MVV: Schon bald mit Shuttlebussen an den Kochelsee?

MVV-Chef Bernd Rosenbusch warnt vor leeren Kassen beim ÖPNV - und will trotzdem das Angebot ausweiten. Zum Beispiel, indem er Münchner per Bus in die Berge bringt.
von  Sophie Anfang
Da hält jemand aber direkt auf die Bushaltestelle bei Kochel zu. Viele fahren jedoch gerade seit Corona wieder verstärkt mit dem eigenen Auto in die Berge. Der MVV-Chef findet, man sollte in diesem Bereich Bus und Zug stärken.
Da hält jemand aber direkt auf die Bushaltestelle bei Kochel zu. Viele fahren jedoch gerade seit Corona wieder verstärkt mit dem eigenen Auto in die Berge. Der MVV-Chef findet, man sollte in diesem Bereich Bus und Zug stärken. © Peter Kneffel/dpa

München - Eigentlich, sagt Bernd Rosenbusch, Chef des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV), lief alles "hervorragend" vor einem Jahr, im Januar 2020. Die große Tarifreform war gerade geschafft. Die Zahl der Aboverträge war um knapp sechs Prozent gestiegen. Dann kam, man weiß es, Corona. Und damit die Sorge um die finanzielle Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs.

Wegen Pandemie: Einnahmen beim MVV stark eingebrochen

Im ersten Lockdown im Frühjahr stiegen gerade mal 20 Prozent der sonst üblichen Fahrgäste in U-Bahn, Bus, Tram und S-Bahn. Zumindest den Sommer über war man wieder bei 75 Prozent - bis eben wieder ein Lockdown die Fahrgastzahlen drückte. Insgesamt gingen die Einnahmen beim MVV um 40 Prozent zurück, ein Minus von 380 Millionen Euro.

90 Prozent davon übernahmen zwar Bund und Freistaat im Rahmen eines Rettungsschirms. Über eine Neuauflage dieses Schirms für 2021 wird gerade diskutiert. Und es bräuchte ihn auch dringend, mahnt Rosenbusch. "Wir fahren weiter fast volles Programm." Und das bei Fahrgastzahlen "im Sinkflug".

Den Rotstift ansetzen? Ginge nur, indem man Fahrzeuge verkauft. Und das will ja auch niemand - schließlich soll der Takt ja weiter so dicht bleiben, dass Fahrgäste sich nicht in weniger Bussen drängeln müssen. "Wir sehen ein großes Risiko, dass die Finanzierung des ÖPNV nicht mehr gesichert ist", warnt Rosenbusch. Vor allem dann, wenn die zahlenden Fahrgäste nicht zurückkommen. Auf Dauer würde Steuergeld allein nicht reichen.

Mit "sehr hoher Sicherheit kein hohes Ansteckungsrisiko" in ÖPNV

Freilich, vielen ist mulmig bei dem Gedanken, wieder in die Öffentlichen zu steigen. Rosenbusch will beruhigen. Inzwischen gebe es 23 Studien zu Infektionen in Bus und Bahn. "Wir können sagen, dass wir mit sehr hoher Sicherheit kein hohes Ansteckungsrisiko bergen." Erst kürzlich habe man zeigen können, dass in den MVV-Bussen die Luft durch die Lüftungssysteme innerhalb von zwei Minuten komplett ausgetauscht werde. Und zwar bei geschlossenen Türen. In S-Bahnen sei das ähnlich. "Das ist fast wie draußen sitzen."

Anzeige per App: Wie voll ist der Bus?

Trotzdem, richtig gerne sitzt niemand im übervollen Bus. Deshalb soll künftig in der MVV-App angezeigt werden, wie ausgelastet die Busse sind. Noch im ersten Quartal dieses Jahres soll das eingeführt werden. Rosenbusch: "Unser Ziel ist, dass der Kunde sehen kann, wie voll es ist - und zwar nicht in Echtzeit."

Nicht in Echtzeit? Rosenbusch erklärt das so: "Wenn ich in Perlach in den Bus steige, ist dieser leer." Aber das helfe ja nichts, wenn drei Stationen später eine Traube von Menschen einsteigt.

Deshalb setzt der MVV auf Prognosen zum Fahrgastaufkommen - zunächst für die Buslinien. Schon jetzt sind in 54 Bussen auf 34 der Regionalbuslinien Sensoren angebracht, die Fahrgäste zählen. Mit deren Hilfe sollen die Prognosen genauer werden. In Zukunft soll es möglich sein, diese Prognosen mit Wetterdaten "zu verschneiden", damit die Kunden nachsehen können, ob es sich lohnt, noch zehn Minuten auf den nächsten Bus zu warten. Für S-Bahn, U-Bahn, Tram und MVG-Busse gibt's das System leider noch nicht.

Von München Direktbus in die Berge

Schon vor Corona war der Münchner mit seinem Bewegungsdrang im Voralpenland für so manchen Oberländer ein ziemliches Reizthema. Corona und der Lockdown haben diesen Groll noch verschärft. Bernd Rosenbusch glaubt, dass der ÖPNV hier einen Ausgleich schaffen kann. Denn verhindern könne man es eh nicht, dass der Münchner rausfährt: "der will natürlich ins Umland" und habe leider eine Tendenz, "einfach geradeaus in den Süden" zu fahren. Und nur sehr selten zum Erholen in den Norden der Stadt.

Zusammen mit den Landkreisen arbeite man gerade verschiedene Ideen aus. Vorstellbar sei Einiges: zum einen Direktbusse von der Stadt in die Berge. Die Stadtrats-SPD hatte diese Idee schon im vergangenen Sommer, die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) winkte später dankend ab. Kein Wunder, sagt Rosenbusch: "Mit einem MVG-Bus wollen Sie nicht über die Autobahn fahren." Aber mit Überlandbussen könne das durchaus funktionieren: "Und die würde die MVG auch fahren, wenn sie welche hätte."

Park&Ride-Parkplätze an den Autobahnausfahrten schaffen

Variante B: Die Busanschlüsse an den Zughaltestellen verbessern. Und zwar mit einem Fahrplan im Vier-Stunden-Takt. Rosenbusch kann sich auch vorstellen an den Endhaltestellen der BOB, die inzwischen Bayerische Regionalbahn heißt, Ausleihmöglichkeiten für Mountainbikes zu schaffen. Die könne man dann vorher reservieren und dort abholen, anstatt sie im engen Zug mitzunehmen.

Eine andere Möglichkeit: Park&Ride-Parkplätze an den Autobahnausfahrten schaffen. Zum Beispiel an der Ausfahrt Kochel. Zum See selbst könne man dann mit dem Shuttlebus weiterfahren. In Starnberg könne man am Wochenende an der B2 Gewerbeparkplätze nutzen, zum See ginge es dann ebenfalls per Bus. Wer mit dem Auto in Ufernähe parken wolle, müsse hingegen zahlen.

Ein Ticket nach Tölz

Ein Problem bleibt: Die Tarifgebiete rund um München bleiben weiter zerstückelt. "Wenn Sie heute an den Spitzingsee wollen, brauchen Sie drei Fahrkarten, das ist die Höchststrafe", sagt Rosenbusch. Bis sich das ändert dauert's noch, aber man sei dran, so der MVV-Chef. Ende 2023 könnten die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Miesbach, Weilheim-Schongau Ost, Rosenheim Stadt und Landkreis Teil des MVV werden. Für Landsberg am Lech, Weilheim-Schongau West, Mühldorf und Landshut (Stadt und Landkreis) könnte es Ende 2024 soweit sein. Für Wanderer wiederum interessant: Garmisch-Partenkirchen könnte man, wenn alles glatt läuft, ab Dezember 2025 mit seinem MVV-Ticket anfahren.

Keine Tarifdiskussion, dafür Handy-Tickets

Trotz aller Geldsorgen wegen fehlender Fahrgäste sei man "gerade nicht in einer Tarifdiskussion", so Rosenbusch. Vom Preishammer bleiben die Münchner also vielleicht verschont - zumindest heuer. Dafür arbeitet der MVV weiter an neuartigen, elektronischen Tarifen: dem Check-In-System per App. Das funktioniert so: Steigt man in Bus und Bahn, wischt man auf seinem Handy nach rechts, steigt man aus, nach links. Eine Software errechnet dann automatisch den günstigsten Tarif. Reisende kennen Ähnliches aus London.

Seit Oktober 2020 testen 5.000 Pilotkunden, wie es funktioniert. Zwei Jahre wird die Testphase dauern. Im November und Dezember 2020 seien bereits 8.000 Fahrten mit diesem System abgerechnet worden. "Wir suchen noch Testkunden", so Rosenbusch, "vor allem im Landkreis." Und zwar auch während der Pandemie.