Schwarzfahren soll 120 Euro kosten!

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen will die Strafe auf 60 Euro erhöhen. Wiederholungstäter sollen sogar 120 Euro zahlen. Die MVG unterstützt den Plan.
von  Julia Lenders / Timo Lokoschat
"Ihren Fahrschein bitte!“ Diese Kontrolleurin schaut sich das Ticket ganz genau an.
"Ihren Fahrschein bitte!“ Diese Kontrolleurin schaut sich das Ticket ganz genau an. © imago

MÜNCHEN - Wer ohne Fahrschein erwischt wird, soll künftig härter bestraft werden. Schwarzfahrer müssen möglicherweise bald 60 statt wie bisher 40 Euro bezahlen. Von Wiederholungstäter würden dann sogar bis zu 120 Euro verlangt. So will es der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Der forderte den Bund und die Länder jetzt zu einer gemeinsamen Initiative gegen Schwarzfahrer auf. Die AZ beantwortet die wichtigsten Fragen rund um das Thema.


 Was sagen die Münchner Verkehrsbetriebe dazu?

Die Münchner Verkehrsgesellschaft unterstützt die Forderung nach einem saftigeren „erhöhten Beförderungsentgelt“. MVG-Chef Herbert König ist immerhin VDV-Vizepräsident. Er sagt: „Ziel ist, die Abschreckungswirkung zu erhöhen und zu verdeutlichen, dass es sich beim Schwarzfahren keineswegs um ein Kavaliersdelikt handelt.“

Auch der Aufwand für die Kontrolle und die Abwicklung der Beanstandungen sei gestiegen. Die Bahn, als Betreiber der Münchner S-Bahn, wünscht sich ebenfalls eine Anhebung des Strafgelds. „40 Euro sind heute keine Abschreckung mehr“, meint MVV-Sprecherin Beate Brennauer.


 

Wie viele Schwarzfahrer gibt es?

Bei der MVG – also in Münchner U-Bahnen, Bussen und Trambahnen – liegt die Zahl der Schwarzfahrer seit Jahren im Bereich von zwei bis drei Prozent. „In jüngerer Zeit mit leicht steigender Tendenz“, heißt es dort. Die genaue Zahl will die MVG übrigens nicht herausrücken – um keinen Hinweis auf die Kontrolldichte zu geben.

Die S-Bahn-München verzeichnet nach eigenen Angaben eine Quote von rund 1,5 Prozent. Damit sind die Münchner Fahrgäste offenbar einen Tick braver als im Schnitt. Denn der VDV beklagt bundesweit rund 3,5 Prozent Passagiere ohne Ticket.

 


 

 

Welcher Schaden entsteht den Verkehrsunternehmen?

Die MVG beziffert den Einnahmenausfall mit einer Größenordnung von gut zehn Millionen Euro pro Jahr. Auch die S-Bahn spricht von einem „Schaden in Millionenhöhe“. Der VDV liefert wieder die bundesweite Zahl dazu: Demnach entgehen den deutschen Nahverkehrsunternehmen pro Jahr insgesamt 250 Millionen Euro, weil Fahrgäste sich das Ticket sparen.

 

 

 


 

Was kosten die Kontrollen?

Mehr, als sie einbringen. „Die Kosten des Kontrolldienstes und des Nachbearbeitungsbedarfs werden zum größeren Teil, aber nicht vollständig durch die Einnahmen aus dem erhöhten Beförderungsentgelts gedeckt“, heißt es von der MVG. „Das Delta zahlen die ehrlichen Fahrgäste.“ Über den Fahrpreis – wie sonst.

Weniger zu kontrollieren sei aber auch keine Lösung: „Dann nimmt die Zahl der Schwarzfahrer zu.“

 


 

Wer entscheidet, ob Ticketsünder mehr blechen?

Die Umsetzung liegt nicht in den Händen des VDV oder einzelner Verkehrsbetriebe. Das „erhöhte Beförderungsentgelt“ ist eine bundeseinheitliche Regelung, die zwischen Bundesverkehrsministerium und den Ländern abgestimmt und vom Bundesrat beschlossen wird.

 

 


 

Wie sind die Erfolgsaussichten?

Schon vor einigen Jahren gab es einen (erfolglosen) Vorstoß, Ticketsünder härter zu bestrafen. „Aber jetzt sehen wir andere Rahmenbedingungen“, erklärt Lars Wagner vom VDV. Die Zahl der Schwarzfahrer nehme zu. „Und durch Facebook und Co sind wir in eine neue Qualität des Schwarzfahrens vorgedrungen“. Dort wird vor Kontrollen gewarnt (AZ berichtete). Die letzte Erhöhung gab’s übrigens 2003 – seither kostet ein Verstoß 40 statt 30 Euro.

 


 

Selber schuld - Timo Lokoschat, AZ-Lokalvize, über höhere Strafen für Schwarzfahrer

Zuerst ein Geständnis: Ja, ich bin auch schon mal schwarzgefahren! Und wurde erwischt. Peinlich war’s – aber ich habe es sportlich genommen. Ohne Diskussion, ohne Beleidigung, ohne Fluchtversuch. Habe wortlos meinen Personalausweis überreicht und mich meinem Schicksal ergeben. Es ist nun einmal so: Wer schwarzfährt, erschleicht sich eine Beförderungsleistung – und zwar auf Kosten der Allgemeinheit. Das mag Amtsdeutsch klingen, ist aber die Wahrheit.

Würden sich ab heute alle ein Ticket kaufen, könnte die MVG – zumindest theoretisch – auf einen Schlag die Preise senken. Machen würde sie es wohl nicht, schon klar. Trotzdem ist Schwarzfahren asozial. Lächerlich, dass manche es zum legitimen Protest gegen womöglich überhöhte Fahrpreise heroisieren.

Wenn sich Rentner oder sozial Schwache den Fahrpreis nicht leisten können, ist das tatsächlich traurig, aber kein Grund, ohne Ticket einzusteigen. Dieser Logik folgend müsste man auch über „Gratiseinkäufe“ hinwegsehen.

Eine Bitte aber, liebe MVG: Wenn bald 60 und 120 Euro fällig werden – könnte man das Geld nicht vielleicht in die Qualifikation des manchmal etwas schaurig wirkenden Kontrollpersonals investieren? Schließlich sind auch Menschen ohne Ticket Menschen mit Würde.