Marienhof - der traurigste Platz Münchens

Am Marienhof schlug einst das Herz der Stadt. Von der Zerstörung im Krieg hat sich das Areal in Bestlage nie mehr erholt.
von  Katrin Kuntz
Schätze beim Buddeln für die zweite Röhre - die jetzt doch nicht kommt.
Schätze beim Buddeln für die zweite Röhre - die jetzt doch nicht kommt. © Petra Schramek

Beim Bau eines neuen Bahnhofs sollte es hier keine Wutbürger geben. Deshalb haben sie die 38 chinesischen Schnurbäume ausgegraben, aufgeladen und zu einer Baumschule nach Allach gekarrt. Danach haben sie ein 5200 Quadratmeter großes Loch ausgehoben, das nach der wahrscheinlich gescheiterten Finanzierung der zweiten S-Bahn-Stammstrecke wohl bald wieder zugeschüttet wird.

Frevel, brüllen die einen. Fortschritt, halten die anderen dagegen. Der Ort, an dem die Argumente der Gegner und Befürworter des Tunnel-Baus aufeinanderprallen, ist ein Platz, an dem sich seit jeher die Geister scheiden. Er liegt im Herzen der Stadt, es ist seit langem Münchens traurigster Platz. Nun liegen die S-Bahn-Pläne in Trümmern. Und der Marienhof gleich dazu.

Das ist, so gesehen, nichts Neues: Die Geschichte des Platzes ist eine Geschichte des Verfalls, des Unentschiedenen und auch die einer maßlosen Verkennung. Abenteuerspielplatz und versenkte urbane Schönheit – das ist der Marienhof heute nur noch für Archäologen.

Die Bamberger Wissenschaftler, die zurzeit dort graben, haben Keramikgefäße aus dem Mittelalter entdeckt, Reste des öffentlichen „Schrammenbades" aus dem 14. Jahrhundert und verziertes Glas aus Italien. Auch Steine einer Synagoge, die nach der Vertreibung der Juden in die sogenannte „Gruftkirche" umgewandelt wurde, liegen dort. „An einer der ältesten Stellen der Stadt zu graben", sagt Grabungsleiter Günther Regele vom ReVe Büro für Archäologie in Bamberg, „das ist wissenschaftlich unbedingt ein Gewinn."

Dort, wo heute Schutt liegt, pulsierte früher das Herz der Stadt. Der größte Teil des fußballfeldgroßen Marienhofs liegt innerhalb des ältesten Stadtkerns aus dem 12. Jahrhundert, weiter am nördlichen Rand hatte man die Stadt im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert erweitert. Die Stadtbefestigung lief quer von Ost nach West zwischen der ehemaligen Gruft- und der Schrammerstraße entlang.

Regele und seine Kollegen haben auch ein Kaffeeservice gefunden und eine Registrierkasse, sie stammt wohl aus dem „Café zur Schönen Münchnerin", das vor dem Zweiten Weltkrieg noch in der Dienerstraße stand. Auch die Keller der Gebäude, die im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört wurden, haben die Archäologen freigelegt. Bevor es im Dezember 1944 Bomben hagelte, standen auf dem Marienhof dicht gedrängt die Häuser, es gab Einzelhandelsgeschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien in den unteren Geschossen und Wohnungen in den oberen Stockwerken.

Auch das Luxushotel „Englischer Hof", das zuletzt „Hotel Posch" hieß, prägte bis zu seiner Schließung 1927 das Gesicht des Marienhofes. In seinem Inneren wurde einst der Deutsche Alpenverein gegründet und auch die Münchner Börse hatte dort schon Räume bezogen. Nach der Zerstörung des Viertels blieben die Trümmer jahrelang liegen. Da man auch nach dem Abräumen nichts mehr aufgebaut hat, gab es plötzlich einen freien Platz. Was man damit machen sollte? Das wusste niemand so recht.

Es war die Geburt eines Provisoriums. Kaum waren die Steine abgeräumt, kamen daher die Autofahrer. In den 60er und 70er Jahren fanden sie auf dem Marienhof 400 Stellplätze. Der alte Stadtkern, ein Parkplatz? Das durfte nicht alles gewesen sein. Zwischen 1974 und 1991 ließ man also mal einen Weihnachtsmarkt stattfinden, mal ein Weinfest, einige wollten eine Bücherei hinstellen, einen Kinderspielplatz oder einen Biergarten, sogar die alte Schrannenhalle als Wintergarten-Café dort wiederauferstehen, inmitten eines „Kultur-Lustplatzes".

Die Vorstellungen darüber, was eine Stadt ist, wie sie in ihrer Mitte auszusehen hat und wie nicht, gingen weit auseinander. Es gab Ideenwettbewerbe, Diskussionen und ungezählte Pläne von Architekten, Stadtplanern und Kreativen, die alle wieder in der Schublade verschwanden. Der damalige Star-Architekt Alexander von Branca, der später die Neue Pinakothek baute, hatte den ersten Planungswettbewerb der Stadt gewonnen.

„Es sollte eine intime Bebauung werden, ohne Kleinlichkeit, im Maßstab der Innenstadt, ein Ruheplatz mit Blick auf die Türme des Domes und mit Sonne von Morgen bis Nachmittag", so Branca. Umgesetzt wurde seine Idee nie. Neue Bewegung gab es 1987, als die Architekten Stephan Braunfels und Klaus Barth einen weiteren Wettbewerb gewannen. Sie planten einen Glaspalast mit Kreuzgangmotiv, filigrane Arkaden, einen Duftgarten, insgesamt mehr Grün als Grau.

„Eine Oase der Ruhe", sagt Braunfels. Der Platz hätte endlich wieder ein Gesicht bekommen. Passiert ist - nichts. Der Grund? Finanzierungsprobleme. Die Schnurbäumchen aber wurden gepflanzt. Immerhin, sagt Braunfels. Nun sind sie weg und Braunfels ist wütend. Er spricht von einer „jahrzehntelangen Katastrophe", von „wildem Chaos" und davon, dass die Bäume trotz allem hinüber seien. Mit dem Ausgraben der Bäume habe man Fakten schaffen wollen, falls Olympia kommt. Ärgerlich sei das vor allem für den Münchner Bürger, der im Sommer so schön auf der Wiese liegen konnte.

Doch mehr als den Spaziergänger fürchtet OB Christian Ude (SPD) den Münchner S-Bahn-Fahrgast. Der könnte irgendwann zum Wutbürger werden, glaubt er. Wenn nichts passiert – unter der Oberfläche.