es darin tatsächlich zu einer grandiosen Meisterschaft, die von allen gebührend gewürdigt wird. Im Hausflur trinke ich heimlich von der Köstlichkeit. Tante Irmgard, so nenne ich unsere Vermieterin, merkt es immer und tadelt mich mit sanften Worten: „Lieselotte, du musst einmal ein anständiger Mensch werden. Versprich mir jetzt, dass du das nicht mehr machst! Sieh mich an!“ Ich verspreche es, und am nächsten Tag trinke ich wieder aus der Kanne.

Einmal in der Woche kommt ein Fuhrwerk, das Holz, Kohle und Briketts anliefert. Wir drängen uns um den gutmütigen Braunen, streicheln sein Fell, lassen uns von der warmen Luft seiner Nüstern anblasen. Einige klauen etwas vom Wagen und bringen die Beute schnell in Sicherheit. Der Kutscher merkt es, flucht: „Saubande, verreckte, eich wenn i dawisch...“ Aber er erwischt nie jemanden.

 

Toben mit den anderen Kindern – auch mal etwas zu laut

 

So verbringen wir den Tag im Freien mit „Fangsterl“ und Verstecken, die Buben spielen Fußball, wir Mädchen „Ball an die Wand“. Stundenlang donnern wir die Bälle an die Hauswand. Die Anwohner in Parterre, die den Krach und das Geschrei besonders mitkriegen, versuchen vergeblich, uns zu verscheuchen. Keine Chance, nicht mal mit Wasser, das über uns gekippt wird. Dann spielen wir eben nass weiter – was für ein Spaß!

Manchmal durchdringt Geheul die Straße. Fast täglich fällt ein Kind hin und verletzt sich: Knie, Ellenbogen, viele reißen sich die Kuppe der großen Zehe auf beim Barfußlaufen. Oder sie treten in Glasscherben. Sofort ist der Leidende umringt. Und je nachdem, wie viel Blut fließt, gibt es mitfühlende Kommentare: „Spinnt da Beppi, ja do varreckst, leck mich...“

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Doch wehe, einer der Väter taucht auf und entdeckt seinen weinenden Filius. „Wennst jetzt net glei aufherst mit deim Geflenn, dann fangst oane“, heißt es dann. Oft genug schafft es der Kleine nicht sofort aufzuhören und wird ordentlich gewatscht. Meist gibt es später – hinter dem Rücken des strengen Herrn Papa – einen Löffel Honig von der liebevollen Mama oder „a Fünferl“, womit er sich ein Tütchen Brausepulver kaufen kann. Das schüttet er sich in die Handfläche, und reihum darf jeder von uns mal schlecken.

Ich krieg allerdings jedes Mal eine Gänsehaut bei solchen Strafaktionen und bin heilfroh, dass ich keinen Papa hab. Meine Mutter ist nämlich alleinerziehend, „a Flietschn“, wie man damals Frauen nannte, die uneheliche Kinder hatten.

Die Kommunikation mit den Müttern verläuft lautstark. Die Kinder brüllen so lange „Mama“, bis sich endlich das Fenster öffnet. „I hob Hunga.“ Kurze Zeit später wird ein eingewickeltes Butter- oder Margarinebrot auf die Straße geworfen. Mittags und abends rufen wiederum die Mütter mit beachtlicher Penetranz nach ihrem Nachwuchs, wenn das Essen fertig ist.

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Meine Tante Irmgard verweigert sich dieser Art der Kontaktaufnahme: „Kind, wenn du etwas möchtest, kommst du bitte nach oben. Und zum Essen hast du zu Hause zu sein, wenn die Glocken läuten. Das ist 12 Uhr und 18 Uhr. Solltest du nicht pünktlich sein, weiß ich nicht, ob noch etwas da ist für dich“. Da ich aber jedes Mal einen Bärenhunger habe, will ich das nicht riskieren, und bin – bis auf wenige Ausnahmen – immer pünktlich.

Thilo, unser Anführer, ist ein unverzichtbarer Helfer, wenn es darum geht, Fahrrad fahren zu lernen. Niemand von uns hat ein Kinderfahrrad, deshalb versuchen wir, mit einem großen Rad zu fahren. Thilo hat heimlich das Fahrrad unserer Nachbarin aus dem Keller nach oben getragen. Ich kann nur im Stehen fahren, weil meine Füße sonst nicht bis zu den Pedalen reichen. Thilo hält mich am Gepäckträger fest, und ich strample, so gut ich kann. Doch dann werde ich zu schnell, Thilo verliert den Gepäckträger und ich lande auf der Straße.

 

Die Nachbarin findet nie heraus, wer ihr Fahrrad verbeult hat

 

Nase und Knie bluten, aber ich steige wieder auf. Diesmal geht es besser und nach etwa einer Woche schaffe ich es im Zickzack die ganze Straubinger Straße entlang. Ich bin übersät mit blauen Flecken aber wahnsinnig stolz. Das Fahrrad ist ziemlich verbeult und hat einen Achter. Gott sei Dank hat die Nachbarin nie herausgefunden, wer ihr Fahrrad so zugerichtet hat.

Aus einem Parterrefenster hören wir seit einiger Zeit schaurige Laute. Wir gruseln uns – und entwickeln kühne Theorien: Da drin ist ein Raubtier und frisst gerade einen Menschen. Als wir es unseren Eltern erzählen, werden die ganz ernst und erklären uns, das sei eine krebskranke Frau, die würde bald sterben, und sie würde so schreien vor Schmerzen. Seitdem sitzen wir ganz andächtig unter diesem Fenster. Ob wir diese Frau mal sehen würden? Und wie ist das wohl mit dem Sterben?

Eng aneinander gekuschelt philosophieren wir, ob die Frau dann auch so starr daliegen würde wie die tote Katze, die wir kürzlich auf einer Wiese gefunden hatten. Nachts träume ich, dass die Frau mit der Katze tanzt. Und sie schreit kein bisschen mehr. Ich erzähle allen meinen Traum Und wir fühlen uns getröstet.

 

Erinnerungen von Zeitzeugen

 

Über den Neuanfang nach dem Krieg, über die ersten zaghaften Schritte der Stadt in das neue demokratische Zeitalter im Sommer vor 70 Jahren berichtet die AZ-Serie „Harte Jahre“.

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