Interview

Eine Japanerin in München: Liebe "auf den ersten Blick"

Satomi Suzuki lebt seit 1995 in München und hat sich bewusst für diese Stadt entschieden. Im Gespräch mit der AZ erzählt sie, warum sie München so liebt und nicht mehr weg will.
von  Hüseyin Ince
Satomi Suzuki mit ihrem Hund Akira im Hofgarten. Hier geht sie fast täglich spazieren, macht eine Schleife durch den Englischen Garten und zurück: 90 Minuten.
Satomi Suzuki mit ihrem Hund Akira im Hofgarten. Hier geht sie fast täglich spazieren, macht eine Schleife durch den Englischen Garten und zurück: 90 Minuten. © Bernd Wackerbauer

München - Wer Satomi Suzuki mal getroffen hat, der weiß, dass wenige Menschen optimistischer und energievoller sind als sie. Die Münchnerin mit japanischen Wurzeln ist eine umtriebige Geschäftsfrau, hat immer ein Auge für das Schöne sowie Wertvolle und lässt sich auch von Corona nicht unterkriegen. Mit der AZ spricht sie im Hofgarten über Kirschblüten, Lederhosen - und was eigentlich Suzuki bedeutet.

AZ: Frau Suzuki, Ihr Mann Lars ist Stuttgarter. Wie sind Sie damals eigentlich in München gelandet, als Sie aus Japan eingewandert sind?
SATOMI SUZUKI: Lars und ich, wir haben uns in Japan kennengelernt, arbeiteten für die gleiche Firma. Und als wir uns 1994 entschlossen haben, in Deutschland zu leben, sind wir tatsächlich erst einmal in Stuttgart gelandet. Aber ich komme aus Tokio, da war mir Stuttgart doch zu klein.

Satomi Suzuki: München ist "international und traditionell"

Dann haben Sie Ihre Koffer gepackt und sind einfach nach München?
Nicht ganz. Ich musste zum japanischen Generalkonsulat hier in München, um meinen Reisepass zu verlängern. Und dann war es geschehen.

Sie haben sich in die Stadt verliebt?
Auf den ersten Blick. Wir packten unsere Koffer, hatten in München keine Arbeit, keine Freunde und sind 1995 hierhergezogen.

Was gefiel Ihnen so sehr?
Es fühlte sich sofort international an. Und trotzdem traditionsbewusst. Das war mir als Japanerin sehr wichtig. Und vor allem habe ich mich in das Oktoberfest verliebt. Es begeistert mich bis heute. Ich kann es kaum erwarten, dass es wieder stattfindet.

Warum?
Na, weil es genau das verbindet: Tradition und Internationalität. Nicht nur die Münchner ziehen Dirndl und Lederhosen an. Sogar die Oktoberfestbesucher aus fernen Ländern. Und dann feiern alle zusammen. Ich habe mehrere Dirndl - und ein Lieblingsdirndl, das ich mir aus Kimono-Stoff nähen ließ. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl auf dem Oktoberfest ist unbeschreiblich schön. Das erinnerte mich beim ersten Mal 1994 sofort an ein japanisches Fest.

Münchner Oktoberfest erinnert an japanisches Fest Bon Odori

Da bin ich jetzt neugierig. Wie heißt es?
Bon Odori - ein Sommerfest, bei dem alle Yukata tragen. Ein Yukata ist ein Alltags-Kimono. Den ziehen alle an. Und dann feiern und tanzen wir gemeinsam. Ein bisschen Alkohol ist auch dabei, japanisches Bier und Sake.

Gibt es eigentlich ein Oktoberfest in Japan?
Ja, in Yokohama, aber es ist viel kleiner. Trotzdem sehr gesellig, mit deutschem Bier und deutschen Musikkapellen. Hat aber auch nicht stattgefunden - wegen Corona.

Sie haben zwei Töchter im Alter von 23 und 21 Jahren. Sind sie auch so begeistert von München?
Nicht so sehr wie ich. Die Ältere studiert in Jena Kommunikationswissenschaften und möchte unbedingt mal in Berlin leben. Die große, weite Hauptstadt muss es wohl sein für sie. Die zweite Tochter möchte lieber nach Neuseeland oder Tokio.

Sie sind in Tokio groß geworden und leben seit fast drei Jahrzehnten in München. Wenn Sie sich entscheiden müssten: Tokio oder München?
Ich hoffe, das muss ich nie. Es sind zwei komplett unterschiedliche Städte. Geschäftlich pendle ich ohnehin oft. Erst während der Pandemie habe ich sechs Monate in Tokio verbracht, um mein dortiges Unternehmen "Satomi Suzuki Tokyo" wegen Corona umzustrukturieren. Beide Orte haben ihren Reiz. Aber ich möchte eigentlich dauerhaft in München leben, weil ich mich schon sehr an den Lifestyle hier gewöhnt habe.

"10.000 Euro Miete pro Monat - das war uns einfach zu viel"

Fallen Sie als Japanerin, die schon so lange in Deutschland lebt, auf, wenn Sie in Tokio sind?
Total. Die Frauen dort, aus meiner Generation, werden irgendwann sehr konservativ. Sie tragen zum Beispiel keine bunten Farben mehr so wie ich. Diese Haltung dort finde ich etwas langweilig und nicht gut. Allein das lässt mich schon stark auffallen.

Sie sind also nach wie vor sehr modebewusst?
Absolut. Meine High-Heels-Liebe wird mir auch für immer bleiben. Aber ich übertreibe es damit nicht. In Tokio habe ich etwa 30 Paar, in München ungefähr 50. Wie Sie vielleicht wissen, gibt es ja Frauen mit Hunderten Paaren.

In München hatten Sie zuletzt bis 2019 einen Laden in der Neuturmstraße namens Shu Shu. Was haben sie dort verkauft?
Hochwertige japanische Luxus-Designerware, direkt aus Japan importiert. Made in Japan. Oft Einzelstücke.

Was war das teuerste Stück, das Sie dort je verkauft haben?

(blickt einige Sekunden in den weißblauen Himmel des Hofgartens) Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, es war eine Teekanne aus Blattkupfer, handgefertigt, braun-gold glänzend, für etwa 2.200 Euro.

Was gab es noch?
Viel für den Haushalt. Goldenes Besteck etwa, das spülmaschinenfest gewesen ist. Das ist selten. Wir verkauften häufig Gegenstände, bei denen wir uns vorstellen konnten, dass sie auch mal weitervererbt werden könnten.

Wollten Sie denn Shu Shu nicht mehr weiterführen?
Doch, wir haben nach dem Abriss der Parkgarage, wo wir mit Shu Shu im Erdgeschoss waren, Alternativen gesucht. Aber in der Stadt hätten wir unter 10.000 Euro Miete pro Monat keine Verkaufsfläche gefunden. Das war viel zu teuer. Und dann kam Corona. Im Moment verkaufen wir deshalb nur noch über unseren Online-Shop.

Satomi Suzuki vertreibt japanisches Bier in Bayern

Was machen Sie derzeit dann hauptsächlich?
Mein Hauptgeschäft ist der Messestandbau für japanische Firmen, vom Design bis zum Stand. Darum kümmere ich mich. Das Unternehmen gibt es schon seit 1995, es heißt Sa:Su Network GmbH. Ich hoffe, dass es ab Herbst wieder anläuft. Durch Corona und ausgefallene Messen sind meine Umsätze natürlich stark eingebrochen. Auch bei der IAA Frankfurt, die ja jetzt nach München kommt, hatte ich jedes Jahr Aufträge.

Kennt man Ihre Kunden?
Viele von ihnen sind unbekannt, weil sie sich nicht an Endverbraucher, sondern an Unternehmen richten. Wie zum Beispiel ein japanischer Kugellagerhersteller: JTEKT.

Und passend zum Oktoberfest: Sie vertreiben jetzt auch japanisches Bier, sehe ich auf Ihrer Visitenkarte.
Das war totaler Zufall. Seit zwei Jahren bin ich die Hauptvertreterin der japanischen Biermarke Kirin Ichiban in Bayern. Eigentlich hatte ich dort angefragt, ob mich die Marke bei einem Messeprojekt sponsern möchte. So ergab sich das langfristig.

Wie schmeckt denn Kirin?
Es ist ein Premium Lagerbier mit einem milden Malzaroma und passt sehr gut zu japanischem Essen. Beim Brauen wird nur die erste Malz-Maische verwendet, was einzigartig ist. Es wird übrigens nach deutschem Reinheitsgebot in der Freisinger Brauerei Weihenstephan hergestellt.

"Der Hofgarten ist eine Oase mitten in der Stadt. Ein Ort der Ruhe"

Sie entwickeln auch weiterhin Produkte. Was ist Ihre neueste Erfindung?
Ein Kartenspiel für alle, die Japanisch lernen möchten. Es heißt MoshiMoshi. Bedeutet auf Japanisch so etwas wie "Pronto" auf Italienisch oder "Hallo?" auf Deutsch.

Und wie funktioniert das?
Es ist ein Memory-Spiel. Von jeder Karte gibt es zwei. Sie müssen das richtige Paar aufdecken und lernen nebenbei japanische Wort-Doppelungen. Davon gibt es sehr viele. Die Japaner merken das gar nicht. Es war aber das Allererste, was meinem Mann Lars in Japan aufgefallen ist.

Ein weiteres Beispiel?
FuwaFuwa.

Heißt?
Weich oder schwammig.

Wo ist das Spiel entstanden?
Wenn solche Produkte entstehen, sind wir meistens in unserem Büro an der Ledererstraße.

Gehen Sie hier im Hofgarten oft spazieren? Ist ja ziemlich nah an Ihrem Büro.
Fast täglich - mit meinem Hund Akira. Sie braucht nach einer schweren OP viel Bewegung, und sie schwimmt auch sehr gerne. Deswegen gehe ich auch eine Schleife durch den Englischen Garten, damit sie dort ins Wasser springen kann.

Was gefällt Ihnen hier so gut?
Der Hofgarten ist ein Ort der Ruhe, eine Oase. Und das mitten in der Stadt. Der Garten ist immer so exakt gepflegt und bunt mit all den Blumen. Ich finde das immer sehr schön und sehr entspannend.

Gibt es weitere Orte in München, an denen Sie gerne Zeit verbringen?
Früher, vor der Baustelle, war ich sehr gerne auf der Wiese am Marienhof. Eigentlich war das kein besonderer Platz, aber auch dort konnte ich mich sehr gut vom Alltag entspannen. Ich hoffe, dass nach der Baustelle dieser Ort wieder ähnlich schön hergestellt wird.

Haben Sie früher dort eine Decke ausgebreitet und sich darauf gesetzt?
Nein. Ich sitze eigentlich selten, bin immer rastlos in Bewegung. Als selbstständige Geschäftsfrau habe ich keine Ruhe dafür. Ich bin tagsüber nicht der Entspannungsmensch.

Hat Corona irgendetwas daran verändert?
Corona hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Privat und geschäftlich musste ich vieles ändern, mich teilweise umorientieren. Persönlich hat mich eher der Tod meines Schwiegervaters verändert. Ich konzentriere mich seitdem vielmehr auf das Wesentliche, konsumiere nicht mehr so viel. Früher ging ich häufig shoppen, das ist jetzt nicht mehr so. Aber ich kenne auch Menschen, die durch Corona mehr Arbeit haben und geschäftlich profitiert haben. Die IT-Branche ist so ein Beispiel. Aber es geht nicht um Neid. Das ist nicht gut. Ich konzentriere mich auf mich selbst und meine Familie. So entstand auch das Kartenspiel.

Was wird sich geschäftlich für Sie ändern?
Früher habe ich immer daran gedacht, japanische Produkte in Deutschland verfügbar zu machen. Und zuletzt dachte ich mir: warum eigentlich nicht auch umgekehrt, bei den ganzen Kontakten, die ich habe? Daher bin ich gerade in Gesprächen mit einer deutschen Kosmetikfirma, die ihre Produkte in Japan anbieten möchte.

Immer weitermachen also? Ist das ein Motto von Ihnen?
Das ist auf jeden Fall wichtig. Aber wichtiger ist es, glaube ich, etwas zurückzugeben, nicht nur zu nehmen. Meine deutsche Firma wurde durch Corona-Überbrückungshilfen gerettet. Und jetzt möchte ich meinen Beitrag dazu leisten, dass vielleicht einige deutsche Firmen in Japan Geschäfte machen können. Und im September starten die Messen wieder. Ich hoffe, bald wird alles wieder gut, wie früher.

"Suzu ist die Glocke. Ki bedeutet Baum. Suzuki heißt Glockenbaum"

Ach ja, was ich mich die ganze Zeit gefragt habe, wegen Ihres Nachnamens: Haben Sie irgendetwas mit der berühmten japanischen Marke zu tun?
Nein. Der Nachname kommt häufig vor. Eigentlich wollte ich ja den Namen meines Mannes annehmen. Aber als Japanerin kann ich ihn kaum aussprechen, das ist für mich richtig schwierig: Gruhl! L und R werden im Japanischen gleich ausgesprochen.

Und hat Suzuki eigentlich eine Bedeutung?
Ja, Suzu bedeutet Glocke und ki Baum. Also Glockenbaum.