Nymphenburger Straße in München: Verlobter klagt nach tödlichem Unfall

Führerscheinabgabe ab 75 Jahren: Das fordert der Verlobte einer jungen Frau († 25), die beim Unfall auf der Nymphenburger Straße getötet worden ist. Der Verursacher ist 86. Eine Bestandsaufnahme.
von  Nina Job
Die Wucht des Aufpralls ist so gewaltig, dass 15 Autos gegeneinander geschleudert werden. Ruza († 25) erleidet in ihrem weißen Fiesta tödliche Verletzungen. Im August wollten sie und ihr Verlobter Niko S. heiraten und eine Familie gründen.
Die Wucht des Aufpralls ist so gewaltig, dass 15 Autos gegeneinander geschleudert werden. Ruza († 25) erleidet in ihrem weißen Fiesta tödliche Verletzungen. Im August wollten sie und ihr Verlobter Niko S. heiraten und eine Familie gründen. © Thomas Gaulke/privat/AZ

München - Es vergeht kein Tag, an dem er nicht an sie denkt. Kaum eine Stunde, in der er ihr Gesicht nicht vor sich sieht. Ruza († 25) war die Liebe seines Lebens, seine Traumfrau. "Wir waren füreinander gemacht", sagt Niko S.

Der 26-Jährige spricht ruhig, wählt seine Worte mit Bedacht. Aus jedem Satz spricht seine tiefe Trauer. Schon am ersten Tag, an dem Ruza und er sich begegneten, sind sie ein Paar geworden. Jetzt, im Januar, hatten sie geplant zusammenzuziehen. Im August wollten sie heiraten und dann bald eine eigene Familie gründen. "Jedes Mal, wenn ich kleine Kinder sehe, denke ich daran, wie sehr wir uns darauf gefreut hatten."

Die Lebenspläne von Niko S. und all seine Träume wurden am 14. Oktober 2016 zerstört.

An jenem Tag, einem Freitag, kurz vor 16 Uhr, wurde Ruza V. bei einem Unfall auf der Nymphenburger Straße in München getötet. Ein 86-jähriger Rentner fuhr ungebremst auf ihren Kleinwagen.

Kurz vor dem Unfall hat er seiner Liebsten eine Nachricht geschickt

Die Fachangestellte kam von der Arbeit im Strafjustizzentrum, wollte in ihrem weißen Ford Fiesta in ihre kleine Wohnung nach Untermenzing fahren. Sie freute sich aufs Wochenende. Am Abend wollte sie sich mit Niko treffen. Für Samstag um 8 Uhr planten sie, zusammen nach Mailand zu fahren. Es sollte eine kleine Spritztour werden. Ruza saß erst ein paar Minuten im Auto, als sich kurz vor der Landshuter Allee vor einer roten Ampel der Feierabendverkehr staute. Sie bremste, blieb stehen. Sekunden später krachte von hinten ein silberner E-Klasse-Mercedes ungebremst und mit hohem Tempo auf ihren Fiesta.

Am Steuer: Franz B., ein 86-jähriger, ehemaliger Taxifahrer. Neben ihm saß seine gleichaltrige Frau. Auch das Ehepaar war auf dem Weg nach Hause. Die Wucht des Aufpralls war so gewaltig, dass insgesamt 15 Autos gegeneinander schleuderten oder sich ineinander verkeilten. Acht Menschen wurden verletzt. Ruza V. traf es am schlimmsten. Ihr Fiesta wurde fast auf die Hälfte seiner ursprünglichen Größe zusammengestaucht. Die junge Frau erlitt schwerste Kopfverletzungen.

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Niko S. war nur etwa zwei Kilometer entfernt, als die Frau seines Lebens starb. "Ich weiß auch nicht, was mich an dem Nachmittag in eine Parallelstraße ganz in der Nähe geführt hat." Zehn Minuten vor dem Unfall hatte er ihr noch eine Whatsapp-Nachricht geschickt. Doch Ruza konnte sie nicht mehr lesen und beantworten. Niko S. wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie nie mehr antworten würde.

"Ich habe mich gewundert, dass sie sich nicht gemeldet hat. Wir waren ja verabredet. Dann bekam ich eine Nachricht von einer Freundin, ob ich wüsste, wo Ruza ist." Niko S. war sofort tief beunruhigt. "Sie hat sich ja immer gemeldet." Er konnte nicht wissen, dass zwei Polizisten als Ersthelfer vergeblich versucht hatten, seine Freundin wiederzubeleben. Dass Ruza tot war.

Als ob Niko S. eine Ahnung hatte, dass etwas Furchtbares passiert war, fuhr er zu seiner Freundin nach Hause. Er klingelte, klopfte und hämmerte schließlich an ihre Wohnungstür. "Ich dachte, vielleicht hat sie Kopfschmerzen und geht deshalb nicht ans Telefon." Doch die Wohnung war leer. Niko S. klingelte beim Nachbarn, aber auch dieser wusste nichts.

"Es war der schlimmste Tag in meinem Leben"

Schließlich fuhr der Freund zu Ruzas Schwester. "Sie kam mir weinend entgegen." Sie hatte im Internet von einem Unfall auf der Nymphenburger Straße gelesen, bei dem die junge Fahrerin eines weißen Ford Fiesta gestorben war.

Gemeinsam fuhren sie zur Polizeiinspektion in die Puchheimer Straße. "Ich habe gehofft, gebetet, gebangt", erinnert sich Niko S. Auf dem Revier erfuhren sie die entsetzliche Wahrheit. "Es war der schlimmste Tag in meinem Leben", sagt Niko S. "Ich werde noch lange damit zu kämpfen haben."

Warum hatte der Rentner nicht gebremst? Hat er Gas und Bremse des Automatikwagens verwechselt? Litt er unter einer akuten oder chronischen Erkrankung? All diese Fragen sind auch drei Monate später noch nicht beantwortet.

Die Staatsanwaltschaft hat ein unfallanalytisches und ein rechtsmedizinisches Gutachten in Auftrag gegeben. Beide sind noch nicht fertig. Bei der Polizei gab der Unfallverursacher an, er könne sich an nichts erinnern. "Über Vorerkrankungen oder akute Erkrankungen des Mannes ist uns noch nichts bekannt", sagt Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl zur AZ.

Ruzas Familie, Niko S. und den engen Freunden von Ruza V. ist der Rentner bis heute eine Erklärung schuldig geblieben. "Er hat sich nie entschuldigt. Ich finde das respektlos, unverschämt und herzlos", sagt Niko S.

Niko S. hat den Unfallfahrer in dessen Haus aufgesucht

Er wollte mit dem 86-Jährigen sprechen, fuhr zu ihm und klingelte. "Ich wollte ihm nichts tun, ich wollte ihn nur damit konfrontieren, was er uns angetan hat", sagt Niko S. Im Treppenhaus mit einigem Abstand sprach er ihn an. Doch der Rentner erklärte ihm nichts, er hatte offenbar Angst vor ihm. "Er hat nur eine abwertende Handgeste gemacht und ,Ach, komm!’ gesagt", erinnert sich Niko S.

Anschließend verständigte der Mann die Polizei. Die Beamten forderten Niko S. auf, nicht mehr zu dem Todesfahrer zu gehen.

Ruza V. hätte nicht sterben müssen, ihr Tod hätte so einfach vermieden werden können, ist sich Niko S. sicher. "Für mich haben die Behörden und der Gesetzgeber versagt. Ich verstehe nicht, warum Rentner ab einem bestimmten Lebensalter nicht alle ein bis zwei Jahre ihre Fahrtüchtigkeit überprüfen lassen müssen. In der Schweiz ist der Führerschein bis zum 70. Lebensjahr befristet. Danach wird er erst nach ärztlicher Untersuchung alle zwei Jahre verlängert. Und bei uns müssen sich auch Lkw-Fahrer ab dem 50. Lebensjahr testen lassen. Ich verstehe die Logik nicht." Für Niko S. trägt auch die Familie des Todesfahrers eine Mitverantwortung. "Warum hat ihn niemand aufgefordert, mit dem Fahren aufzuhören?" Damit der Tod seiner Verlobten nicht gänzlich sinnlos war, fordert Niko S. eine Gesetzesänderung. "Wer ab 65 nicht regelmäßig zum Gesundheits- und Fahr-Check geht, muss seinen Führerschein abgeben. Und ab 75 sollte man seine Fahrerlaubnis grundsätzlich abgeben!"

Franz B. hat seinen Führerschein kurz nach der tödlichen Massenkarambolage freiwillig abgegeben. Zu spät – für Ruza und alle, die sie liebten, Niko S.: "Sie fehlt mir jeden Tag – als Frau und als Freundin."