Münchner Jura-Studenten fordern Umbenennung von Nazi-Lektüre

Der "Palandt" ist das Standardwerk für junge Juristen. Doch an der LMU wehren sie sich – denn er ist nach einem NS-Ideologen benannt.
von  Lisa Marie Albrecht
Luzia Ferenschild ist Teil des "Arbeitskreises Kritischer Jurist*innen".
Luzia Ferenschild ist Teil des "Arbeitskreises Kritischer Jurist*innen". © privat

Der "Palandt" ist das Standardwerk für junge Juristen. Doch an der LMU wehren sie sich – denn er ist nach einem NS-Ideologen benannt.

München - Luzia Ferenschild reicht es. Die 23-Jährige studiert an der LMU Jura im achten Fachsemester – und kommt ebenso wie ihre Kommilitonen nicht um ein Buch herum. Der Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), ein Wälzer von mehr als 3.200 Seiten, ist das Standardwerk für Rechtswissenschaftler.

2300 Seiten mit NS-Namen

Benannt ist er nach seinem Herausgeber Otto Palandt. Unter angehenden Juristen ist das Werk nur als der "Palandt" bekannt – und genau das will Ferenschild gemeinsam mit ihrer Studierendengruppe Arbeitskreis Kritischer Jurist*innen (AKJ*) München ändern.

Denn: Der Rechtswissenschaftler Otto Palandt war ein hochrangiger Nationalsozialist, der die Juristenausbildung im Sinne der NS-Ideologie reformierte.

Deshalb möchte die Gruppe, die sich vor einem Jahr gegründet hat, ein größeres Bewusstsein für die Herkunft des Standardwerks schaffen und erreichen, dass der BGB-Kommentar umbenannt wird. "Eine Aufarbeitung hat bisher praktisch nicht stattgefunden", sagt Ferenschild der AZ. "Manche Professoren sprechen das Problem kurz zu Beginn des Studiums an – aber viel mehr ist da nicht an kritischer Reflexion."

Luzia Ferenschild ist Teil des "Arbeitskreises Kritischer Jurist*innen".
Luzia Ferenschild ist Teil des "Arbeitskreises Kritischer Jurist*innen". © privat

Alternativer Umschlag

Der AKJ* hat dazu bereits eine Aktion gestartet: Mit Genehmigung der juristischen Fakultät versah er die Exemplare des Kommentars in der Zivilrechtsbibliothek mit einem alternativen Umschlag. Auf diesem wird statt Palandt Otto Liebmann als Herausgeber genannt. Liebmann war jüdischer Verleger und musste seinen eigenen Verlag nach der "Machtergreifung" der Nazis verkaufen. Der AKJ* schlägt ihn deshalb als neuen Namensgeber vor und will damit die Erinnerungskultur von den Tätern auf die Opfer lenken.

Doch die Studenten stoßen laut Ferenschild nicht bei allen auf offene Ohren. Es gebe auch negatives Feedback der Kommilitonen, meist verbunden mit der Frage, ob eine Umbenennung wirklich nötig sei. "Ich finde das schade", sagt Ferenschild. "Es ist wichtig, Recht auch immer politisch zu hinterfragen." Vielleicht sei es auch ein bisschen dem Studium geschuldet. "Nach wie vor studieren viele konservative Menschen Jura."

Der "Arbeitskreis Kritischer Jurist*innen" hat dem "Palandt" neue Umschläge verpasst. Darauf steht der Name des jüdischen Verlegers Otto Liebmann.
Der "Arbeitskreis Kritischer Jurist*innen" hat dem "Palandt" neue Umschläge verpasst. Darauf steht der Name des jüdischen Verlegers Otto Liebmann. © privat

Initiative "Palandt Umbenennen"

Herausgegeben wird das Standardwerk vom Münchner C.H. Beck Verlag. Dass dieser am Namensgeber festhält, ist für die Gruppe unverständlich. Der Verlag argumentiert, der Name "Palandt" habe sich längst von der Person Otto Palandt gelöst. Zudem halte man an dem Titel fest, damit die Geschichte der Entstehung des Werks präsent bleibe. So steht es auch in dem Hinweistext im Buch, den es seit 2017 gibt.

Zwischen den beiden Argumenten sieht der AKJ* aber einen inhaltlichen Widerspruch und moniert, man setze so einem Täter ein Denkmal. Und er ist nicht allein: Auch die Juristeninitiative "Palandt Umbenennen" (IPU) macht sich für eine Namensänderung stark. Sie hat eine Petition ins Leben gerufen, die mehr als 2.600 Unterzeichner hat (Stand: 1. März 2020).

Gemeinsam hoffen sie, dass der Druck wächst – und sich die neue Juristengeneration nicht mehr mit der bisherigen Geschichtsaufarbeitung zufrieden gibt.

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