AZ-Historie: Vor 50 Jahren erreichte München der Terror

Schießerei auf dem Flughafen in Riem, Brandanschlag auf das jüdische Altenheim – vor 50 Jahren eskaliert die Lage in München komplett.
von  Karl Stankiewitz
1970: Trauerfeier auf dem Jüdischen Friedhof vor den Särgen mit den Opfern des Attentats auf dem Flughafen Riem und des Brandanschlags auf das Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde.
1970: Trauerfeier auf dem Jüdischen Friedhof vor den Särgen mit den Opfern des Attentats auf dem Flughafen Riem und des Brandanschlags auf das Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde. © Ullstein

München - Die "Weltstadt mit Herz" fiebert Weltspielen des Sports entgegen. Doch in mehreren Regionen brennt es lichterloh: Krieg der Ideologien in Vietnam, Kambodscha, Nigeria, in Uganda putscht der verrückte Idi Amin, in den USA werden Demonstranten erschossen, in Brasilien und Guatemala deutsche Botschafter von der Guerilla entführt, in Chile kommt die linke Volksfront (vorübergehend) an die Macht und im Nahen Osten treibt der Konflikt zwischen Arabern und Israelis wieder einem Höhepunkt zu.

In der dynamischen Olympiastadt, die rivalisierende Ostemigranten seit 1945 beherbergt und seit 1960 Ströme von Gastarbeitern aufnimmt, werden die globalen, explosiven Ereignisse wie in einem Brennspiegel fokussiert. Obendrein bieten die zuerst nur studentisch bewegten Unruhen seit Ende 1967 einen Nährboden für Umdenken von Grund auf und für Umbruch in Teilen der Gesellschaft.

70er Jahre: Verweigerung und Rebellion erreichen Kunstfront

Als Korrespondent auswärtiger Zeitungen befinde ich mich im Fadenkreuz so mancher Macher, die auf Publicity durchaus Wert legen. Etliche kamen von weither, andere aus der bayerischen Provinz.

So werde ich in diesem ersten Jahr des neuen Jahrzehnts zu Hause von zwei Künstlern aufgesucht, mit denen ich heute noch freundschaftlich verbunden bin: Der geniale Glasgestalter Erwin Eisch berichtet mir von seiner Bürgerinitiative gegen einen Großgrundbesitzer, der seiner Gemeinde Frauenau das Trinkwasser verwehren will.

Und der Schwabinger HA Schult erzählt mir, wie er (als einer der ersten) die andrängenden Umweltprobleme zur Kunst macht (deshalb nennt er sich Macher, nicht Maler) und eine Deutschlandtour plant.

Ja, Verweigerung und Rebellion haben auch die Kunstfront erreicht, was natürlich auf Widerstand stößt. Das Kultusministerium schließt die bedeutende Kunstakademie, weil sie Studierende provokant bemalt haben, und entzieht Ende Juli 1970 einer vom privaten Kunstverein aus Schweden übernommenen Provo-Schau "Verändert die Welt!" die nötigen Zuschüsse. Natürlich werde ich aber auch durch neue politische und philosophische Ideen bombardiert.

Eines Tages sucht mich ein 30-jähriger Bartjünger aus Bamberg auf, um mich in oberfränkischer Mundart und per Pamphlet über seine "subversive Aktion" zu informieren. Der Volksaufklärer heißt Dieter Kunzelmann.

München: Erstmals werden Flugzeugentführungen Mittel des Terrors

Bald wird er Chefdenker der heute hoch eingeordneten Künstlergruppe "Spur" (der anfangs auch Eisch angehörte), gründet in West-Berlin zusammen mit Fritz Teufel die "Kommune I" sowie die ganz bösen "Schwarzen Ratten". Von "Bullen" verfolgt, setzt er sich nach Jordanien ab, wo er sich zum Terroristen und Antisemiten wandelt. In Münchner Gerichten werde ich ihn wiedersehen – ebenso wie den Politclown Teufel und den als Idealist kläglich gescheiterten Studentenführer Rolf Pohle. Schluss mit lustig.

Inzwischen ist nämlich Terror angesagt. Mir wird eine Untergrundschrift zugespielt: ein aus dem Portugiesischen übersetzter Text des Brasilianers Carlo Marighella vom Juni 1969. Dieser predigt den bewaffneten Kampf als "Stadtguerillero". Bis auf die Logistik genau werden da erläutert: Mobilität, Informationsbeschaffung, Überraschungstaktik, Banküberfälle, Waffenumleitung, Eindringen in feindliche Objekte, Entführung, Befreiung Gefangener, physische Beseitigung von Führern. Erstmals werden Flugzeugentführungen als Teil des bewaffneten Kampfes beschrieben.

Dem schlecht gedruckten Papier, das ich wiederfand, entnehme ich einen entscheidenden Satz: "Auf den Terrorismus als Waffe kann der Revolutionär niemals verzichten."

Zwar geht es dem untergetauchten KP-Abgeordneten Marighella allein um den Sturz der Militärdiktaturen in Lateinamerika (in Chile gelingt das, bis zum US-geförderten Gegenschlag, auf demokratischem Weg). Im Westen Deutschlands und Berlins jedoch wird das illegale Machwerk des Brasilianers zur Bibel der Revolution – so wie das Pamphlet "Was tun‘?", das Lenin 1902 im Münchner Exil verfasst hat.

Vielen bietet es nun Träume. Für einige Aktivisten wird es zum Handbuch des Terrors, nicht zuletzt für die blutrote RAF des blutjungen Andreas Baader, der in München wegen Gewalttätigkeit vom Maximiliansgymnasium flog. Noch lange – und noch über Gräber toter Terroristen hinweg – werden sie mit erhobener Faust unübersetzt die Parole knurren: "La luta continua" – der Kampf geht weiter.

13. Februar 1970: Der Anschlag in der Reichenbachstraße

10. Februar 1970: Die zerstörte Transithalle am Flughafen in Riem.
10. Februar 1970: Die zerstörte Transithalle am Flughafen in Riem. © imago

Der internationale bewaffnete Kampf beginnt am 10. Februar 1970 in Riem. Bei der Zwischenlandung einer El-Al-Maschine stürmen drei Palästinenser in den Transitraum. Dort treiben sie alle jüdischen Passagiere ins Flugzeug zurück, um es nach Libyen zu entführen oder zu sprengen. Als sich die Israelis zur Wehr setzen, werfen sie zwei Handgranaten. Dadurch wird die mutige Arie Katzenstein getötet. Der Pilot Uriel Cohen und elf weitere Passagiere werden schwer verletzt. Die Attentäter werden festgenommen. Vor Gericht bekennen sie sich zwar zur Tat, werden aber im September aus Deutschland abgeschoben, ohne weiter strafverfolgt zu werden.

10. Februar 1970: Einer der Terroristen nach seiner Festnahme in Riem.
10. Februar 1970: Einer der Terroristen nach seiner Festnahme in Riem. © imago

Der Kampf geht weiter: Am frühen Abend des 13. Februar 1970 brennt das Alters- und Gästeheim der israelitischen Kultusgemeinde in der Reichenbachstraße (die AZ hat zum Jahrestag groß daran erinnert). Als das Feuer kurz nach 23 Uhr gelöscht ist, melde ich meinen Redaktionen: "Rauch liegt immer noch, wie in einer Bombennacht des Krieges, über dem Vergnügungsviertel am Gärtnerplatz." Acht ältere Menschen, darunter zwei KZ-Überlebende, verlieren durch den Anschlag ihr Leben. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) besucht die vielen Verletzten im Krankenhaus. Dort liegen auch noch der israelische Pilot und zehn weitere Opfer des vorigen Blutbades.

Am 17. Februar 1970 in München verhaftet: Die arabischen Terroristen Abdel-Hey (26), George William (31) und Haddi Hassa (29).
Am 17. Februar 1970 in München verhaftet: Die arabischen Terroristen Abdel-Hey (26), George William (31) und Haddi Hassa (29). © imago

Am 17. Februar scheitert auf dem Münchner Flughafen ein weiterer Anschlag, den zwei Jordanier und ein Ägypter in einem jugoslawischen Flugzeug mit tschechischen Waffen versuchen. Einer Stewardess ist das Handgepäck der schnurrbärtigen Fluggäste aufgefallen. Bei ihnen findet man nicht nur tschechische Feuerwaffen, sondern auch englische Texte, die sie an Bord als "Selbstmordeinheit" verlesen und an ihre Auftraggeber in Bagdad melden sollen. Sie gehören, wie auch die ersten Attentäter, zur extremistischen "Action Organisation for Liberation of Palestine".

Bayerischer Staat reagiert: 117 Objekte werden geschützt

Der Generalbundesanwalt übernimmt. Am 22. Februar trifft der israelische Außenminister Abba Eban in München ein. Im Zusammenhang mit der Brandstiftung werden nunmehr 117 Objekte in Bayern geschützt. Die Sonderkommission wird um 80 Beamte verstärkt. Außer der Erkenntnis, dass die explodierten Handgranaten russischer Herkunft waren, kann kein konkreter Tatbeweis ermittelt werden. 2017 wird der Fall ad acta gelegt.

Das sind die Waffen, die bei den Terroristen damals im Gepäck gefunden wurden.
Das sind die Waffen, die bei den Terroristen damals im Gepäck gefunden wurden. © imago

So massiv, so mörderisch, so international vernetzt beginnt dieses Jahr des Terrors in dieser weltoffenen Stadt. Derweil feiern die Münchner ihren Fasching so ausgelassen wie immer. Unauffälliger Gast ist damals ein 23-jähriger Jura-Student namens Bill Clinton aus New York. 23 Jahre später wird er Präsident der USA sein.

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