Oktoberfest 2017: Beim Security Point Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen

Im "Security Point" auf dem Festgelände finden weibliche Gäste in Not Hilfe. Mitarbeiterin Anja Bawidamann zeigt potenziell gefährliche Situationen.
von  Nina Job
Schee war’s, heim geht’s. Frauen sollten sich immer vorher überlegen, wie sie nach Hause kommen.
Schee war’s, heim geht’s. Frauen sollten sich immer vorher überlegen, wie sie nach Hause kommen. © Bernd Wackerbauer

München - Angefangen hat alles abseits auf einem Parkplatz neben dem Festgelände. In einem unscheinbaren Wohnwagen gründeten engagierte Frauen von den Organisationen Anyma, Imma und dem Frauennotruf vor 14 Jahren eine Anlaufstelle für Wiesnbesucherinnen, die unangenehme Erfahrungen gemacht hatten: Mit Männern, die sie – enthemmt durch Alkohol – begrapscht, sexuell beleidigt oder sogar vergewaltigt hatten.

Männer dürfen die Schutzräume nicht betreten

28 Mädchen und junge Frauen nahmen damals die Hilfsangebote in dem Wohnwagen dankbar an. Mittlerweile kommen durchschnittlich 200 Frauen pro Oktoberfest. Der "Security Point Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen" ist längst zu einem festen Bestandteil auf dem Oktoberfest geworden.

Untergebracht ist er im Behördenhof hinter dem Schottenhamel-Festzelt neben der Polizei. Männer dürfen die Schutzräume nicht betreten, wo sich bis zu zwölf von insgesamt 47 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen um hilflose, orientierungslose und traumatisierte Frauen kümmern.

Am Montag stellten die Helfer ihre Halbzeit-Bilanz vor: 116 Frauen suchten im Security Point Trost, Unterstützung und Hilfe. Stärkster Tag war der letzte Samstag mit 54 Klientinnen. Mit Abstand am häufigsten (66 Prozent) brauchten die Frauen Hilfe, weil sie ihre Begleiter verloren hatten – häufig waren auch noch Handy, Geld und die Adresse der Unterkunft weg. "Touristinnen, und das sind mit Abstand die meisten, die zu uns kommen, können dann schnell völlig verzweifeln", sagt Anja Bawidamann.

In diesen Fällen ist Detektivarbeit gefragt: Mal kontaktieren die Helfer Freundinnen über Facebook, mal telefonieren sie in die USA oder rufen alle in Frage kommenden Unterkünfte im Landkreis an. Oberste Priorität ist stets, dass die Frauen gut nach Hause bzw. in eine sichere Unterkunft kommen.

Die dunkle Seite der Wiesn

Eine dunkle Seite der Wiesn ist, dass es alljährlich auch zu körperlicher oder sexueller Gewalt kommt. In diesem Jahr gab es bislang sechs Frauen, denen dies widerfahren ist und die im Security Point Hilfe suchten. In vier Fällen wurde der (Ex-)Partner gewalttätig, einmal ein Fremder. Auch in einem Festzelt kam es zu sexueller Gewalt.

Längst nicht alle solcher Straftaten tauchen in Statistiken auf. Anja Bawidamann (26): "Laut einer Studie des Bundesverbandes der Frauenberatungsstellen und -notrufe werden höchstens zehn Prozent der Sexualstraftaten angezeigt."

Auf dem Oktoberfest mit seiner sexuell aufgeladenen Flirt-Atmosphäre und viel Alkoholkonsum kann es schneller zu Grenzüberschreitungen kommen. "Auch bei Tätern, die der Frau nicht ganz fremd sind, kann es plötzlich kippen", sagt Bawidamann. Bei einem Rundgang zeigte sie der AZ typische Situationen, in denen es für eine Frau gefährlich werden kann.


Obacht aufs Getränk

Eine überaus brutale Vergewaltigung wurde erst zwei Monate nach der Wiesn 2016 bekannt. Eine 23-Jährige hatte auf dem Oktoberfest und im Wiesnclub gefeiert. Ein Mann kippte ihr vermutlich K.o.-Tropfen ins Glas, anschließend brachte er sie in ein Haus nach Egmating, wo er und ein Bekannter die Frau vergewaltigten. Anja Bawidamann: "Behalten Sie Ihr Glas immer im Blick. Im Zweifel lassen Sie es lieber stehen!"

Volles Zelt – alle(s) weg

Es ist eine typische Situation, die viele Touristinnen unterschätzen: Die Wiesnbesucherin möchte nur mal schnell aus dem Zelt, um frische Luft zu schnappen oder auf die Toilette zu gehen – und denkt, mit ihrem Bändchen kommt sie jederzeit wieder hinein. Ihre Tasche mit dem Handy, Geldbeutel und der Adresse ihrer Unterkunft lässt sie zurück.

Das böse Erwachen kommt bei der Rückkehr: Das Zelt ist inzwischen wegen Überfüllung geschlossen. Von einer Minute auf die andere ist die Frau hilflos. Sie kann die anderen nicht erreichen und auch nicht allein zurück zur Unterkunft, da sie weder Geld noch die Adresse hat. Sie kennt niemanden, ist in München fremd. Täglich kommen Touristinnen in solch eine Situation.

Inzwischen ist der Security Point so bekannt, dass Bedienungen, Standlbetreiber und Securitys den Weg dorthin zeigen oder anrufen und um Hilfe bitten. Anja Bawidamann rät: "Wenn Sie zu mehreren unterwegs sind, vereinbaren sie für den Fall der Fälle einen festen Treffpunkt. Zum Beispiel immer zur vollen Stunde am Riesenrad."

Allein mit einem Fremden

Im Gedränge verliert man schon mal leicht seine Freundinnen oder Freunde. Wenn plötzlich alle in ein begehrtes Fahrgeschäft drängen, kann es leicht passieren, dass plötzlich jemand Fremdes neben einem sitzt. "Wir hatten letztes Jahr einen Fall, bei dem sich ein Mann zu einer Frau in die Gondel im Riesenrad gesetzt hat und sie dann sexuell belästigt hat", berichtete Anja Bawidamann. Die junge Frau fühlte sich ihrem Peiniger völlig ausgeliefert – bis das Riesenrad endlich wieder anhielt und sie aussteigen konnte. Anja Bawidamann rät: "Bleiben Sie zusammen. Bleiben Sie nicht allein mit einem Fremden im Fahrgeschäft."

Und wie komme ich jetzt heim?

Eine potenziell gefährliche Situation für Frauen ist der Heimweg. "Es gibt Täter, die am Ausgang gezielt Ausschau nach Frauen halten, die alleine unterwegs sind und hilflos wirken", warnt Anja Bawidamann (26). "Solche Männer bieten dann an, die Frau nach Hause zu begleiten. Sie nutzen die Situation aus."

Unterwegs, wenn beide allein sind, kann es dann zu sexuellen Übergriffen kommen. Anja Bawidamann rät: "Überlegen Sie sich immer bereits vor dem Besuch des Oktoberfestes, wie Sie nach Hause kommen!" Wenn eine Frau gar nicht mehr weiß, wie es heim geht oder wo das Zuhause oder die Unterkunft ist, hilft das Team von der „Sicheren Wiesn“ weiter. Die Helfer haben einen eigenen Fahrdienst und arbeiten mit Isarfunk zusammen. Lässt sich nachts nicht mehr klären, wo Touristinnen wohnten, werden sie zur Inneren Mission im Hauptbahnhof gebracht

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